An diesem Tag, einem Montag, um zehn Uhr steht im Paulinenpark „Backen“ im Kalender. Ausstecherle und Kokosmakronen. In neun Tagen ist Heiligabend. Die Wirklichkeit ist hellgelb, wiegt knapp zwei Kilo und besteht aus einem Kilo Mehl, Fett und Zucker. Noch ruht alles in Form eines Klumpens unter Geschirrtüchern. Salvatore Arnone, ein hoch aufgeschossener Altenpfleger mit kulinarischen Fähigkeiten, hat den Teig am Vortag gerührt und geknetet. Ebenso wie den anderen Teig mit den Kokosraspeln, dem Eiweiß und dem Zucker.
So gehört es sich. Der Teig muss ruhen, bevor man ihn verarbeitet. Es wird dennoch eine klebrige und mehlige Angelegenheit werden. Aus den Lautsprechern schallen dazu passende Lieder wie „In der Weihnachtsbäckerei“. Arnone verteilt Schürzen, wischt den Backwilligen die Hände mit einem nassen Waschlappen ab und reicht Handtücher zum Abtrocknen. Dann streut er eine Handvoll Mehl auf dem Tisch und verteilt den Teig. Freiwillige vor! Es ist wie im echten Leben. Die Männer schauen lieber zu. Drei Frauen rollen je einen Batzen Teig aus. Das ist im Sitzen gar nicht so leicht, weiß Arnone. Aber jede Bewegung, jede Interaktion ist ein bisschen Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Es geht in diesen zwei Stunden nicht um Perfektion und die Dicke des ausgerollten Teigs. Jedenfalls nicht nur. Die Austecherle müssen halt einigermaßen gleich hoch sein, damit sie im Ofen auch gleichzeitig fertig sind.
Schöne Erinnerungen
Worum es geht, kann man vielleicht erahnen, wenn man der Frau mit den längeren weißen Haaren zuschaut. Ihr Name? Sie sagt ihn fürs Gespräch, aber draußen interessiere er nicht. In der Tat: Es gilt das Tun. Zwölferlei Sorten Plätzchen hat die 82-Jährige früher immer gebacken. Flachswickel mit Hagelzucker drauf und Husarenkrapfen mit Marmelade in der Vertiefung etwa. Aus ganz unterschiedlichen Teigsorten. Oder den Christstollen rechtzeitig zum ersten Advent. Man spürt in der Routine der Handgriffe und der Leichtigkeit, mit der sie mit zwei Löffeln die Makronen aus der Teigmasse formt, die Erfahrung vieler Jahrzehnte in der heimischen Küche. „Die war keine sechs Quadratmeter groß.“ Und trotzdem haben sie dort zu fünft gebacken. Es müssen schöne Erinnerungen sein, die jetzt bei jedem Handgriff durchblitzen. Minitannenbaum auf Minitannenbaum landet auf dem Backblech. Der Backofen ist schon vorgeheizt. Jetzt noch Eigelb auf den rohen Teig und danach die bunten Streusel.
Als Salvatore Arnone das erste Blech nach einer knappen Viertelstunde aus dem Backofen holt, riecht es ein bisschen nach Kindheit und Vergangenheit. Es ist eine der Momentaufnahmen in dieser so anderen Adventszeit, hinter der vieles für knapp zwei Stunden zurücktritt. Es geht dann nicht um die galoppierende Pandemie und die Diskussion in der Gesellschaft, wie man hochbetagte Menschen, wie sie hier in einer Wohnküche zusammensitzen, heil durch die Coronazeit bringt. In dieser Küchenrunde geht es nicht um Teststrategien oder Ausgangsbeschränkungen. Das „Bleiben Sie zu Hause“, wie es auf den Infotafeln an den Einfallstraßen der Stadt steht, ist für die meisten Bewohner selbstverständlich. Ihr Bewegungsradius ist aufgrund ihres Altern ohnehin beschränkt. Was für sie aber umso mehr zählt, ist: Wer darf an Weihnachten zu Besuch kommen? „Wir werden halt in Schichten feiern“, sagt die Bäckerin. Ihre Familie wird ihre Besuche über die Tage verteilt machen.
