ZKM: Ulrich Bernhardt Alle reden vom Wetter. Wir nicht.

In seiner Videoarbeit „Der Fluss“ von 1978 thematisierte Ulrich Bernhardt Vergehen und Vergessen. Foto: Ulrich Bernhardt/VG Bild-Kunst 2025

Ulrich Bernhardt ist ein Pionier der Medienkunst. Bekannt wurde er aber durch ein Plakat, das bis heute symbolisch für die 1968-er Bewegung ist.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Im Nachhinein ist es fast tröstlich: Auch als die ersten Fernseher die Haushalte eroberten, waren die Menschen aufgeregt und überfordert zugleich. Die ersten Kopiergeräte oder Videokameras – die meisten technischen Neuerungen wühlten auf – auch Künstler. Einer, der schon früh begann, die Innovationen auch künstlerisch zu nutzen, war der Stuttgarter Ulrich Bernhardt. Er gilt als Pionier der Medienkunst in Baden-Württemberg, weshalb das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe dem 83-Jährigen derzeit eine Ausstellung widmet. Und wenn man etwa vor den alten, rauschenden Fernsehgeräten steht, kann man das durchaus als positive Botschaft lesen, dass sich manche Furcht vor Neuem im Lauf der Zeit in Wohlgefallen aufgelöst hat.

 

In seiner ersten Videoinstallation „Der Fluss“ wollte Bernhardt auf das Fließen der Zeit hinweisen. Dazu laufen in einem alten Fernsehgerät Nachrichten. Das Bild des Sprechers, der von einer Flugzeugentführung von 1978 berichtet, verschwindet allerdings und stattdessen sieht man sich selbst plötzlich im TV-Gerät, das der Flüchtigkeit und dem Vergehen auf eigene Weise Vorschub leistet.

Kunst verstand Bernhardt immer auch als politisches Instrument

Ulrich Bernhardt gehörte zu einer Generation, die Kunst immer auch als politisches Instrument sah. So nutzte er für seine Serie „Liquidationen“ Zeitungsfotos. Als er 1967 in Stuttgart im Club Voltaire ausstellte, entfernte die amerikanische Militärpolizei Werke, die den Vietnamkrieg kritisierten. Schlagartig bekannt wurde er im gleichen Jahr mit einem Plakat, einem Wahlplakat für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Dabei griff Ulrich Bernhardt auf einen Slogan der Deutschen Bahn zurück: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“. Allerdings ergänzte er die Köpfe von Marx, Engels und Lenin. Kaum eine Studentenbude, in der das rote Plakat damals nicht hing. Und weil es international zu einem Symbol der 68er-Bewegung wurde, ist es bis heute ein Sammlerstück, das man noch immer kaufen kann – auch in Karlsruhe zu 250 Euro.

Nach dem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie arbeitete Bernhard kurzzeitig journalistisch beim Süddeutschen Rundfunk, entschied sich nach einem Forschungsprojekt an der Universität aber doch für die Kunst. In Stuttgart war er eine prägende Figur der Kulturszene und initiierte das Künstlerhaus, das er von 1978 bis 1986 auch leitete. Die Karlsruher Ausstellung erinnert an eine besondere Aktion mit „Mailing Art“. Dazu schickten Künstler, Kollegen und andere Personen aus aller Herren Länder ans Künstlerhaus Postkarten mit Kommentaren zum Fernsehen. Kinder zeichneten, bei dem Beitrag von Ute Wigand war die Flimmerkiste dagegen mit Backsteinen gefüllt, während jemand anderes auf seine Postkarte „Today Art is a prison“ schrieb. Mail-Art war, so Ulrich Bernhardt, dabei durchaus politisch gedacht und fungierte als „eine Brücke zwischen Ost und West, da war ja noch der eiserne Vorhang.“

Ulrich Bernhardt (li.) und ein Student der Kunstakademie Stuttgart mit dem bekannten SDS-Plakat. Foto: picture alliance/Fritz Reiss

Inzwischen wurde die gute, alte weiße Postkarte ebenso vom Fluss der Zeit mitgerissen und weitgehend vergessen, wie ein anderes, sehr viel dramatischeres Ereignis, mit dem sich Ulrich Bernhardt seit vielen Jahre beschäftigt: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. In der Ausstellung im ZKM steht eine Art Zelt, vor dessen Außenhaut 1440 Wecker ticken und daran erinnern, wie lang die Halbwertszeit von radioaktivem Material ist. „Radioaktivität ist und wird ewig sein“, kann man im Inneren des „Sarkophags“ lesen, in dem auch ein Schutzanzug und andere Gegenstände aus einem Kernkraftwerk versammelt sind.

Fernsehinterviews mit Männern, die damals in Tschernobyl tätig waren und von den gesundheitlichen Folgen erzählen, erinnern an die fatalen Folgen der Atomtechnik.

Bis heute ein kritischer Geist

Ulrich Bernhardt beobachtet voller Sorge, dass sie heute wieder diskutiert werde – „als wäre es eine Möglichkeit der Abschreckung“, wie er in einem Video sagt, das zur Karlsruher Ausstellung entstanden ist.

Er ist bis heute ein kritischer Geist und versucht zumindest künstlerisch gegen das Vergessen anzuarbeiten, denn die Folgen von Tschernobyl würden noch „46 000 Jahre präsent sein“ und Verdrängung sei entsprechend „katastrophal“.

Ausstellung bis 26.4., geöffnet Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag 11 bis 18 Uhr

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