Zu viel Regen Viel Stroh, aber keine Körner

Weizenähren auf einem Feld. Die diesjährige Ernte ist weit unter Durchschnitt Foto: dpa-Zentralbild
Weizenähren auf einem Feld. Die diesjährige Ernte ist weit unter Durchschnitt Foto: dpa-Zentralbild

Baden-Württembergs Landwirte haben in den vergangenen Wochen weniger Getreide und Feldfrüchte geerntet als im Vorjahr. Gleichzeitig sind die Preise unter Druck.

Stuttgart - Im vergangenen Jahr war es eine ausgeprägte Trockenheit, derzeit ist es der Regen, der den 40 000 Bauern im Südwesten zu schaffen macht. Noch ist nicht alles Korn eingeholt, aber es zeichnet sich ab, dass in den Scheunen einige Ecken leer bleiben werden. Eine Übersicht über den Zustand der Landwirtschaftsbranche im Südwesten:

Die Erträge

„Viel Stroh, aber keine Körner“. Das ist knapp zusammengefasst das Fazit der diesjährigen Getreideernte in Baden-Württemberg. Nach Angaben des Landesbauernverbands (LBV) fuhren die Bauern im Südwesten in der aktuellen Erntesaison nach vorläufigen Daten eine um rund 12 Prozent geringere Ernte bei Getreide und Ackerfrüchten ein als im langjährigen Durchschnitt. Verglichen mit den vergleichsweise guten Vorjahreswerten beträgt das Minus sogar 15 Prozent. „Bei den Erträgen wurden wir deutlich enttäuscht“, sagte LBV-Präsident Joachim Rukwied, der gleichzeitig das Amt des deutschen Bauernpräsidenten bekleidet am Donnerstag auf einem Hof in Gebersheim. „Die Erträge schwanken dieses Jahr sehr stark auch innerhalb sehr kleiner Gebiete“, sagte Rukwied. In Gegenden wie der Region Stuttgart, dem Rheingraben und Teilen Oberschwabens habe es Einbußen von teilweise einem Drittel gegeben. Auf einzelnen Gemarkungen habe sogar bis zu 50 Prozent weniger Weizen geerntet werden können als im Vorjahr. Auch bei Erdbeeren, Spargel und Kirschen seien die Erträge enttäuschend. In Kartoffelanbaugebieten wie der Vorderpfalz sei es aufgrund von Pilzkrankheiten teilweise zum „Totalausfall“ der Kulturen gekommen. Eine ähnliche Entwicklung haben auch Winzer zu beklagen. Der Regenüberschuss der letzten Monate begünstigt die Ausbreitung von falschem Mehltau, einer Pilzkrankheit. „Stellenweise ist keine verwertbare Traube mehr auf den Weinbergen“, sagte Rukwied, der in der Nähe von Heilbronn selbst einen Acker- und Weinbaubetrieb bewirtschaftet. Lediglich bei Mais, Raps und Zückerrüben seien ordentliche Erntemengen absehbar. Überhaupt sei es nur modernen Pflanzenschutzmitteln zu verdanken, dass so viel von den Feldern gerettet habe werden können. „Hätten wir keinen Pflanzenschutz, hätten wir dieses Jahr Vollausfälle zu verzeichnen“, sagte er. Die Versorgung ist aber dennoch gesichert. „Die Verbraucher werden keine leeren Regale vorfinden“, sagte Rukwied.

Das Wetter

Bei der jährlichen Erntebilanz bemüht Joachim Rukwied gerne historische Vergleiche. 2015 verglich er die Stimmung der Bauern mit der Gefühlslage der Finanzwelt kurz nach der Pleite der Bank Lehman Brothers im Jahr 2008. Dieses Jahr sagte er, ein ähnliches Wetter vor 150 Jahren hätte Hungersnöte und Revolutionen hervorgebracht. Der Grund: Die Monate Mai und Juni verzeichneten sehr hohe Niederschlagsmengen. Wurzeln und Ähren bildeten sich nicht richtig aus. Erbsen- Kartoffel- und Bohnenfelder versanken im Wasser. Zu wenig Sonne führte zu einer schlechten Ausbildung der Körner bei Getreide. Besonders betroffen waren just hochwertige Böden, die das Wasser in Trockenperioden gut halten. Auf schlechteren, sandigen, Böden, die die Nässe gut abfließen lassen, erholten sich die Bestände dagegen. Eine positive Nebenwirkung hat der Regen allerdings. Die Heu- und Grasernte wird wohl historisch gut. „Wir haben so viel Gras geschnitten, wie sonst nur im Allgäu“, sagt etwa Hans-Georg Schwarz, der bei Leonberg einen großen Milchvieh- und Ackerbaubetrieb führt. Dieses Jahr habe man bereits vier Mal Grasschnitt eingefahren. „Das haben wir hier seit Jahrzehnten nicht erlebt."

Die Preise

Die Bauern stecken in der Zwickmühle. Das schlechte Wetter hat ihre Erntemengen einbrechen lassen. Gleichzeitig sind die im globalen Wettbewerb gebildeten Preise von Agrarrohstoffen wie Getreide unter erheblichem Druck – denn nicht überall läuft die Ernte schlecht. Russland und Osteuropa sowie die USA dreschen derzeit Höchstmengen. Die globale Weizenernte steuert mit rund zwei Milliarden Tonnen auf den historisch zweitbesten Wert überhaupt zu. Bauerpräsident Rukwied folgert daraus: „Bei niedrigen Erzeugerpreisen treffen die schlechten Ernteergebnisse die Betriebe besonders hart.“ Speziell für die Ackerbauern, sei 2016 „ein schlechtes Jahr“. Aber auch anderswo versiegen die Geldquellen. Die Milch-Erzeugerpreise notieren derzeit unter 25 Cent je Liter. Als auskömmlich für die Bauern gilt – je nach Region – ein Wert von 40 Cent. Soviel kostet ein Liter Milch derzeit etwa im Angebot beim Discounter. Ähnlich ist die Lage bei Schweinefleisch. Aufgrund des niedrigen Preisniveaus haben nach Daten des LBV zwischen 2010 und 2015 rund 45 Prozent der Fleischveredelungsbetriebe im Südwesten aufgegeben.

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