Urbach - Hannah Inotay hat Kaffee gekocht, dazu gibt es Hafermilch. Auf dem Esstisch stehen drei rosa Kerzen in Eiform. An einem Schrank klebt eine Postkarte mit dem Schriftzug „Nur Mut“, und am Küchenblock hängen viele bunte Kinderzeichnungen. Maya, ihre vierjährige Tochter, ist gerade in der Kita im Erdgeschoss der barrierefreien Urbacher Wohnanlage. Hannah Inotay fährt im Rollstuhl an die freie Tischseite. „Ich weiß nicht, ob ich gut erzählen kann“, sagt die 30-Jährige. Die Sorge ist unbegründet.
Ich bin 1987 in der Filderklinik geboren und im Remstal aufgewachsen. Wir waren drei Kinder, ich habe noch einen sieben Jahre älteren Bruder und eine fünf Jahre ältere Schwester. Als ich zwei Jahre alt war, haben meine Eltern sich getrennt. Wir sind mit meiner Mutter mehrfach umgezogen, aber immer im Remstal geblieben. Meine Mutter ist Hebamme und hat viel gearbeitet. Ich bin wie meine Geschwister auf dem Engelberg in die Waldorfschule gegangen, da haben wir auch einige Jahre gewohnt. Die Schulzeit habe ich als sehr wertvoll erlebt. Ich war eine gute Schülerin, aber sehr faul. Ich habe nie Hausaufgaben gemacht. Zu Hause gab es da nie Druck, meine Mutter war nicht autoritär. Als ich in der sechsten Klasse war, hat mich ein Lehrer ermahnt: Ich solle nun auch mal was machen.
Ich war immer sportlich, war in der Zirkus-AG, bin Einrad gefahren, auf dem Seil balanciert, geritten. Als sich die Krankheit das erste Mal gezeigt hat, war ich 13. Wir waren im Freibad, haben Karten gespielt, ich lag länger auf dem Bauch. Zuerst dachte ich mir nichts dabei, als meine Hand eingeschlafen war. Doch es ging nicht weg. Meine Mutter ist mit mir am nächsten Tag zu unserem anthroposophischen Arzt. Er hat mir Globuli verschrieben. Dann fing auch die andere Hand an einzuschlafen. Da sind wir zu einem Nervenarzt, der hat mich zuerst in die Röhre geschoben und dann zur Uniklinik nach Tübingen auf die Kinderstation geschickt. Ich kam ins Krankenhaus – und meine Klasse fuhr ohne mich auf Kanutour nach Südfrankreich.
„Die Ärzte haben mir die Diagnose nicht direkt gesagt, aber der Name fiel“
Die Ärzte in Tübingen meinten, es könne zu leichten Rücken- und Kopfschmerzen kommen, als sie mir per Lumbalpunktion Nervenwasser entnommen haben. Doch es waren brutale Schmerzen. Ich war noch am nächsten Tag wie paralysiert, so richtig out of order. In den Proben wurden auch Borrelien gefunden. Ich glaube, MS hat viele Auslöser. Und ich denke, dass die Borreliose bei mir eine Rolle gespielt hat – auch wenn Schulmediziner sagen, das seien zwei Paar Schuhe. In meiner Familie hat sonst keiner die Krankheit.
Die Ärzte haben mir die Diagnose nicht direkt gesagt, aber der Name fiel: Multiple Sklerose oder Encephalomyelitis disseminata. Für mich war das ein Schock. Aus einem Lied kannte ich die Zeile „Nicht so krank wie Multiple Sklerose“. Und in einer der Zeitschriften, die mir mein Vater mitgebracht hatte, las ich einen Artikel über die Tochter einer MS-Kranken. Ich hatte Angst.
Zwei Wochen war ich auf der Station, dann hat meine Mutter mich rausgeholt. Sie hat auch verhindert, dass mir Beta-Interferon gegeben wurde, eine schulmedizinische Basistherapie. Als wir gingen, habe ich dem Arzt „auf Nimmerwiedersehen“ gesagt.
