Zölibat in der katholischen Kirche „Der Papst könnte Ausnahmen genehmigen“

Bis heute wurden hunderte verheiratete Männer für die Weihe vorgeschlagen – und die Päpste hätten das von Fall zu Fall auch genehmigt.

Stuttgart - Die Weihe verheirateter Männer stehe auch Deutschland offen, sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Leider sei sie zu umstritten.

 

Herr Wolf, die Bischöfe des Amazonasgebiets haben die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern verlangt; Papst Franziskus schweigt sich dazu aus. Sie wiederum sagen, die Tür bleibe offen.

Der entscheidende Punkt ist der: Bei früheren Synoden hat der Papst aus dem beratenden Abschlussdokument Teile übernommen und daraus ein eigenes verbindliches Schreiben gemacht. Damit war das Papier der Bischöfe rechtlich erledigt. Das tut Franziskus nicht. Er lässt das Abschlussdokument der Synode ausdrücklich als Ganzes bestehen. Damit bleibt auch der Vorschlag erhalten, verheiratete Diakone zu Priestern zu weihen.

Wie ginge das jetzt praktisch weiter?

Es gibt drei Möglichkeiten. Zuerst das Instrument der Dispens: Man schlägt immer wieder einzelne verheiratete Männer zur Weihe vor, und der Papst genehmigt das von Fall zu Fall. Das haben Päpste seit Pius XII. bei konvertierten verheirateten evangelischen und anglikanischen Pfarrern schon hundertmal gemacht. Die zweite Möglichkeit wäre eine generelle Ausnahmeregelung für Amazonien. Mit ihr könnten die Bischöfe Amazoniens prinzipiell ihnen geeignet erscheinende ständige Diakone mit päpstlicher Zustimmung zu Priestern weihen.

Und die dritte?

Die Amazonasbischöfe als die subsidiär zuständige kirchliche Autorität würden, so steht es im Abschlussdokument der Synode, eigenverantwortlich Kriterien und Ausführungsbestimmungen für die Weihe von verheirateten Männern erarbeiten und dem Papst zur Genehmigung vorlegen. Da ginge es etwa um Fragen: Wie sind die Weihekandidaten ausgebildet? Wie kann man sie und ihre Familien finanzieren? Welche besondere Begabung brauchen sie für das Amazonasgebiet?

Stünden diese Möglichkeiten auch den deutschen Bischöfen offen?

Wenn die Bischöfe in Deutschland wie die Bischöfe Amazoniens auf einer Synode mit ähnlicher Mehrheit einen solchen Beschluss fassen würden, stünde ihnen dieser Weg selbstverständlich offen. Aber ist ein solcher Beschluss angesichts der Zerstrittenheit der Deutschen Bischofskonferenz wirklich zu erwarten? Dazu bräuchte es auch eine Nationalsynode oder, noch besser, eine europäische Bischofssynode in Rom. Ein Synodaler Weg ist im Kirchenrecht nicht vorgesehen.

Muss man sich, wie die Amazonasbischöfe, darauf beschränken, nur Diakone für die Priesterweihe vorzuschlagen? Oder kämen auch studierte Laientheologen in Betracht, wie es sie hier viel häufiger gibt?

Wenn ich das Dokument richtig lese, bezieht sich der Kriterienkatalog auf drei Dinge: Die Kandidaten müssen in einer stabilen Ehe und Familie leben, sie müssen sich in der Gemeindearbeit bewährt und eine entsprechende theologische Ausbildung haben. Das haben Pastoralreferenten bei uns ganz sicher.

Es gibt viele Pastoralreferentinnen. Dann stehen wir schnell wieder vor der Frauenfrage.

Die Frauenfrage hat Papst Franziskus in wirklich schockierender Weise beantwortet. Dieses antiquierte Frauenbild passt nicht in die mitteleuropäische Kultur des 21. Jahrhunderts.

Da ist ja wohl eine Tür zugeschlagen, auch für Frauen als Diakoninnen.

Die Diakoninnenweihe ließe sich meiner Ansicht nach immer noch leicht begründen, weil es sie in der kirchlichen Tradition gab. Das könnte der Papst zulassen. Bei der Priesterweihe von Frauen kommt man mit diesem Argument nicht weiter, weil wir sie in der Tradition so nicht finden. Die Frauenfrage wird sich also ganz neu stellen und eindeutige Antworten verlangen. In Münster haben wir 2500 Theologiestudierende, davon sind 1500 Frauen. Wie wollen Sie diesen begabten jungen Frauen empfehlen, in den kirchlichen Dienst zu gehen, wenn ihre Rolle entweder die der Jungfrau oder der Mutter Maria ist?

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