Zu geringe Innovationsfähigkeit? „Rückwärtsgewandt“ – Stuttgarter Professorin kritisiert Autoindustrie

, aktualisiert am 19.05.2026 - 15:12 Uhr
Konzerne wie Mercedes und Bosch leiden unter einer alten Führungskultur, kritisiert Katharina Hölzle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig / Lichtgut Max Kovalenko

Konzerne wie Mercedes und Bosch leiden unter einer zu geringen Innovationsfähigkeit, kritisiert die Fraunhofer-Wissenschaftlerin Katharina Hölzle. Ein Grund sei die Führungskultur.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Die Leiterin des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Professorin Katharina Hölzle, hat Konzernen wie Bosch, Mercedes und anderen Unternehmen aus der Autobranche eine mangelnde Risikobereitschaft vorgeworfen. „Es fehlt der Mut zum Risiko, der Mut, in Forschung und Entwicklung zu investieren, und der Mut, etwas Neues auszuprobieren. Stattdessen fahren die Unternehmen Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten und auch Investitionen zurück“, sagte Hölzle unserer Zeitung.

 

Hölzle, die auch Technologiebeauftragte der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin ist, betonte, die Automobilindustrie transformiere sich „leider noch nicht umfassend genug“. Die Unternehmen seien zu lange davon ausgegangen, dass es so weitergehen könne wie bisher. Das sei zwar zutiefst menschlich, habe aber auch Innovationen behindert.

„Wenn wir uns nicht bewegen, passiert uns auch nichts“

Als einen weiteren Grund macht Hölzle die „rückwärtsgewandten Denkweisen gerade im Automobil- und Maschinenbau“ aus. Oft scheine sich die Führung zu denken: „Wenn wir uns nicht bewegen, passiert uns auch nichts“, so Hölzle.

Führungskräfte agierten wieder nach althergebrachten Prinzipien – „hierarchisch, machtbewusst, wenig Kommunikation auf Augenhöhe oder Empathie mit den Beschäftigten. Für die digitale Transformation braucht es aber diese Augenhöhe, denn das können sie nicht einfach verordnen“, betonte die Professorin.

Kritik an Homeoffice-Maßnahmen von Bosch und Mercedes – aber auch Verständnis

In diesem Zusammenhang sieht Hölzle auch, dass Bosch und Mercedes die Homeoffice-Tage massiv zurückgefahren haben. „Das hat natürlich mit klassischen Management- und Führungsprinzipien zu tun nach dem Motto: ,Wenn die Leute im Büro sind, dann arbeiten sie auch – zu Hause arbeiten sie nicht‘“, sagte die Leiterin des Fraunhofer-Instituts.

Professorin Katharina Hölzle, Leiterin des Stuttgarter Fraunhofer IAO und Technologiebeauftragte der Landeswirtschaftsministerin. Foto: Ludmilla Parsyak/Fraunhofer IAO

Hölzle betonte, gerade jene Menschen, die Wandel wollten und vorangetrieben hätten, seien ausgebremst worden und hätten sich als Folge in den vergangenen ein, zwei Jahren aus leitenden Funktionen zurückgezogen. Der Trend halte an.

Gleichzeitig habe sie auch Verständnis, da Mitarbeitende teils das Homeoffice in den vergangenen vier Jahren „extrem ausgereizt“ hätten. „Sie sind vielleicht aufs Land gezogen, an den Bodensee oder in andere Bundesländer. Die sagen dann, dass sie nicht drei, vier oder fünf Tage die Woche im Büro arbeiten können. Das geht halt auch nicht“, sagte Hölzle. Zudem hätten Mercedes und Bosch durch die hohen Gehälter und den Kündigungsschutz viel Flexibilität verloren.

Bosch und Mercedes haben Homeoffice-Regelungen verschärft

Bosch hat seine Homeoffice-Regelungen zum August dieses Jahres gekündigt: Beschäftigte sollen mindestens 60 Prozent der Wochenarbeitszeit im Büro oder beim Kunden verbringen. Zuvor war das mobile Arbeiten nicht eingeschränkt. Auf einer Podiumsdiskussion unserer Redaktion sagte Bosch-Chef Stefan Hartung, er verstehe nicht, wenn jemand drei Tage die Woche nicht im Büro sei. „Indem wir gemeinsam vor Ort anspruchsvolle Aufgaben meistern, stärken wir Innovationskraft, Teamgeist und Kreativität“, sagte Hartung.

Auch Mercedes holt die Beschäftigten derzeit verstärkt aus dem Homeoffice zurück, in manchen Abteilungen wünscht man sich gar, Homeoffice-Tage nur noch in begründeten Ausnahmefällen zuzulassen.

Das Fraunhofer IAO hatte jüngst in einer Langzeitstudie in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse (TK) das ideale Verhältnis von Homeoffice und Büroarbeit für die beste Effizienz des Unternehmens ermittelt. Demnach galten für die TK drei Tage Homeoffice und zwei Tage Büroarbeit als optimal – allerdings im Unternehmensschnitt. Zudem fokussierte sich die Studie auf die Arbeit von Sachbearbeitern.

Hinweis: Die Überschrift des Artikels wurde angepasst, da sich die Kritik nicht auf Mercedes und Bosch alleine, sondern auf die Autoindustrie in Gänze bezieht. Außerdem wirft die Leiterin des Fraunhofer IAO den Konzernen nicht unzulängliche Innovationsfähigkeit, sondern mangelnde Risikobereitschaft vor. Wir bitten, die Unschärfen des Originaltextes zu entschuldigen.

Weitere Themen