Der Deutsche Kinderschutzbund bezeichnet den Mangel an Medizin für den Nachwuchs als „beschämend“ für das Land – und richtet einen Appell an Apotheker.

Der Deutsche Kinderschutzbund übt harte Kritik an der deutschen Gesundheitspolitik und fordert die Bundesregierung auf, möglichst schnell zusätzliche Medikamente für Kinder zu beschaffen. „Kinder sind die am schwersten getroffenen Opfer der Ökonomisierung des Gesundheitssystems“, sagte der Präsident des Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers, unserer Zeitung. „Es ist ein Armutszeugnis für die Politik, dass jetzt nicht einmal genug Medikamente und fiebersenkende Mittel für die Kinder vorhanden sind“, fügte er hinzu.

 

Nach den Worten Hilgers muss die Bundesregierung jetzt so schnell wie möglich handeln und Medikamente beschaffen. „Und sie muss dringend die Weichen dafür stellen, dass sich eine solche Situation möglichst nie mehr wiederholt.“ Das, was derzeit passiere, sei für viele Eltern dramatisch, sagte Hilgers. „Für Mütter und Väter ist es furchtbar, wenn ihr Kind hohes Fieber hat und kein Medikament bekommt.“

Der Markt versagt

Es zeige sich jetzt: „Die Ideologie, dass der Markt schon alles regelt – auch wenn es um die Gesundheit unserer Kinder geht –, ist falsch.“ Man habe zu sehr an der Versorgung der Kinder gespart. Hilgers verband dies mit klaren Forderungen: „Wir brauchen auf jeden Fall mehr Kapazitäten in den Kinderkrankenhäusern. Wenn wir die Feuerwehr nur bezahlen würden, wenn es brennt, gäbe es keinen vernünftigen Brandschutz mehr.“ Er warnte zugleich: „Bei den Kinderkliniken haben wir eine Unterversorgung, die keiner Notsituation standhält.“ Das sei beschämend für ein reiches Land wie Deutschland und müsse sich dringend ändern.

Kritik kommt auch von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Die Chefin des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, betonte: „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass kranke Kinder unter der aktuell mangelnden Lieferfähigkeit der Pharmaindustrie zu leiden haben.“ Angesichts von Lieferproblemen bei bestimmten Medikamenten seien vor allem die Apotheken und ihre Kompetenzen gefordert. „Wir vertrauen darauf, dass in dieser Notsituation das Fachpersonal den Patientinnen und Patienten mit Rat und Tat beiseite steht“, so Pfeiffer. Apotheken könnten etwa auch Fiebersäfte im Rahmen einer Rezeptur selbst anfertigen und bekämen dies bezahlt. Auch der Landesapothekenverband (LAV) rief die Apotheken im Südwesten auf, Präparate bei Bedarf selbst zu mischen.

Apotheker sollen selber mischen

Laut der Stuttgarter Apothekerin Martina Graeff mache sich die Notlage insbesondere bei fiebersenkenden Säften für Kinder und bestimmten Antibiotikapräparaten bemerkbar. Frank Eickmann vom LAV empfiehlt Eltern zudem, falls sie in Apotheken keine Medikamente mehr finden würden, Pillen für Erwachsene nach Absprache mit einem Mitarbeiter einer Apotheke selbst zu zerteilen und gering dosiert dem kranken Kind zu verabreichen.

Um ähnliche Notlagen in Zukunft zu vermeiden, fordert Thomas Heyer vom Hausärzteverband Baden-Württemberg eine Notreserve des Bundes oder der Länder für gängige Arzneimittel zur Verfügung zu stellen. „Letztendlich handelt es sich um ungefähr 50 Wirkstoffe, die vorgehalten werden sollten“, sagt er.