Die Weichen für diese Feiertagsbesuche richtig zu stellen, das ist dann der Part der Mitarbeiter, der Politik und indirekt auch der gelebten Rücksicht der Menschen, die gar keinen Angehörigen im Paulinenpark haben. Es ist eine Mischung aus der konsequenten Umsetzung des Hygienekonzepts des Heimes, verantwortungsvollen Besuchern, die ihre FFP2-Maske auch im Zimmer tragen und, wie der Heimleiter Eberhard Frei und die Hauswirtschaftsleiterin Katharina Lang offen sagen: dem gehörigen Quäntchen Glück. In Stuttgart steigt die Zahl der Toten in den Pflegeheimen zurzeit. Und selbst in Tübingen, wo der Oberbürgermeister Boris Palmer stets stolz auf die Strategie der konsequenten Testung von Besuchern der Heime verwiesen hat, gibt es inzwischen Covid-Sterbefälle.
Zwei Todesfälle, aber es könnte noch schlimmer sein
Jedem im Paulinenpark ist die Dauergefahr mehr als bewusst. Zwei Bewohner haben sie in dem Heim bisher an die Pandemie verloren. Zwei Leben, die zu Ende gegangen sind. Eine Frau starb im Krankenhaus, tödlich geschwächt vom Coronavirus aufgrund ihres schlechten Allgemeinzustands. Eine 91-jährige demente Bewohnerin klagte sonntags, sie fühle sich „irgendwie komisch“. Sie hatte Fieber. Der Corona-Schnelltest war positiv. Fünf Tage später war sie tot. Palliativ versorgt. Am vergangenen Wochenende ist eine weitere Frau gestorben, nicht an Corona, aber in diesen irren Zeiten. Die Mitarbeiter haben den Besuch von Freundinnen der alten Dame ermöglicht. Trotz der angespannten Lage. Den Physiotherapeuten haben sie jedoch abgesagt. Auch der Friseur kommt nicht mehr.
Katharina Lang jongliert gerade mal wieder mit den Dienstplänen – in Vertretung der Pflegedienstleitung. Engpass ist Dauerzustand. Es lagern Schnelltests in den Schränken, die Mitarbeiter werden zweimal in der Woche getestet. Jeder Bewohner hat zudem von der Stadt Stuttgart acht Gutscheine für Besucher-Schnelltests bekommen. Im Paulinenpark weisen sie Besucher aber darauf hin, sich – wenn irgendmöglich – nicht im Heim testen zu lassen. Andernfalls wären die hauseigen Kapazitäten schnell erschöpft: Der Heimleiter Frei müsste dauerhaft zwei Kräfte ins Foyer abstellen, die auf den Stationen dann fehlen würden Sie müssten Besucher voneinander separieren, bis das Testergebnis vorliegt. Feste Termine ausmachen. Vormittags oder am Nachmittag? Und was bedeutet das für den Sohn, der immer ganz früh nach der Nachtschicht seinen Besuch macht?
Wie schafft man Sicherheit
Aber auch manche Mitarbeiter sind durch die Verordnungen zum Lockdown verunsichert. Bei Eberhard Frei klingelt dann das Telefon. „Ja, Sie dürfen joggen“, erklärt er, „nur nicht nach 20 Uhr.“ Sein Telefon läutet in diesen Tagen oft. Frei hat ein Transparent in Auftrag gegeben, das er noch vor Weihnachten an die Fassade hängen will. In Abwandlung des Satzes aus der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums steht darauf: „Friede den Achtsamen, die guten Willens sind!“ Erst neulich hatte Frei eine Begegnung der unglaublichen Art: Eine fremde Frau stand unvermittelt im ersten Stock des Pflegezentrums – und suchte eine öffentliche Toilette. Während Frei das erzählt, legt sich seine Stirn über der FFP2-Maske in Falten. Die Bewohner sollen sich sicher fühlen – und auch so sicher wie möglich sein.
Inzwischen war das Corona-Mobil schon wieder da. Die Bewohner im dritten Stock stehen wieder unter Quarantäne und müssen in ihren Zimmern bleiben. Das ohnehin seit März auf ihren Stock begrenzte Gemeinschaftsleben findet für sie seit zwei Wochen nicht mehr statt. Eine Gewissheit gibt es jedoch in dieser Zeit sich ständig wechselnder Gegebenheiten: Die 69 Geschenkpäckchen für die Bewohner sind gepackt. Die Hauswirtschaftsleiterin Katharina Lang hat für jeden ein passendes Geschenk gesucht. An Heiligabend, wenn um 16.30 Uhr die letzten Besucher gegangen sind, gibt es das Weihnachtsessen. Danach ist Bescherung. Egal, was draußen passiert.
Hier geht es zu Teil 1 unserer Serie über das Stuttgarter Pflegezentrum Paulinenpark.