Zuckerkrankheit Fachwelt ist enttäuscht von Diabetes-Strategie

Von Norbert Wallet 

Die Koalition ist einig über einen Plan zur Bekämpfung der Volkskrankheit Diabetes, der allerdings das Thema Ernährung ausspart. Die Diabetes-Gesellschaft beklagt sich vor allem über eine Blockade in der CDU.

In Deutschland sind über sieben Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jedes Jahr kommt  rund eine halbe Million neu hinzu. Foto: dpa/Jens Kalaene
In Deutschland sind über sieben Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jedes Jahr kommt rund eine halbe Million neu hinzu. Foto: dpa/Jens Kalaene

Berlin - Die Koalition hat sich nach langem Ringen auf eine Diabetes-Strategie verständigt, die in der Fachwelt allerdings als ungenügend kritisiert wird. Mit der Einigung wird ein Langzeit-Konflikt zumindest teilweise beigelegt. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode sollte das Thema angegangen werden. Im Koalitionsvertrag ist das Vorhaben ebenfalls als Ziel festgelegt. Passiert ist dennoch lange Zeit nichts.

Über sieben Millionen Menschen in Deutschland erkrankt

Angesichts des Ausmaßes dieser Volkskrankheit ist das unverständlich: In Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft weit mehr als sieben Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Jedes Jahr kommen etwa 500 000 Erwachsene neu hinzu. Der Anteil der diagnostizierten Diabeteserkrankungen stieg von 1998 bis 2010 von fünf auf 7,2 Prozent. Die Betroffenen haben ein hohes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Kreislauf- und Gefäßerkrankungen gehören ebenfalls zu den Diabetes-Folgen.

Die Diabetes-Bekämpfung kostet das deutsche Gesundheitswesen mehr als sieben Milliarden Euro jährlich. Die Kosten steigern sich um ein Vielfaches, nimmt man die Folgeerkrankungen mit hinzu. Dass es in der Koalition dennoch nur schleppend mit der Festlegung einer koordinierten Strategie vorangegangen ist, lag an der Frage, welche Felder der Aktionsplan mit umfassen sollte.

Union uneins über gesetzliche Grenzen bei Zuckereinsatz

Das war zwar auch zwischen SPD und Union umstritten. Die Meinungsverschiedenheiten konzentrierten sich aber zuletzt auf die Unionsfraktion. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwieweit die Diabetes-Strategie auch die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten, besondern in von Kindern und Jugendlichen konsumierten Waren, einbeziehen soll. Die Gesundheitspolitiker der Union wollen hier gesetzliche Regulierungen, die Fachpolitiker der Arbeitsgemeinschaft Landwirtschaft und Ernährung wiederum blockieren. Tatsächlich setzt die hier mit zuständige Ministerin Julia Klöckner auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie. Die nun verabschiedete Diabetes-Strategie klammert das Thema aus. Der eigentlich schon ausgehandelte Gesetzentwurf muss nun ohne den eigentlich vorgesehen Punkt „Gesunde Ernährung“ auskommen. So setzt die Strategie nun vor allem auf Früherkennung, bessere Aufklärung, gute Versorgung der Patienten und mehr Forschung.

Deutsche Diabetes-Gesellschaft findet Minilösung „sehr schade“

Der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, deren Präsidentin Monika Kellerer sich schon Anfang Oktober schriftlich bei Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus über die schleppende Behandlung und die Blockade „von einzelnen Personen aus den Reihen der CDU“ beschwert hatte, geht das alles nicht weit genug. „Es ist leider nur ein erster wichtiger Schritt“, sagte Kellerer im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie nennt es „sehr schade“, dass das Thema Ernährung nun ausgeklammert wird. Auch die Gesundheitspolitiker der Union wollen darüber weiter sprechen. „Bei der Formulierung der Gesetze, die für die Umsetzung der Strategie notwendig sind, werden wir das Thema Ernährung wieder aufrufen müssen“, sagt Karin Maag, die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion.