Zisch: Kärcher-Chef, Hartmut Jener, macht Lust aufs Zeitunglesen „Zeitungen sind systemrelevant“

Von cas 

Das Projekt „Zeitung in der Schule“ beginnt. Für drei oder sechs Wochen können Schüler die StZ im Klassenzimmer lesen. Wie wichtig lokale und regionale Informationen auch für ein globales Unternehmen wie Kärcher ist, erklärt Hartmut Jenner, der dem Winnender Weltmarktführer seit 18 Jahren vorsteht.

Kärcher-Chef Hartmut Jenner Foto: Blümler
Kärcher-Chef Hartmut Jenner Foto: Blümler

Stuttgart/Winnenden - Um die Terrasse winterfest zu machen, wird sie jetzt gekärchert. Kein Mensch redet vom Dampfstrahlen. Wenn also ein Markenname zum Begriff für eine Tätigkeit wird und jeder versteht, was gemeint ist – dann hat man es wohl geschafft. Das strahlt der Chef des Reinigungsgeräteherstellers Kärcher aus Winnenden, Hartmut Jenner, auch aus. Er fordert ein Lernfach für den besseren Umgang mit digitalen Medien.

Herr Jenner, Sie sind Diplomkaufmann und Diplomingenieur, ein fleißiger Chef, waren Sie immer schon so fleißig?

Ich komme aus der Landwirtschaft. Da wird der Fleiß quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Fleiß ist Bestandteil allen Tuns und Seins. Um erfolgreich zu sein, gilt für mich diese Formel: 97 Prozent Fleiß, zwei Prozent Talent und ein Prozent Glück. Und das bleibt auch später im Job so. Wenn man seine Arbeit gut erledigen will, muss man sehr viel Wissen und Informationen aufnehmen, das heißt, auch Akten oder Zahlenkolonnen studieren. Noch wichtiger ist allerdings, mit Menschen gut umgehen zu können.

Wie geben Sie dieses Wissen und Ihre Einstellung an die Auszubildenden weiter?

Ich begrüße alle Auszubildenden und Studenten persönlich, sage etwas zum Unternehmen Kärcher und beantworte Fragen – da weise ich natürlich auf das Thema Fleiß und Ausdauer hin. Kärcher kann jungen Leuten tolle Rahmenbedingungen bieten. Aber am Ende müssen es die jungen Leute schon selbst machen.

Wie viele Auszubildende hat Kärcher?

Im Moment sind es pro Jahrgang 200. In Summe sind es knapp sechs Prozent. Wir haben eine große Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten – wir bilden sogar Köche oder Fachinformatiker aus –, und unsere Ausbildungsleiterinnen und -leiter sind ­äußerst kreativ. Darauf bin ich sehr stolz. Wir haben die gesamte Wertschöpfungskette von Produktion bis Vertrieb bei uns im Haus, das macht sicher den Reiz des Unternehmens aus.

Kärcher konkurriert in der Region mit sehr vielen tollen Unternehmen. Womit gewinnen Sie gute, junge Leute?

Wir bieten vieles: Azubis bekommen 75 Prozent der Monatskarte für öffentliche Verkehrsmittel erstattet, in vielen Fällen sogar 100 Prozent. Auch waren wir unter den Ersten, die Telearbeitsplätze angeboten haben. Darüber hinaus: Wir sind eine gute Marke, die man kennt. Und wir können als Familienunternehmen langfristig planen, weil wir in zehn Jahren noch dieselben Eigner haben. Und nicht zuletzt reizte mich schon als Berufsanfänger, dass wir ein globales Unternehmen sind. Wir machen nur noch 15 Prozent des Umsatzes in Deutschland. Man hat hier Kontakt in alle Welt. Und es gefällt jedem, in einem erfolgreichen Unternehmen zu arbeiten. Wir ­haben im vergangenen Jahr allein in Deutschland 27 000 Bewerbungen bekommen.

Als globales Unternehmen, wie wichtig ist Ihnen das Lokale, auch in der Zeitung?

