Zu wenig Organspenden in Deutschland Geschenktes Herz, geschenktes Leben

Bei einer Aktion der Organisation «Junge Helden» lässt sich Stefan Schwartze (SPD), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, ein Organspende-Tattoo stechen. Foto: dpa/Fabian Sommer

Zum Tag der Organspende am 1. Juni machen verstärkt Politiker auf das Thema aufmerksam – mit teils ausgefallenen Aktionen. Denn die Spendezahlen sind nach wie vor niedrig. Warum das so ist – und was die Landesregierung dagegen tun möchte.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Wenn Petra Stahl an den 3. März 2017 zurückdenkt, empfindet sie eine große Dankbarkeit. Denn der Tag ist zu ihrem zweiten Geburtstag geworden. „Ich bekam ein Herz geschenkt“, sagt die heute 65-Jährige aus Nagold im Schwarzwald. Ohne dieses Herz wäre sie nicht mehr auf der Welt. Eine seltene Erkrankung, Amyloidose genannt, bei der sich fehlerhafte Eiweiße unter anderem an den Organen ablagern und deren Funktion einschränken, hat ihr ursprüngliches Herz unheilbar geschwächt. „An der Uniklinik Heidelberg sagte man mir: Mit diesem Herzen leben Sie nicht mehr lange.“

 

Es war ein Schock für die damals 58-Jährige, die bis dahin von dem Ausmaß der Erkrankung nichts wusste. Von jetzt auf gleich wurde sie auf die Dringlichkeitsliste für Organspenden gesetzt. Monate musste sie in der Uniklinik Heidelberg verbringen – und sich mit dem eigenen Lebensende auseinandersetzen: „Es bleibt einem ja nichts anderes übrig, als zu warten.“ Und zu hoffen.

Aktuell warten 8400 Bundesbürger auf Spenderorgane

In dieser Schwebe zwischen Leben und Tod befinden sich nach Zahlen der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) rund 8400 Bundesbürger, die ein oder mehrere Spenderorgane benötigen; in Baden-Württemberg sind es rund 1000 Betroffene. „Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Axel Rahmel, der Medizinische Leiter der DSO. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 100 000 Bundesbürger so schwer krank sind, dass sie beispielsweise auf eine Dialyse angewiesen sind. „Etwa die Hälfte dieser Patienten könnte von einer Transplantation profitieren.“

Obwohl in Deutschland Umfragen zufolge etwa zwei Drittel der Bürger (73 Prozent) einer Organspende zustimmen würden, haben im vergangenen Jahr lediglich 965 Menschen nach ihrem Tod beispielsweise ihr Herz, ihre Leber, Lunge oder Niere gespendet. „Viel zu oft scheitern Organspenden an einer fehlenden Zustimmung“, sagt Rahmel. Dies gilt insbesondere für die Fälle, in denen Angehörige eine Entscheidung treffen müssen, ohne den Willen des Verstorbenen zu kennen.

Seit März gibt es das digitale Organspende-Register

Seit Jahren versuchen daher Politiker, Krankenkassen und Gesundheitsexperten, Selbsthilfegruppen und Aktionsbündnisse diese Diskrepanz aufzulösen: Die Bürger werden von Krankenkassen regelmäßig informiert, es werden Organspendeausweise verschickt, seit dem Jahr 2020 wird beim Ausstellen oder Verlängern von Personalausweis und Reisepass das Thema angesprochen, zudem gibt es seit März ein digitales Organspenderegister, in dem Bürger ihre Entscheidung für oder gegen eine Spende festhalten können.

Im Vorfeld des Tags der Organspende, der stets am ersten Samstag im Juni begangen wird, gewinnt das Thema auch unter Politikern neue Brisanz – wenn auch in teils innovativer Form: So ließ sich der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze, kurz vor Pfingsten bei einer Aktion im Bundestag ein Tattoo stechen – ein Kreis, dem sich zwei halbe Kreise anschließen. Mit der Aktion, die er gemeinsam mit dem Verein „Junge Helden“ initiierte, will er ein sichtbares Zeichen für die Organspende setzen. Weitere Abgeordnete folgten dem Beispiel des SPD-Politikers.

Manfred Lucha fordert Widerspruchslösung

Letztlich aber, so sehen es Experten wie Axel Rahmel, benötigt es deutlich mehr politsches Engagement, um die Zahlen von Organspenden in Deutschland zu steigern: „Es braucht die Einführung der Widerspruchslösung.“

Dabei würden Menschen im Falle eines Hirntodes als Organspender gelten, wenn sie dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen haben. In anderen Ländern wie Österreich oder Spanien hat dies zu höheren Transplantationsraten geführt. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung; demnach ist eine Organentnahme nur dann zulässig, wenn der Spender zu Lebzeiten zugestimmt hat. Diese wurde zuletzt im Jahr 2020 bekräftigt, als die Mehrheit des Bundestags die Widerspruchslösung abgelehnt hatte. Zu groß war die Befürchtung, das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen sei durch diese Lösung beeinträchtigt.

Bundestag soll über ein Gesetz entscheiden

Nun soll es einen neuen Anlauf geben – initiiert vom baden-württembergischen Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne), der mit seinen Amtskollegen aus Nordrhein-Westfalen und Hessen einen entsprechenden Antrag im Bundesrat vorgebracht hat, der mit großer Mehrheit beschlossen wurde: Nun muss die Bundesregierung erneut darüber debattieren, die Widerspruchslösung in das Transplantationsgesetz aufzunehmen – so schnell wie möglich, wie Lucha meint: „Es ist beschämend, dass wir in Europa eines der wenigen Länder ohne Widerspruchsregelung sind, wir aber gleichzeitig Organe aus anderen Ländern dankbar annehmen.“

Berechnungen, wie sich die Zahlen der Organspenden mit einer Einführung der Widerspruchslösung ändern könnten, gibt es nicht. Es gibt sogar Experten, etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die das Vorhaben kritisch sehen: Organspenden seien stets multikausal. So hätten Länder mit hohen Organspenderaten nicht nur eine Widerspruchslösung, sondern auch von Deutschland abweichende Strukturen in den Kliniken – und mitunter andere medizinische Voraussetzungen für eine Organspende. In Spanien etwa kann bereits beim Herzstillstand ein Organ entnommen werden.

Es braucht also weiterhin Menschen wie Petra Stahl, die sich ehrenamtlich dafür engagieren, das Thema Organspende in der Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte sichtbarer zu machen: Sie erinnert sich gut daran, wie sie das Herz in den ersten Tagen nach der Transplantation wahrgenommen hat: „Es bumperte so richtig“, sagt sie. Der Arzt sagt daraufhin lapidar: „Vorher hatten Sie ein Herz wie ein Zweitaktermotor, jetzt ist es ein Porsche.“

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