Das hat Folgen für den zoologisch-botanischen Garten Wilhelma, wo nicht nur Tiere, sondern auch rund 8500 Pflanzenarten und -sorten nach Wasser lechzen. Der Park erstreckt sich auf rund 30 Hektar mit Linden- und Platanenalleen, Seerosenteich, Magnolienhain, Subtropenterrassen, wechselnder Blühbepflanzung, unzähligen Stauden und den altehrwürdigen Sequoias – Riesenmammutbäumen – im oberen Bereich der Anlage. „In Anbetracht der anhaltenden Trockenheit haben wir vor 14 Tagen unseren Schwerpunkt auf das Bewässern verlegt“, sagt Katja Siegmann, die Fachbereichsleiterin für Parkpflege in der Wilhelma.
Mammutbäume lieben es feucht
Jeden Morgen schwärmen sechs der 13 Gärtner im Park aus. Sie gießen, legen Sprühschläuche und verrücken sie, wenn die Böden genügend Feuchtigkeit aufgenommen haben. „Wir wässern allerdings nur alle zwei bis drei Tage, denn dann sinkt das Wasser tiefer, und die Pflanzen wurzeln in der Folge tiefer. So vermeidet man, dass Wurzeln und Wasser an der Oberfläche bleiben, wo die Feuchtigkeit viel schneller verdunstet.“
Ob das Wässern die Mammutbäume rettet? Sie sind vor 157 Jahren aus einer Saat von Bäumen gezogen worden, die im sehr feuchten Klima Nordkaliforniens zu gewaltigen Riesen herangewachsen sind. „Bei uns leiden sie zunehmend unter der Trockenheit im Winter und im Sommer“, sagt Katja Siegmann. Erste Schäden seien schon erkennbar. Mit Hilfe des Wilhelma-Fördervereins sind Sensoren auf drei Ebenen verbaut worden, die stündlich den Wert der Bodenfeuchtigkeit liefern. Zur Beregnung unter den Bäumen sind auch Hydranten installiert worden in der Hoffnung, das Sterben oder Erkranken der Baumriesen zu verhindern.
Das Gießwasser für die Parkpflege kommt normalerweise zum geringsten Teil aus der Leitung, weil die Wilhelma über ein großes Reservoir an Eigenwasser verfügt: aus der Auquelle, der Quelle im Maurischen Garten, dem Bellevue-Brunnen und aus dem Regenwasserhochbehälter im Rosensteinpark. Aus den Quellen sprudelt Mineralwasser, was die Flamingos wegen der angenehmen 17 Grad freut, viele Pflanzen hingegen vertragen die Salze nicht.
Stauden brauchen Wasser
Der Wasserhochbehälter sei in diesem Jahr schon mehrfach leer gewesen, weshalb die Gartenexperten zur Triage übergegangen sind. Der Begriff Triage kommt aus dem Französischen und bedeutet Auswahl oder Sichtung und ist eine Maßnahme zur Einschätzung der Aussichten auf Genesung – in diesem Fall auf Regeneration. „Wir verzichten an manchen Stellen auf das satte Grün und bewässern beispielsweise Wiesenflächen gar nicht mehr.“ Wildpflanzen würden sich dennoch sehr gut regenerieren. Entlang mancher Gehege passe eine steppenartige Landschaft gut ins Bild. Die Schmuck- und Schattenstauden hingegen brauchen wie der Wechselflor in den Beeten im unteren Anlagenteil regelmäßig Wasser.
„Es muss überdacht werden, ob wir solche wasserintensiven Bepflanzungen beibehalten“, stellt die Parkchefin in den Raum. An manchen Stellen hat der Wandel schon begonnen: bei den Pinguin-Gehegen sei man auf südafrikanische Pflanzen übergegangen, bei den Elefanten auf Gräser und andernorts auf mediterrane, trockenheitsresistente Skabiosen, Lavendel und Thymian. „Wir versuchen trotzdem, das harmonische, schöne Gesamtbild zu erhalten“, so Katja Siegmann.
Die Triage bleibt Björn Schäfer, dem Fachbereichsleiter der Botanik, weitgehend erspart. Sehr viele Pflanzen in den Glashäusern, allen voran die Orchideen, unterliegen dem Washingtoner Artenschutzabkommen. „Diese Pflanzen müssen wir schützen und hegen“, sagt der Revierleiter. Das gehe allerdings mit Mineralwasser nicht. „Es hat zu viele Salze. Damit geht alles kaputt – bis auf die Seerosen, die kommen super damit zurecht.“ Das Leitungswasser wiederum ist vielen Pflanzen zu kalkhaltig, damit bringe ich fast alle fleischfressenden Pflanzen um, auch die Orchideen, Farne, Kamelien, Azaleen und Bromelien.“
Dem Botaniker fehlt das Regenwasser
Erste Wahl beim Wässern ist für Björn Schäfer deshalb Regenwasser. Leider regne es nicht genügend, „und leider sammeln wir viel zu wenig Regenwasser im Park“, sagt er. Während die historischen Gebäude noch mit Rückführungen ausgestattet worden seien, habe man in den folgenden Jahrzehnten beim Bauen keinen Wert darauf gelegt, „Trockenheit war einfach kein Thema in Baden-Württemberg“. Bei allen neuen Gebäuden aber würde das Regenwasser wieder eingespeist, „wir rechnen mit jedem Liter“.
Schäfer muss eine Fläche von 10 000 Quadratmetern unter Glas hegen und pflegen. Ohne Regen bleibt nichts anderes übrig, als Leitungswasser in der Osmoseanlage zu destillieren und mit Mineralien zu versetzen, damit es Regenwasserqualität bekommt. „Eine energetisch teure Lösung“, sagt Schäfer, „aber alternativlos. Denn Regenwasser hat die Natur nun mal im Programm.“
Parks und Quellen in der Stadt
Parkflächen
Die Parkpflegerinnen und Parkpfleger der Wilhelma sind für circa 120 Objekte auf einer Fläche von 340 Hektar und 13 000 Bäume auf dem Stadtgebiet Stuttgart verantwortlich. Dies sind alles Landesliegenschaften. In den allermeisten Fällen sind dort keine Bewässerungsanlagen eingebaut. Nur im Oberen und Mittleren Schlossgarten sind in den Rasenflächen vollautomatische Beregnungsanlagen eingebaut.
Wassersparen
Gegossen werden dort nur noch Neupflanzungen und die Pflanzen, die unbedingt Wasser brauchen. Deshalb wird es dort nach und nach mehr braune Rasen und Pflanzflächen geben.
Neupflanzungen
Seit Jahren stellt die Parkpflege auf trockenheitsresistente Bepflanzung um.