Freibad-Saison in Stuttgart In Freibädern drohen erheblich verkürzte Öffnungszeiten

Der Badespaß in Stuttgart ist getrübt: Im Sommer müssen die Hallenbäder schließen, und die Freibäder öffnen später. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Fachkräftemangel schlägt beim Eigenbetrieb Stuttgarter Bäder im Sommer voll durch. Bürgermeister Dirk Thürnau schlägt eine Zulage für die Beschäftigten vor.

Die Stuttgarter Bäderbetriebe leiden aktuell so stark unter Personalnot, dass aller Voraussicht nach im Sommer nicht nur alle Hallenbäder geschlossen bleiben, sondern auch in den Freibädern die Öffnungszeiten erheblich reduziert werden müssen. Bisher war nur im Untertürkheimer Inselbad ein Einschichtbetrieb gefahren worden. Die drei Thermen sind nicht betroffen. Als Hauptgrund für die Personalmisere gilt der Fachkräftemangel und die im Vergleich zur Konkurrenz unterdurchschnittliche Bezahlung. Der Bäderausschuss wird am Freitag über die Krise informiert.

 

1700 Euro netto sind kein Anreiz

Alexander Albrand, der Geschäftsführer der Bäderbetriebe, dürfte auf die erwartbare Frage der Stadträte, warum man sie erst nach der Öffnung des ersten Freibads auf die Probleme hinweise, gut vorbereitet sein. Seit Jahren, belegen frühere Ratsvorlagen, werden diese kommuniziert, offenbar sind die Warnlampen im Rathaus aber nicht angegangen. Der Betrieb sammelt Berichte über den Fachkräftemangel – allgemein und speziell im Bäderwesen, wo es um präsenzpflichtige Arbeitsplätze geht und sich der Mangel an Beschäftigten sofort auf das Leistungsangebot niederschlägt. Ausgebildete Aufsichtskräfte fehlen bundesweit in vierstelliger Zahl. Der Bundesverband sieht einer düsteren Zukunft entgegen, in der es nicht in erster Linie wegen steigender Betriebskosten und defizitärer kommunaler Haushalte zu Bäderschließungen kommen werde, sondern weil diese nicht mehr durchgehend beaufsichtigt werden könnten.

In Stuttgart, wo die Lebenshaltungskosten extrem hoch sind, wird ein Fachangestellter für Bäderbetriebe nach der Ausbildung in die Entgeltgruppe 5 des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst eingestellt. Von 2600 Euro bleiben rund 1700 Euro netto. In München etwa verdient man 300 Euro brutto mehr, außerdem gibt es eine Zulage von 270 Euro. Ein Grund: Dort wird nach dem Tarifvertrag der Versorgungsbetriebe bezahlt. Man muss aber nicht nach Bayern schauen. Auch die Konkurrenz in der Region Stuttgart bezahle deutlich besser, sagt Bäderbetriebe-Sprecher Jens Böhm. Aber auch die Kollegen hätten Probleme mit der Stellenbesetzung. Er hat aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Stadträte ein Einsehen haben und für eine Attraktivierung der Arbeitsplätze sorgen.

Weitere Kürzungen drohen

Stuttgart ist im Vergleich zu anderen Städten mit öffentlichen Bädern gesegnet und glänzt auch mit überproportional langen Öffnungszeiten von 90,5 Stunden pro Woche. Das sind 30 Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. In Stuttgart sind fürs Leuze, das Mineralbad Berg und das Solebad Cannstatt 47 Aufsichtsvollzeitkräfte veranschlagt, für die acht Hallenbäder (Feuerbach, Heslach, Plieningen, Sonnenberg, Vaihingen, Zuffenhausen, Leo-Vetter-Bad, Sportbad Neckarpark) sind es 30 Stellen. Für die fünf Freibäder werden 56 Kräfte benötigt. Indem Schwimmkurse gestoppt, die Hallenbäder geschlossen, das Möhringer Freibad wegen Sanierungsarbeiten geschlossen und sechs neue Mitarbeiter (von 32 Bewerbungen) eingestellt wurden, hat man Personalkapazitäten geschaffen – aber es fehlen nun immer noch zwölf Aufsichtsvollzeitkräfte. Deshalb sind weitere, bisher noch nie vollzogene Einschränkungen nötig. Die Freibäder und das Saunaangebot im Mineralbad Berg werden auf einen Einschichtbetrieb reduziert. Für das Inselbad bedeutete das im vergangenen Jahr eine Öffnung nur von 11 bis 20.30 Uhr (inklusive Vor- und Nachbereitung ging der Dienst von 10.30 Uhr bis 21.15 Uhr). Trotz dieser geplanten, aber noch nicht final beschlossenen Einschränkungen bleibt ein Defizit von 1,5 Arbeitskräften. Das bedeutet: Die Öffnungszeiten müssten kurzfristig womöglich noch stärker reduziert werden.

Bürgermeister sieht schwarz

Der Ausblick ist düster: Das temporär benötigte Servicepersonal werde sich wohl „auf absehbare Zeit nicht mehr in ausreichender Zahl rekrutieren lassen“, schreibt der zuständige Bürgermeister Dirk Thürnau (SPD). Um dennoch ein planbares Bäderangebot zu gewährleisten, schlägt er vor, die Zahl der Ausbildungsplätze von sieben auf zehn zu erhöhen und neues Personal für die Hallenbäder Heslach und Zuffenhausen unbefristet einzustellen. Diese könnten dort dringend nötige Schwimmkurse abhalten und im Sommer in den Freibädern arbeiten. Natürlich müsste künftig allen Mitarbeitern eine Zulage bezahlt werden. Und man muss sich wohl an die Schließung der Hallenbäder im Sommer für die Öffentlichkeit gewöhnen.

Können die Schwimmvereine helfen?

Womöglich fühlen sich in Anbetracht der Krise auch die einen oder anderen Aktiven der in Stuttgart ansässigen Schwimmvereine verpflichtet, zur Aufrechterhaltung des Bäderbetriebs beizutragen, hofft man im Rathaus. Immerhin hat man auf Kosten der Steuerzahler ein modernes Bad für den Schwimmsport finanziert. Für den Einsatz in der Wasseraufsicht benötigt man jetzt nur noch eine schnell zu absolvierende kombinierte Rettungsübung und einen Erste-Hilfe-Kurs. Die Bäderbetriebe bieten diese Qualifikation an.

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