Zu viele Altrocker auf den Bühnen Highway to Hörschaden

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Auf den Konzertbühnen stehen ständig Rockbands, die nur noch mit Hilfe junger Gastmusiker die immer gleichen Hits durchnudeln. Menschen diesseits der 50 schlafen dabei die Füße ein. So darf das nicht weitergehen, findet unser Autor.

Die australische Band AC/DC (hier im Bild der Gitarrist Angus Young beim Konzert am Cannstatter Wasen in Stuttgart 2010) ist Teil einer alles dominierenden Rock-Gerontokratie, findet unser Autor. Foto: FACTUM-WEISE
Die australische Band AC/DC (hier im Bild der Gitarrist Angus Young beim Konzert am Cannstatter Wasen in Stuttgart 2010) ist Teil einer alles dominierenden Rock-Gerontokratie, findet unser Autor. Foto: FACTUM-WEISE

Stuttgart - Jethro Tull zum Beispiel. Oder besser: „Jethro Tull’s Ian Anderson“, wie es beim Auftritt in Balingen im Juli hieß. Oder noch besser, „Jethro Tull performed by Ian Anderson“. Am 16. November spielt diese – was eigentlich? Band? – im Beethoven-Saal in Stuttgart. Der Ankündigungstext klärt auf: „Dabei handelt es sich um eine Multimedia-Produktion, die ähnlich einem Theaterstück angelegt ist. Musik und Text präsentiert die legendäre Prog-/Folkrockformation live.“

Diese „Legende“ von einer Band wurde 1967 von Ian Anderson gegründet. Seither waren mehr als zwei Dutzend Musiker Teil von Jethro Tull. Der Flötist und Sänger Anderson, der die Band gegründet hat, nutzt diese Marke eifrig, um inzwischen fast fünfzig Jahre alte Songs aufzuwärmen.

„I am the God of Hellfire. And I bring you ...“

Als Spätgeborener ist es schwer, für die Musik der Generation Woodstock und die ihrer Nachfolger heute noch Begeisterung zu entwickeln. Arthur Browns Hit„Fire“ beispielsweise kann niemand mehr ernst nehmen, der in den Neunzigerjahren jenem Fernsehwerbespot ausgesetzt war, der mit einem fragmenthaft entstellten Auftakt des Songs ein Boxset mit Rockhits der Jahre 1968ff. zu grotesk hohen Preisen anpries: „I am the God of Hellfire. And I bring you …“

Wessen Musik auf solche Weise verramscht wird (und es traf beileibe nicht nur Arthur Brown), dem kauft man den antiquierten Sound und die damals vielleicht spektakulär wirkenden Bühnenposen (oh Gott, sein Helm brennt!) nicht ab. Gestandene Hardrock-Fans wenden jetzt ein, dass seit Ozzy Osbourne 1982 kein Musiker mehr auf der Bühne einer Fledermaus den Kopf abgebissen hat. Mag sein, aber Oz kennen Kinder der Nullerjahre eher als alten Knacker in der MTV-Serie „The Osbournes“. So jemanden feiert man beim Konzert anno 2016 höchstens auf ironische Weise. Oder weil „Paranoid“ uns Jungen von einer seligen Zeit berichtet, in der man mit einem einzigen simplen Gitarren-Riff einen Welthit landen konnte und auch mehr als vierzig Jahre später damit noch die Hallen füllt.

Bei David Gilmour im „Business Seat“

Große Namen werden heute mehr denn je zu großem Geld gemacht, und das trifft ganz besonders auf weiße Rockstars zu, die seit den späten Sechzigern populär geworden sind. Natürlich darf sich jeder Konzerte bis zu 250 Euro (im „Business Seat“) ansehen, etwa mit dem ehemaligen Pink-Floyd-Gitarristen David Gilmour, der dieses Jahr am Schlossplatz neun eigene und 14 Pink-Floyd-Songs gespielt hat. Wesentlich günstiger wäre ein Besuch der Show „Pink Floyd Performed by Echoes“. Ein solches Coverband-Konzert wäre zudem die ehrlichste Form, sich Jugenderinnerungen hinzugeben.

Es gibt andere schlimme Beispiele. AC/DC: haben für die ersten Gigs nach dem Ausstieg ihres an Gehörproblemen leidenden Sängers Brian Johnson den Guns’n’Roses-Frontmann Axl Rose mit gebrochenem Fuß im Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Queen: verschleißen immer neue Gastsänger, indem sie seit 25 Jahren die immer gleichen Lieder spielen, die eigentlich nur Freddy Mercury perfekt singen konnte. Simply Red: haben fast doppelt so viele ehemalige wie aktuelle Mitglieder und spielten in der Schleyerhalle den einzigen Song vom neu erschienenen Album erst als Zugabe.




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