Zu wenig Praxisplätze in der Region Pflege-Lehrstellen in Gefahr

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Die Reform der Pflegeausbildung stellt Kliniken und Schulen vor große Herausforderungen. Der Rems-Murr-Landrat Richard Sigel warnt: Es gibt zu wenige Plätze für den praktischen Einsatz in der Pädiatrie.

Praktikumsstellen wie diese in der Kinderklinik des Rems-Murr-Klinikums, sind gefragt. Foto: Gottfried Stoppel
Praktikumsstellen wie diese in der Kinderklinik des Rems-Murr-Klinikums, sind gefragt. Foto: Gottfried Stoppel

Rems-Murr-Kreis - Die Pflegeausbildung in Deutschland ist grundlegend verändert worden. Während Altenpfleger, Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger bisher jeweils eigenständige Ausbildungswege beschritten, starten angehende Pflegekräfte ungeachtet der späteren Spezialisierung seit diesem Jahr gemeinsam in eine sogenannte generalistische Lehre. Das bedeutet: Die ersten beiden Ausbildungsjahre sind für alle gleich, danach, im dritten Jahr, können sich die Azubis entscheiden, welche genaue fachliche Ausrichtung sie einschlagen wollen.

Zu wenig Einsatzplätze im Bereich der Kinderheilkunde

Die Vorbereitungen zur Umsetzung dieser Pflegeberufe-Reform liefen im Rems-Murr-Kreis längst auf Hochtouren, teilt das Waiblinger Landratsamt mit. Und im Bereich der ambulanten Dienste sei man auch durchaus gut aufgestellt. Anders hingegen stelle sich die Lage im Bereich der Pädiatrie, also der Kinderheilkunde, dar. Dort seien deutlich zu wenige Einsatzplätze für angehende Azubis vorhanden – „trotz intensiver Bemühungen des Landkreises, der Rems-Murr-Kliniken, der Pflegeschulen sowie der Träger der praktischen Ausbildung“, wie man seitens der Behörde betont.

Das bestätigt auch Claudia Bauer-Rabe, die Leiterin des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden: Die dortige Kinderklinik und die Kinderpsychiatrie im benachbarten Schloss Winnenden schafften es zurzeit nur mit Mühe, ihre eigenen Auszubildenden für die Pflichteinsätze unterzubringen – Plätze für alle jährlich rund 250 Pflegeberuf-Azubis im Rems-Murr-Kreis bereitzustellen, sei hingegen aktuell ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Nachweis ausreichender Plätze für alle Bereiche der Praxiseinsätze ist allerdings nach Vorgaben des Sozialministeriums Pflicht, um überhaupt Lehrstellen anbieten zu können. Die Konsequenz wäre, dass insgesamt deutlich weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen werden könnten, als dies eigentlich möglich wäre.

Vor dem Hintergrund des großen Fachkräftemangels im Bereich der Pflegeberufe wäre das nach Ansicht von Experten eine fatale Konsequenz. So warnt etwa Thomas Nehr, der Geschäftsführende Vorstand der Diakonie Ambulant aus Murrhardt: „Wir laufen hier in eine Sackgasse, die uns im schlimmsten Fall die Hälfte unserer Ausbildungsplätze kosten könnte – im Rems-Murr-Kreis rund 130.“ Und in anderen anderen Kreisen und Städten im Land sehe das ganz ähnlich aus.

Landrat: Flexiblere Übergangszeiten nötig

Der Landrat Richard Sigel hat sich deshalb an den Sozialminister Manne Lucha gewandt – mit dem dringenden Appell, flexiblere Übergangszeiten zum Aufbau der Einsatzpläne in der Pädiatrie möglich zu machen. Aus Sicht der Sozialdezernentin Stefanie Böhm wäre es außerdem hilfreich und sinnvoll, die Liste geeigneter Einrichtungen zu ergänzen, „zum Beispiel um Kindertagesstätten mit Kindern unter drei Jahren“, sagt Böhm.

Die Zeit für eine Lösung drängt, denn bereits im April starten die ersten Ausbildungsgänge zu Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann neuer Prägung. Die Pflegeschule Backnang etwa führe derzeit bereits Bewerbergespräche für die Ausbildung, die im Herbst beginnen soll, sagt Eckhart Jost, der Geschäftsführer der Stiftung Altenheime Backnang und Wildberg. „Wir brauchen verbindliche Zusagen seitens des Ministeriums, um diese hoch motivierten jungen Menschen nicht an andere Ausbildungsberufe zu verlieren.“ Denn das, so Jost, „wäre hinsichtlich des Fachkräftemangels fatal“.

Die Reform zur Pflegefachkraft

Ausbildung
Das neue Berufsbild Pflegefachmann beziehungsweise -fachfrau ersetzt die bisherigen Ausbildungsgänge zum Gesundheits- und Krankenpfleger, zum Kinderkrankenpfleger und zum Altenpfleger. Die Azubis absolvieren mehrwöchige Praxiseinsätze in fünf Fachbereichen, um so einen „pflegerischen Rundumblick“ zu bekommen.

Netzwerk
Die Pflegeschulen im Rems-Murr-Kreis bereiten die neue generalistische Pflegeausbildung bereits seit Anfang des Jahres 2018 gemeinsam vor. Zum Netzwerk Pflege gehören das Winnender Bildungszentrum für Gesundheitsberufe sowie die Ludwig-Schlaich-Akademie der Diakonie Stetten, die Schule am Jakobsweg der Paulinenpflege Winnenden, die Pflegeschule der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft in Weinstadt, die Pflegeschule Staigacker in Backnang, die Pflegeschule Kloster Lorch, Camphill Ausbildungen Fellbach sowie die öffentliche Maria-Merian-Schule am Beruflichen Schulzentrum Waiblingen. Das Landratsamt koordiniert mit einer eigens dafür eingerichteten Stelle die Umsetzung der Reform im Rems-Murr-Kreis und unterstützt die Aktivitäten des Netzwerks Pflege.

Einrichtungen
Im Rems-Murr-Kreis gibt es 64 Altenpflegeheime für die stationäre Langzeitpflege, 43 ambulante Pflegedienste für die häusliche Pflege, die Rems-Murr-Kliniken für die stationäre Akutversorgung mit den Standorten Winnenden und Schorndorf sowie das Zentrum für Psychiatrie Klinikum Schloss Winnenden im psychiatrischen Bereich. Die Einrichtungen stellen die Plätze für die praktische Ausbildung in allen Teilbereichen.