Stuttgarterinnen über Bodyshaming Wenn man sich für den eigenen Körper schämt

Ein Viertel der Deutschen ist schon aufgrund des eigenen Körpers beleidigt worden - uns erzählen drei Betroffene von ihren Erlebnissen. Foto: Unsplash/Anthony Shkraba

Sophie hat während der Pandemie ein paar Kurven bekommen, Johannas Mutter riet ihr zur radikalen Diät und Selina wird häufig gefragt, ob sie wohl genug isst. Drei Stuttgarterinnen sprechen über Bodyshaming und wie es ihr Körperbild verändert hat.

"Du hast aber ein süßes Bäuchlein bekommen? Vielleicht mal wieder etwas Sport machen? Wow, du hast aber echt viel abgenommen, oder?" Es sind Sätze, die bei den meisten Betroffenen lange nachhallen. Ob von den Eltern, die die Körper ihrer Kinder oder Teenager kommentieren, bis zu wildfremden Personen, die ungefragt Kommentare abgeben - unsere Körperwahrnehmung wird auch dadurch geprägt, wie andere unser Äußeres kommentieren.

 

Besonders Frauen sind betroffen

Nach Angaben einer YouGov-Umfrage haben schon 25 Prozent der Deutschen die Erfahrung von Bodyshaming gemacht. Dabei werden besonders häufig Frauen aufgrund ihres Körpers beleidigt (29 vs. 20 Prozent Männer). Doch auch junge Deutsche haben solche Beleidigungen oftmals erlebt: Vier von zehn der unter 35-Jährigen geben an, bereits Bodyshaming-Opfer geworden zu sein.

Drei junge Stuttgarterinnen erzählen von ihren Erlebnissen, toxischen Müttern und stellen sich die Frage, wie man damit umgehen soll.

Sophie, 21 Jahre

Ich habe zu Beginn der Pandemie viel Sport gemacht und daran Spaß gefunden. Dieses Jahr war ich allerdings stark in mein Studium und die Arbeit verwickelt, dass ich wenig bis kaum dazu gekommen bin Sport zu treiben. Meine Schwester hat mich vor ein paar Wochen gesehen und ihr erster Kommentar war, dass ich zugenommen habe und jetzt viel weiblicher aussehe. Seitdem habe ich wieder große Probleme mit meinem Selbstbild. So wie vor der Pandemie und bevor ich meine Freude am Sport wiedergefunden habe. Ich habe nicht viel dazu gesagt.

Eigentlich war ich nur kurz bei meiner Schwester, um etwas abzuholen und haben dann noch kurz geredet. Dabei ist auch dieser Kommentar gefallen. Ich habe eher versucht das Thema auf etwas anderes zu lenken und meinen Körper in meinem Mantel versteckt. Der Freund meiner Schwester war bei diesem Gespräch auch dabei und hat das wahrscheinlich auch wahrgenommen. Was die Situation eigentlich noch fraglicher macht war, dass meine Schwester von meinen essgestörten Gedanken weiß und sie sich trotzdem dazu entschieden hat, es zu sagen (auch wenn für sie der Kommentar nicht ins Gewicht fällt.)

Ich habe bisher keine diagnostizierte Essstörung. Ja, ich schreibe bisher. Probleme mit meinem Aussehen habe ich schon sehr lange, die haben in der Grundschule angefangen mit Kommentaren meiner damaligen Lehrerin und haben vor allem im Alter zwischen 13 und 17 Jahren ihren Höhepunkt gefunden in Äußerungen meiner damaligen Klassenkameraden. Ich glaube aber, dass sie nicht nur durch direkte Äußerungen entstanden sind, sondern vor allem auch durch Äußerungen, die nicht unbedingt an mich gerichtet waren kamen. Durch Kommentare von anderen Mädchen auf der Schultoilette über ihren eigenen Körper und der drauffolgende Komplimente-Hagel anderer anwesenden Freundinnen. Dadurch entstand bei mir ein sehr großes Geltungsbedürfnis.