Es gibt nichts Globales ohne das Lokale. Das gilt ja auch für Ihr Geschäftsmodell, das durch die Digitalisierung durchaus infrage gestellt wurde. Ich bin ganz sicher, dass Sie als lokale Zeitung niemals Ihren Platz verlieren werden, wenn Sie lokale Nachrichten anbieten und die schnell verbreiten. Je globaler die Menschen werden, desto wichtiger wird ein lokales Umfeld. Stichwort Nachbarschaft, das ist sehr wichtig! Jedes Unternehmen muss sich fragen, was ist mein USP („unique selling point“, Alleinstellungsmerkmal, Anmerkung der Redaktion). Wenn man den gefunden hat, muss man Gas geben.

Wie lesen Sie Zeitung?

Ich lese über den Tag verteilt zehn Zeitungen. Ich bin ein echter Zeitungsfan, ich war schon immer eher an Nachrichten interessiert, weniger an Büchern. Schon als Schüler las ich die Zeitung, bevor ich zum Bus ging. Und heute rege ich mich am allermeisten darüber auf, wenn meine Zeitung morgens noch nicht im Briefkasten ist. Das ist ein schlechter Start in den Tag.

Lesen Sie lieber Print oder online?

Das ist mir egal. Beim Frühstückskaffee lese ich gerne Gedrucktes, unterwegs online. Früher kam ich von Reisen zurück und habe dann die Zeitungen einer ganzen Woche nachgelesen. Online zu lesen ist einfach sehr praktisch, und man ist immer auf dem Laufenden, am Flughafen zum Beispiel hat man so viele Wartezeiten. Ich kann Print tatsächlich aber schneller lesen, weil ich dann diagonal lese. Digital muss ich scrollen, das dauert länger.

Sie reden so begeistert wie ein Zeitungsmann, möchten Sie die Branche wechseln?

Ich finde das Thema Zeitung extrem wichtig. Was junge Menschen über Twitter, Facebook und Co. erfahren, steht teilweise im haarsträubenenden Widerspruch zum Wahrheitsgehalt. Früher gab es den Brockhaus oder den Duden – das war die Wahrheit, beides vielfach geprüft. Heute gibt es Wikipedia, das ist schon weniger geprüft – aber nicht mal das wird ja gelesen. Das heißt, man hält die getwitterte Information von irgendjemandem für wahr. Um aber beurteilen zu können, ob etwas stimmen kann, muss man ein breites Wissen haben. Und diese Rolle sollte die Zeitung mitübernehmen. Das andere: Durch die extreme Kürze solcher Informationshappen geht viel verloren. Man muss aber doch wissen, woher zum Beispiel ein Konflikt kommt – das geht nicht mit wenigen Zeilen. Und das leisten Zeitungen, das ist systemrelevant.

Glauben Sie, dass man, um in der digitalen Welt Schritt zu halten, zu früh nur noch aufs Digitale setzt?

Viele glauben, dass man im Kindergarten mit dem Tablet anfangen sollte, das glaube ich nicht. Ich bin ein großer Freund eines großen Allgemeinwissens, um einschätzen zu können, ob eine Information glaubwürdig ist. Ich habe ein Grundvertrauen in meine Zeitung. Sie haben gelernt, was Sie da tun – nicht den Beruf des Weiterpostens.

Merken Sie das auch an Ihren Azubis, dass Grundlagen weniger geworden sind?

Auf eine Hilfswissenschaft kann man wohl nicht verzichten: die Mathematik! Bei Kärcher gibt es fast keinen Bereich, in dem sie kein Mathe brauchen. Und das Wissen in diesem Feld war früher sicher breiter angelegt. Aber ich will nicht alles schlechtreden. Doch neben der Stärkung des Fachs Mathematik und vielleicht einem alltagstauglicheren Ansatz brauchen wir ein Lernfach, das lehrt, wie man mit digitalen Medien richtig umgeht. Grundlage für alles ist und bleibt aber eine solide Allgemeinbildung.