Zülfü Livaneli im Hospitalhof Im freien Fall zwischen Ost und West

Von Ingmar Lorenz 

Im Stuttgarter Hospitalhof sprach der türkische Schriftsteller Zülfü Livaneli über seinen neuen Roman „Unruhe“ und über die Zerrissenheit seines Heimatlands.

Wie der Protagonist seines neuen Romans „Unruhe“ bewegt sich auch Autor Zülfü Livaneli im Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Einflüssen. Foto: AFP
Wie der Protagonist seines neuen Romans „Unruhe“ bewegt sich auch Autor Zülfü Livaneli im Spannungsfeld zwischen östlichen und westlichen Einflüssen. Foto: AFP

Stuttgart - Die Türkei ist ein gespaltenes Land. Es liegt im Epizentrum des weltweiten Spannungsfelds zwischen West und Ost, analysiert Zülfü Livaneli bei der Lesung seines neuen Romans „Unruhe“ am Montagabend im gut besetzten Paul-Lechler-Saal im Hospitalhof. Die Türkei werde im Westen als Land wahrgenommen, das den östlichen Traditionen verpflichtet ist, während der Osten das Land vor allem vor dem Hintergrund der Öffnung nach Westen wahrnimmt, sagt der Autor, Musiker und Filmregisseur. Diese Zerrissenheit lasse sich in seinem Heimatland genau beobachten. Dort treffen viele verschiedene Kulturen aufeinander und Ausschläge in die eine oder andere Richtung seien je nach Region unterschiedlich stark ausgeprägt, so Livaneli. Genau dieses Spannungsfeld zwischen West und Ost beschreibt der Schriftsteller in seinem neuen Roman.

Handlung führt tief in die türkische Gesellschaft

„Unruhe“ handelt von dem in Istanbul lebende Journalisten Ibrahim, der in seine Heimatstadt Mardin nahe der syrischen Grenze zurückkehrt, nachdem sein Jugendfreund Hüseyin ermordet worden ist. Dort erfährt er, dass Hüseyin sich in einem nahegelegenen Flüchtlingslager um die dort untergebrachten Menschen gekümmert und sich dabei in Meleknaz verliebt hatte. Meleknaz ist Jesidin und war vom Islamischen Staat versklavt worden, bevor ihr die Flucht in die Türkei gelang. Seit dem Tod von Hüseyin ist sie verschwunden, und Ibrahim macht es sich zur Aufgabe, Meleknaz zu finden.

Anhand dieser Suche beschreibt der Autor nicht nur die Gräueltaten des IS gegenüber den Jesiden, sondern taucht auch tief in die gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Türkei ein. Denn die Personen, die Ibrahim in seiner Heimat trifft, haben mit den Menschen in Istanbul fast gar nichts mehr gemeinsam. Vor dem Hintergrund zunehmender politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen zieht es die Menschen in seiner Heimat – verkörpert durch den ermordeten Jugendfreund Hüseyin – hin zu den Traditionen des Orients. Immer stärker fühlt sich Ibrahim im Verlauf der Suche nach Meleknaz zwischen den beiden Welten hin- und hergerissen, bis er schließlich in eine Identitätskrise stürzt.

Livaneli macht auf das Leid der Jesiden aufmerksam

Mit der Figur Meleknaz greift der Autor zudem die Leiden der Jesiden auf, die – verursacht durch die Verfolgung durch den IS – ebenfalls ein Resultat der geopolitischen Umbrüche sind. Durch die Beschreibung der Gräueltaten greift Livaneli dabei das Motiv der „Harese“ auf. Was hinter dem alt-arabischen Wort steckt, wird anhand der Geschichte deutlich, die der Autor der Handlung voranstellt: Findet ein Kamel in der Wüste eine spezielle Distel, rupft es sie aus und zerkaut sie, wodurch das Tier sich das Maul blutig reißt. Der Geschmack des eigenen Blutes macht das Tier erst recht gierig, es kaut weiter, bis es irgendwann verblutet. Diese Blutgier, die unwissentlich zum eigenen Tod führt, sei typisch für die Völker des Nahen Ostens, sagt Livaneli bei der Lesung. Sie sei begründet durch die Tradition der Kämpfe zwischen den unterschiedlichen arabischen Stämmen. Um die Harese zu überwinden, brauche es laut Livaneli eine starke Demokratie. Die Mitgliedschaft der Türkei in der EU könne dabei eine stabilisierende Wirkung haben, glaubt der Autor. „Aber diese Chance verpassen wir gerade.“

Klar wird am Montagabend, dass „Unruhe“ ein streitbares Buch ist und das auch sein will. Das gleiche gilt auch für Livaneli, der sich selbst in dem von ihm beschriebenen Spannungsfeld bewegt, ohne sich dabei der einen oder anderen Seite völlig zugehörig fühlen zu können: „Ich bin ein Trapezkünstler im freien Fall, weil ich den Osten schon losgelassen habe, den Westen aber nicht zu fassen bekomme.“