Die Saison in den Freibädern hat begonnen. Aber wie ist es um die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung bestellt? Petra Sträter von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zufolge hat sie in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Für diese Aussage spricht eine Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa. Demnach hat sich der Anteil der Nichtschwimmer bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren von 2017 bis 2022 bundesweit verdoppelt.
Als Grund dafür sieht Sträter, dass es in Schulen nicht genug Schwimmunterricht gebe. Die Vorsitzende des DLRG-Ortsverbandes Reichenbach sagt: „In den Bildungsplänen des Landes steht, dass jedes Kind zum Ende der Grundschulzeit ein sicherer Schwimmer sein sollte.“ Mit dem Prädikat sicherer Schwimmer meint Sträter Fähigkeiten, die für das Schwimmabzeichen in Bronze reichen. Dazu gehört zum Beispiel, 15 Minuten am Stück und mindestens 200 Meter weit schwimmen zu können.
Unterstützung vom Land gefordert
Von dem in den Plänen festgeschriebenen Ziel habe man sich aber stillschweigend längst verabschiedet. Bei 60 Prozent der Kinder werde es nicht erreicht, sagt Sträter. Angaben der Landesregierung zufolge findet an jeder fünften Grundschule in Baden-Württemberg kein Schwimmunterricht statt. Den Schulen selbst will Sträter dafür aber keinen Vorwurf machen. Sie sagt: „Schwimmunterricht ist aufgrund des zeitlichen Aufwands schwierig.“ Dabei spiele auch der oft lange Weg zu den Anlagen eine Rolle. Insgesamt gebe es auf die Bevölkerungsdichte gesehen zu wenige Bäder.
Deshalb könne der offensichtliche Bedarf nicht mit anderen Angeboten gedeckt werden. Die Schwimmkurse für Anfänger der DLRG seien oft bereits nach wenigen Minuten ausgebucht. Wer zu spät sei, komme auf eine Liste, so Sträter. Dann müsse man häufig ein Jahr lang auf die Teilnahme warten. Die Zeiten, die für Kurse infrage kämen, seien in den Bädern „heiß umkämpft“. Dort müsse auch regulären Besucherinnen und Besuchern Platz und Zeit eingeräumt werden. Sträter sieht das Land mitverantwortlich dafür, dass Kinder immer häufiger nicht schwimmen können. Die Landesregierung schreibe Schwimmunterricht per Bildungsplan vor. Bei der Umsetzung seien die Kommunen aber meist auf sich allein gestellt, so Sträter. Bäder instandzuhalten oder neue Anlagen zu bauen, sei teuer. Als Beispiel nennt Sträter den Neubau des Kirchheimer Hallenbads, wofür eine Summe von 36 Millionen Euro im Raum stehe. Solche Investitionen seien ohne Unterstützung vom Land für viele Gemeinden kaum machbar.
Gefahr in den Seen größer
Spiegelt sich die mangelnde Ausbildung auch in der Zahl der Badeunfälle wider? Zumindest mit Blick auf die Freibäder im Kreis Esslingen gibt es dafür bislang keine Anzeichen. Die Landesregierung hat auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Dennis Birnstock (FDP) Daten zum Neckarfreibad Esslingen, zum Hallenfreibad Berkheim und zu den Freibädern in Weilheim, Filderstadt, Nürtingen und Wernau gesammelt. Demzufolge gab es dort im vergangenen Jahr insgesamt 23 Unfälle. Das sind 24 weniger als im Jahr zuvor.
Sträter glaubt, dass das Risiko folgenschwerer Unfälle in den gut beaufsichtigten Frei- und Hallenbädern nicht besonders hoch sei. Gefährlicher werde es bei Seen und Flüssen, für deren Überwachung es ihrem Verband an Personal mangele. „Die meisten können sich dort vielleicht über Wasser halten, aber wirklich sichere Schwimmer gibt es immer weniger.“
Die DLRG Baden-Württemberg listet in ihrer Bilanz im vergangenen Jahr 43 Todesfälle durch Ertrinken – 14 mehr als im Vorjahr. Über einen größeren Zeitraum ist indes kein eindeutiger Trend nachweisbar. Sträter hat aber nicht nur die Unfallzahlen im Sinn, wenn sie vom Land fordert, die Kommunen in Sachen Bäder und Unterricht stärker zu unterstützen. Sie sagt: „Durch das Schwimmen entsteht ein gesellschaftlicher Mehrwert.“