Meine Klasse kam zurück aus Südfrankreich, ich habe sie abgeholt. Ich bin recht unbefangen gewesen. Meine Freundin und ich haben gelacht, wenn sich mein kleiner Finger manchmal auf komische Art nach oben aufgestellt hat. Meine Mutter ist mit mir in die Schweiz gefahren, zur Paracelsus-Klinik, einem Zentrum für Alternativmedizin. Die haben dort meinen Körper untersucht und einen Ernährungsplan ausgearbeitet. Seither trinke ich keine Kuhmilch mehr und esse kaum noch tierische Produkte. Innerhalb von einigen Monate gingen die Gefühlsstörungen weg. Ich hatte keine Symptome mehr. Einmal fragte mich ein Klassenkamerad: „Hannah, da war doch mal was mit dir?“ Das ist vorbei, habe ich gesagt.
„Ich wollte keine Lücke im Lebenslauf haben“
Mit 17 hatte ich wieder einen Schub. Ich konnte plötzlich nicht mehr gut schreiben und auch nicht mehr rennen und springen. Nach weiten Strecken fing ich an zu humpeln. Es war nicht einfach für mich, weil ich als Jugendliche oft zum Tanzen gegangen bin und auf Konzerte. Meine Mutter hat mich dann nach dem Schub manchmal mit dem Auto bei der S-Bahn abgeholt, als ich nicht mehr so gut laufen konnte. Wir wohnten inzwischen in Plüderhausen auf dem Berg, das war sehr mühsam für mich. Aber ich war schon immer selbstständig. Als ich volljährig wurde, bin ich in Winterbach in meine erste eigene Wohnung gezogen.
Die Schule hat mich sehr unterstützt. Ich durfte die Abschlussprüfungen mit dem Computer schreiben, und für Mathematik bekam ich einen Schreibassistenten. Ich habe einen sehr guten Schulabschluss gemacht und bin anschließend nach Hamburg für ein Freiwilliges Soziales Jahr, das ich noch um ein Jahr verlängert habe. Ich habe in einer Einrichtung für schwerstmehrfachbehinderte Menschen gearbeitet. Das machte mir viel Freude. Hätte ich die Krankheit nicht, wäre ich vielleicht Heilerziehungspflegerin geworden.
Ich wollte keine Lücke im Lebenslauf haben. Ich wollte sein wie Otto Normal oder Otto Perfekt. Am liebsten hätte ich Soziale Arbeit studiert. Aber ein Studium konnte ich mir nicht leisten. Bei der Agentur für Arbeit schlug man mir vor, ich könnte Bürokauffrau werden. Das passt überhaupt nicht zu mir. Ich träumte davon wegzufliegen – nach Brasilien. Ein Freund vermittelte mir den Kontakt zu einer Bekannten in Portugal. Da habe ich mich beim Internetportal Couch Surfing angemeldet und bin nach Lissabon geflogen. Die erste Gastgeberin hatte ich ja schon. Die sechs Wochen waren eine sehr intensive Zeit. Danach wurde ich oft gefragt: „Und – hast du dich verliebt?“ Ja, habe ich geantwortet. In mich. Ich hatte mich in mich verliebt.
„Maya kam im Sommer 2013 auf die Welt, ohne Kaiserschnitt“
Ich war Backpackerin. Auch nach der Rückkehr aus Portugal. Ein Jahr lang hatte ich keinen festen Wohnsitz, bin viel getrampt. Angst hatte ich keine. Nur einmal war ich kurz verzweifelt, als mich eine junge Frau an einer Autobahn in der falschen Richtung abgesetzt hatte. Ich konnte doch nicht laufen. Aber auch das ist gut gegangen. Ich habe jemanden gefunden, der mich auf die andere Seite brachte. Ich schaffte es von Stuttgart nach Hamburg in sechseinhalb Stunden. Später bin ich sogar im Rollstuhl getrampt. Grenzen erschaffen wir uns selbst.
Nach der Auszeit habe ich mich schließlich für eine Ausbildung als Mediendesignerin entschieden. In dem Beruf gearbeitet habe ich aber nicht. Direkt im Anschluss wurde ich nämlich schwanger. Sechs Monate war ich da gerade erst mit meinem Freund zusammen gewesen. Die Beziehung war nicht gut für mich. Wir hatten uns über das Internet kennengelernt, es ging alles sehr schnell. Schon vor der Geburt hat er angefangen, mich zu schlagen.
