ZKM Karlsruhe zeigt Browser-Kunst Künstler manipulieren das Internet

Das Netz steht Kopf: „Surface Browser“ (2003) von Tim Plaisted Foto: Plaisted

Wer im Netz surfen will, braucht einen Browser. Immer wieder versuchen Künstler, Chrome und Safari Paroli zu bieten. Was bringen ihre subversiven Ideen?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Wer weiß, was Jonas Lund gerade treibt. Offenbar sitzt er mal wieder am Computer, ist irgendwo im Internet unterwegs. Wo, das kann man derzeit live im ZKM – Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe verfolgen. Denn der schwedische Künstler macht in einer seiner künstlerischen Arbeiten öffentlich, wann und wo er im Netz unterwegs ist – in Echtzeit.

 

Kunst über die Mechanismen des Internets

In diesem Moment sind auf dem Monitor in dem Karlsruher Ausstellungshaus allerdings nur einige rätselhafte Fenster zu sehen, die nicht wirklich Aufschluss geben, ob Jonas Lund tatsächlich gerade surft. Aber die neue Sonderausstellung „Choose Your Filter! – Browser Art seit den Anfängen des World Wide Web“ dringt ohnehin in Bereiche vor, die für viele Besucher Neuland sein werden. Es geht um „Browser Art“, also Kunst, die sich mit den Mechanismen des Internets befasst. Bereits als das Netz an den Start ging, reagierten einige computeraffine Künstler schnell auf die neuen Handlungsräume, die sich da auftaten. Die ältesten Beiträge sind sogar schon vor dreißig Jahren entstanden.

Das Tor zum Internet

Als 1991 die erste Webseite für die Öffentlichkeit zugänglich wurde, war das für die breite Bevölkerung alles andere als eine Sensation. Sehr viele Privatleute wagten erst Jahre später die ersten Schritte ins World Wide Web – wenn überhaupt. Bis heute wissen vermutlich auch jene, die selbstverständlich surfen, nicht so richtig, was eigentlich ein Browser ist. Er ist das Tor zum Internet. Wie ein Übersetzer holt er sich die Codes von Webseiten – und verwandelt sie so, dass wir auf unseren Monitoren Texte, Bilder und Filme sehen können. Das war und ist, was Künstler reizt: selbst als Browser zu agieren und Inhalte aus dem Netz auf ihre Weise zu übersetzen. Meist wollen sie mit ihren Antworten darauf hinweisen, dass die geheimnisvolle Technik, die hier am Werk ist, keineswegs neutral tätig ist. Die Künstlerin Jasmine Gufford macht mit ihrem Beitrag zum Beispiel auf schmerzlich-süße Weise bewusst, wie hemmungslos im Netz unsere persönlichen Daten abgegriffen werden – Stichwort Cookies. Die werden bei Guffords Installation in angenehme sphärische Klänge übersetzt. Die Besucher tippen Webadressen ein – und die Cookies, die sie bestätigen müssen, werden in Musik übersetzt. Eine Art Überwachungskomposition.

So wirbt das ZKM: Collage von Konstantin Mitrokhov, die auf Rafaël Rozendaals Kunstwerk „Abstract Browsing“ basiert. Foto: ZKM

Im ZKM wurde ein großer Technikfuhrpark aufgebaut. Hier werden HTML-Codes in einen Garten Eden verwandelt, darin hoppeln Häschen und flattern Schmetterlinge, deren Ästhetik allerdings so hässlich und künstlich ist wie bei den ersten Computerspielen, die auf den Markt kamen. Der Niederländer Rafaël Rozendaal hat Texte und Bilder kurzerhand durch verschiedene farbige Rechtecke ersetzt. Mehr noch: Er hat diese visuelle Übersetzung der Inhalte zu Teppichen verarbeitet.

Problematische Inhalte werden zu abstrakten Grafiken

Andy Deck geht weiter. Er will problematische Inhalte aus dem Netz verschwinden lassen und sorgt auf seine Weise dafür, dass Sex, Gewalt und Werbung durch abstrakte Grafik ersetzt wird – wenn auch nur im Museum. Tippt man zum Beispiel „afd.de“ ein, erscheinen hellblaue, weiße und rote Flächen und Linien.

So wandelt man von Monitor zu Monitor, tippt hier auf eine Tastatur und bewegt dort eine Maus. Die meiste Zeit verbringt man allerdings lesend, um überhaupt zu verstehen, was zu tun ist und welche Idee hinter vermutlich hunderten Stunden Programmierungsleistung steckt. Gut, dass die Texte zumindest leicht verständlich sind. Trotzdem weiß man oft nicht, ob das System gerade hängt oder es schon das Ergebnis ist, wenn man zum Beispiel „ZKM.de“ eintippt und dann zwischen endlosen Gittern nur ein einzelnes Foto von der Webseite des Museums zu sehen ist.

Dreißig Jahre „Browser Art“

Letztlich ist „Choose Your Filter!“ eine dieser Ausstellungen, die weniger das Publikum im Blick haben und mit sorgfältig ausgewählten Werken zu einem ernst zu nehmenden Dialog anregen wollen. Hier geht es eher darum, dreißig Jahre „Browser Art“ zu dokumentieren und zusammenzutragen, welche künstlerischen Experimente rund ums ZKM entstanden sind. Dazu haben ZKM und das Karlsruher Institut für Technologie KIT gemeinsam in mehreren Forschungsprojekten alte Werke aufgestöbert und wieder zum Laufen gebracht.

Aus Besuchersicht bestätigt sich dagegen auch hier mal wieder, dass Künstler sich keinen Gefallen damit tun, wenn sich ihre Werke nur mithilfe langer Gebrauchsanleitungen erschließen lassen. Auch der technische Aufwand steht mitunter in keinem Verhältnis zum inhaltlichen Mehrwert. Es benötigt nicht zwingend viel Hard- und Software, um darauf hinzuweisen, dass im Netz auch Negatives kursiert. Aufschlussreich ist da zumindest der Beitrag von Jonah Brucker-Cohen. Der amerikanische Künstler lässt das Publikum arbeiten: Nur wenn man eine altmodische Kurbel dreht, bauen sich im Rechner Seiten auf. Eine lehrreiche Übung, die aber auch ahnen lässt, wie viel Strom allein diese Ausstellung im ZKM tagtäglich verschlingt.

Choose Your Filter! ZKM – Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe. Bis 24. August. Geöffnet Mi bis Fr 10 bis 18 Uhr, Sa, So 11 bis 18 Uhr.

Internetkunst von Beginn an verfolgt

Anfänge
Bereits 1999 zeigte das ZKM Karlsruhe in der Ausstellung „net_condition“ ausschließlich Internetkunst. „Das Netz verwandelt die soziale Interaktion“, hört man in einem alten Video einen Sprecher sagen. Es hat sich bewahrheitet.

Ausstellung
bis 24.8., geöffnet Mi bis Fr 10 bis 18 Uhr, Sa, So 11 bis 18 Uhr. adr

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