Zu Besuch in der Sternwarte Welzheim Hier funkeln die Sterne schöner als anderswo

Martin Gertz sind schon viele Astroaufnahmen geglückt. Gerne zeigt er sie auch bei Sternführungen mit Besuchern in der Sternwarte. Foto: privat

In der Sternwarte Welzheim kann man besser als anderswo im Rem-Murr-Kreis den Himmel beobachten. Mitten im Nichts können Besucher Führungen erleben. Mitarbeiter wie Martin Gertz, der der Astronomie restlos verfallen ist, fertigen Fotos an.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Beim Thema Sterne macht Martin Gertz keiner so schnell was vor. Der 59-Jährige kennt sich aus mit der Astronomie – hat über die Jahre viel gesehen, entdeckt, erforscht und ausprobiert. Doch es gibt Momente, da wird auch er noch immer ganz ehrfürchtig, beispielsweise dann, wenn er über den „Quasar SDSS J113228.23+525328.8“ im Sternbild Großer Bär spricht.

 

Das verwundert angesichts dessen extremer Seltenheit nicht wirklich, denn dieser aktive Kern einer Galaxie, der im sichtbaren Bereich des Lichts punktförmig zu sehen ist, ist das fernste Himmelsobjekt, das bisher in der Sternwarte Welzheim aufgenommen wurde. „Da wird einem wieder einmal ganz deutlich, dass wir hier nicht nur in die Ferne, sondern auch in die Vergangenheit schauen“, sagt Martin Gertz.

Denn das Licht der Sterne sei Jahre, Jahrmillionen, ja sogar Milliarden von Jahren unterwegs. Das Licht dieses Quasars, einem weit entfernten Radioobjekt außerhalb unserer eigenen Galaxie, sei zwölf Milliarden Jahre, das sind 12 000 Millionen Lichtjahre, unterwegs gewesen, bevor es vom 90-Zentimeter-Reflektor – dem Spiegelteleskop in der Ostkuppel der Sternwarte Welzheim – eingefangen wurde. „Als das Licht den Quasar verließ, das wir heute empfangen, war das Universum also noch recht jung, erst zwei Milliarden Jahre alt. Inzwischen sind 14 Milliarden Jahre seit dem Urknall, der Geburt des Alls, vergangen. Wir blicken da zurück zum Anbeginn von Raum und Zeit.“

Beobachtet werden Planeten, Kometen, Gaswolken, Sternhaufen, Galaxien

Mit den Teleskopen des Welzheimer Observatoriums beobachten Martin Gertz, Professor Hans-Ulrich Keller und die weiteren ehrenamtlichen Mitarbeiter – insgesamt sind es 15 an der Zahl – Planeten, Kometen, Doppelsterne, interstellare Gaswolken, Sternhaufen und Galaxien, zumindest dann, wenn das Wetter mitmacht und die Lichtverschmutzung sich im Rahmen hält. Denn die sei auch im Welzheimer Wald schon zu spüren. In den lichtüberfluteten Städten ist die Beobachtung des Sternenhimmels deshalb kaum noch möglich. Bedingt durch die Umweltemissionen sei die Aufhellung des Nachthimmels enorm angestiegen und das beeinträchtige mancherorts die astronomischen Beobachtungen.

Der Besucher betritt einen fast schon magischen Ort

Doch dort – beim Welzheimer Tor zu den Sternen, wo die weißen Kuppeln schon von Weitem zu sehen sind – betritt der Besucher einen fast schon magischen Ort, an dem der Himmel sternenreicher ist und die Himmelskörper schöner und heller funkeln als woanders. Die großen Teleskope lassen staunen. Besonders das „kleine Großteleskop“, wie Martin Gertz es bezeichnet, in der Ostkuppel ist mit seinem blauen Rahmen und dem beachtlichen Teleskop eine Erscheinung. Errichtet wurde das 400 000 Euro teure Gerät im Jahr 2006. „Es hat einen riesigen Spiegel, mit einem Durchmesser von 90 Zentimetern. Damit können wir in der Profiliga mitspielen, es ist hochpräzise, aber manchmal auch ein bisschen störrisch“, sagt Gertz.

Er kümmert sich in der Sternwarte Welzheim, der Außenstelle des Planetariums Stuttgart, um die technischen Dinge und fertig Aufnahmen an, die vom Planetarium genutzt werden. Wenn er sich auf die Suche nach einer speziellen Himmelserscheinung machen will, errechnet ihm der PC die Koordinaten, und dann legt sich der 59-Jährige mit viel Geduld auf die Lauer. „Man muss oft ganz lange belichten und dann mit der Kamera, die an das Teleskop angeschlossen wird, Aufnahmen machen. Am Computer sieht man dann später, ob sich die Jagd gelohnt und was man eingefangen hat.“

Mystische und geheimnisvolle Aufnahmen /privat

Und die Astroaufnahmen, die in den letzten Jahren durch die Teleskope in Welzheim entstanden sind, erzählen funkelnde und mystische Geschichten. In Form von glitzernden Punkten, buntem Nebel und anderen geheimnisvollen Formationen zeigt sich die geheimnisvolle Welt der Astronomie auf wunderbar anschauliche Weise: die totale Sonnenfinsternis 1999 zum Beispiel oder Aufnahmen der Mond-Alpen, Bilder als der Komet Hale-Bopp zu sehen war, Aufnahmen der Milchstraße mit Sternenstaub, rötlich leuchtender Rosettennebel oder Fotos der so schön klingenden Sonnenblumengalaxie. Die Abläufe sind komplett technisiert. Das Teleskop kann mit einem Gerät gesteuert und ausgerichtet werden. Die Aufnahmen werden erstellt und am Rechner addiert und kalibriert. „Da draußen gibt es Schätze und Geheimnisse. Die Faszination und Motivation ist es, einige aufzudecken“, sagt Gertz.

Er selbst hatte gleich mehrere Erweckungsmomente: Die Mondlandung 1969, als ihn die Eltern nachts zu sich riefen, hat den gebürtigen Winnender schwer beeindruckt. Passend dazu kamen später nach der Mechaniker-Ausbildung, als er an der Abendschule Maschinenbautechnik studierte, die Jahre als Versuchsmechaniker in der Luft- und Raumfahrttechnik. „Der dortige Professor Messerschmid, Physiker und Astronaut, hat mich sehr gefordert. Er meinte immer, im Weltraum waren Kotztüte und Rohrzange am wichtigsten“, sagt Gertz, der sich auch vorstellen könnte, ins All zu fliegen. Für astronomische Ereignisse hat er zumindest schon weite Reisen auf andere Kontinente gemacht. Als Nächstes würden ihn die Polarlichter in Skandinavien reizen. „Ich bin ein Kind des ,Space Age’. Es war klar, dass ich mich bei der Sternwarte bewerbe. Das ist meine Berufung“, sagt der Familienvater, der auch schon bei einem bekannten Stern ein unerforschtes Phänomen, eine Art Begleiter, entdeckt hat, was internationale Beachtung fand. „Das sind tolle Erfolge, für die ich schon viele Nächte durchgemacht habe.“

Höher, größer, schneller – in unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.

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