Maya kam im Sommer 2013 in der Filderklinik auf die Welt, ohne Kaiserschnitt. Mein Engel! Ich hatte mir das gar nicht zugetraut: ein gesundes Kind zu gebären. Große Füße hatte sie. Mit ihrem Vater wurde es immer schlimmer. Er hat mir die Energie ausgesaugt. Ich bekam wieder einen Schub, da war Maya zehn Monate alt. Seither kann ich nicht mehr frei gehen. Etwa ein halbes Jahr später habe ich mich getrennt.
Ich bin eine gute Mutter. Ich gebe meinem Kind alles, was es braucht: Liebe und Aufmerksamkeit. Ich bin immer für Maya da. Sie ist mein großes Glück, ein Geschenk Gottes. Sie gibt mir ganz viel Kraft. Und sie bringt mich zum Lachen. Ich bin hier die einzige Alleinerziehende. Die anderen Kitakinder haben alle einen Papa zu Hause. Das ist für sie nicht immer einfach. Bald fahren wir das erste Mal richtig zusammen in den Urlaub. Ich will ihr das Meer zeigen. Mallorca, meine erste Pauschalreise. Wenn ich Behandlungen habe oder in die Reha muss, kümmert sich meine Mutter um sie. Maya nennt sie Omama.
„Ich würde gerne irgendwo leben, wo es das ganze Jahr über warm ist“
Schulmedizinisch lasse ich mich seit 2012 nicht mehr therapieren. Es ging mir damit nicht besser, eher schlechter. Ich habe viel gelesen und weiß sehr viel über gesundes Leben, das will ich irgendwann auch weitergeben. Ich glaube an eine Heilung aus der Natur und aus mir selbst heraus. Ich esse fast komplett vegan, sehr viel Rohkost. Den Anteil will ich noch erhöhen. Ich nehme viele Nahrungsergänzungsmittel und entgifte ein- bis zweimal im Jahr meinen Körper mit einer Fastenkur. Gerade mache ich eine Darmsanierung mit Schwefel. Ich benutze meist selbst gemachte Zahnpasta und kein Shampoo, sondern wasche mir die Haare mit Roggenmehl oder nur mit Wasser. Aber perfekt ist meine Lebensweise noch nicht. Ich sollte mehr trainieren. Und ich benutze weiterhin WLAN und trage Klamotten, in denen Plastik ist.
Der Mensch besteht aus Körper, Seele und Geist, die Gesundheit muss von allen Seiten angegangen werden, davon bin ich überzeugt. Im vergangenen Jahr war ich in Peru bei einem Schamanen. Ich bin trotz Rollstuhl alleine hingereist: mit dem Zug nach Frankfurt, weiter mit dem Flugzeug, in Barcelona und Lima bin ich umgestiegen, über den Amazonas ging es mit dem Schnellboot. Die Zeremonien haben mir geholfen, das Trauma mit meinem Ex loszulassen. Ich bereue die Zeit nicht, auch wenn ich noch nicht wieder laufen kann. Die Reise hat mir gezeigt, dass ich alles schaffen kann.
Demnächst bin ich für zehn Tage in der Schweiz bei einer Paranormalen Chirurgin. Sie verknüpft ihre Therapie mit Dao-Yoga, ein spirituelles Yoga, das viele Heilerfolge hat – es ist hochenergetisch. Ich bin gespannt. Maya ist in der Zeit bei meiner Mutter.
Ich würde gerne irgendwo leben, wo es das ganze Jahr über warm ist. Vielleicht in einer Kommune, um dann dort als Heilerin zu arbeiten. Aber solange ich behindert bin, bleibe ich in Deutschland. Ich fühle mich nicht behindert, doch ich bin es. Noch. In Peru habe ich zweimal geträumt, dass ich wieder laufen kann. Ich bin überzeugt, dass es so kommen wird. Ich werde wieder laufen können.
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