Vor ein paar Monaten habe ich ein Buch über das Leben einer Frau mit Bulimie gelesen und ihren Weg daraus. Dabei habe ich gelernt, dass ich nicht Magersüchtig sein, exzessiv Sport treiben, oder mein Essen nach dem Verzehr wieder erbrechen muss, um als Essgestört zu gelten. Alleine essgestörte Gedanken sind ein Anzeichen und gehören eigentlich therapiert. Und genau da habe ich mein "Leiden" wiedererkannt.

Johanna, 35 Jahre

Da ich meine Familie am Beginn der Pandemie nur via Zoom gesehen habe, war die Überraschung beim ersten Besuch groß. Der Kommentar meiner Mutter - "Oh Gott, was ist mit dir passiert?" - traf mich besonders hart, denn ich hatte mich sehr auf das Wiedersehen gefreut. Sie ließ nicht locker und kommentierte das ganze Wochenende über mein Gewicht. Ich habe schon ein paar Kilo mehr auf den Rippen, fühle mich aber nicht übergewichtig oder fett. Auch wenn ich mich als selbstbewusst beschreiben würde, nagen diese Kommentare an mir. Da hilft es auch nichts, wenn mir mein Partner versichert, dass meine Kurven sexy sind und ich einen wunderschönen Körper habe.

WEITERLESEN NACH DIESEM VERLAGSANGEBOT

Stadtkind

Bleibe up-to-date mit dem Stadtkind-Newsletter.

Weiter Mehr erfahren

Die Kommentare bin ich eigentlich schon mein ganzes Leben gewohnt, da ich nie zierlich war. Als ich im Alter von sieben Jahren zum Ballett wollte und beim Vortanzen war, fing es eigentlich an. Wir gingen danach nach Hause und haben nie wieder etwas von der Schule gehört. Jetzt achte ich darauf, was ich zu mir nehme und fange mit ein wenig Sport an. Oft überfallen mich dabei Gedanken, dass ich meiner Mutter beweisen will, dass ich auch wieder dünner sein kann. Das macht mich nachdenklich und traurig.

Selina, 24 Jahre

Ich hatte aus verschiedenen Gründen vom Beginn der ersten Ausbrüche von Corona bis jetzt zehn Kilogramm abgenommen und war davor eigentlich auch „normal". Als es dann Richtung Frühjahr dieses Jahres ging, musste ich mir von so vielen Leuten irgendwelche Kommentare anhören, die wahrscheinlich nur gut gemeint waren. Aber so etwas will man auch nicht fünfmal am Tag hören.

"Du hast aber ganz schön abgenommen“, „Isst du genug?“, „Du könntest auch bisschen mehr vertragen..“. Ich habe das selbst nie kritisch wahrgenommen, aber es gab dann auch Zeiten, wo ich wirklich nicht mehr wusste, wie ich denn für alle anderen aussehe, denn ich selbst habe mich einfach nur als schlanker wahrgenommen. Diese Kommentare haben Richtung Sommer auch irgendwie Druck in mir aufgebaut. Was ist, wenn ich wieder zunehme? Kurzzeitig hatte ich dann Angst wieder normal zu essen, damit ich nicht mehr zunehme. Denn wenn Leute merken, dass ich Gewicht verloren habe, werden sie auch merken, dass ich wieder zugenommen habe. Auch meine Mutter hat mein Gewicht kommentiert und mir gesagt, dass ich magersüchtig aussehen würde. Ihr Kommentar hat mich sehr genervt, weil ich definitiv nicht magersüchtig bin und das Thema wirklich schlimm ist.

Jetzt bin ich glücklich mit meinem Aussehen und meiner Statur. Es fühlt sich irgendwie viel mehr nach mir an als vor Corona, aber ich muss diesen „neuen“ Körper trotzdem auch erst noch ganz akzeptieren. Ich hab einen ganzen Kleiderschrank voll Hosen, die nicht mehr passen und die einfach total bescheuert an mir aussehen. Bis ich die ausgetauscht habe, braucht es einfach Zeit und die hat es auch gebraucht, um die Kommentare aus aufrichtiger Sorge von den doofen oberflächlichen zu unterscheiden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Körper Gesundheit