Kundenbetreuer René Bergmeister während seiner Arbeit im Regionalzug Foto: Lichtgut/L/ Piechowski
René Bergmeister arbeitet als Kundenbetreuer im Regionalverkehr, Cornelius Frommholz ist Zugchef im Fernverkehr. Beide berichten von Beleidigungen, Anfeindungen, Gewalt. Bis die Polizei kommt, kann es mitunter lange dauern.
Moritz Finger
11.04.2024 - 17:02 Uhr
Der Tag ist noch jung, und René Bergmeister ahnt noch nicht, welch folgenschwerer Vorfall ihm bevorsteht. Er läuft durch den Regionalzug, unterwegs auf der Strecke von Tübingen nach Stuttgart. Bergmeister arbeitet als Kundenbetreuer bei der SWEG Bahn Stuttgart. Es ist 8 Uhr, als er während der Ticketkontrolle auf einen etwa 30-jährigen Mann trifft, der ohne Fahrschein unterwegs ist und auch die Herausgabe seines Personalausweises verweigert. In solchen Fällen bestellt Bergmeister die Polizei zur Aufnahme der Personalien an den nächsten Bahnhof, denn ohne Name und Adresse kann die Rechnung für die Nachzahlung nicht ausgestellt werden.
Am Stuttgarter Hauptbahnhof angekommen passiert es dann: Auf dem Bahnsteig schlägt der Fahrgast dem Kundenbetreuer mit der Faust gegen den Kopf und zerkratzt sein Gesicht. Der 40-Jährige wird so schwer verletzt, dass er eine Nacht im Krankenhaus verbringen muss. „Warum macht man wegen 60 Euro so ein Theater?“, fragt er sich.
Fünf Wochen arbeitsunfähig
Wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung ist Bergmeister zudem für fünf Wochen arbeitsunfähig. In den ersten Arbeitstagen lässt ihn die Angst vor einem erneuten Angriff kaum los. Erst begleitetes Arbeiten mit einem Kollegen hilft ihm, wieder in seinen Beruf zurückzufinden. Der bereits wegen Körperverletzung vorbestrafte Täter erhält eine Bewährungsstrafe, muss kein Schmerzensgeld an das Gewaltopfer René Bergmeister zahlen.
Für Bergmeister bleibt der Angriff kein Einzelfall. Im August 2022 wird er erneut attackiert. Auf der Strecke zwischen Stuttgart und Pforzheim spricht er gegen 18.45 Uhr einen etwa 40-jährigen Fahrgast an, der seine Füße auf dem Vordersitz abgelegt hat. Bergmeister bittet ihn, die Füße herunterzunehmen. Der Fahrgast, der sich auf dem Heimweg von der Arbeit befindet, holt aus und schlägt dem Kundenbetreuer ins Gesicht. „Er hat mir so eine gescheuert im Zug, dass ich nicht wusste, wo vorne und hinten ist.“
Seit 2020 arbeitet René Bergmeister als Kundenbetreuer bei der SWEG Bahn Stuttgart. Vier körperliche Angriffe in vier Jahren – das ist seine Bilanz. Das Problem betrifft viele. Allein die Deutsche Bahn (DB) verzeichnet für das Jahr 2022 rund 3100 Übergriffe auf ihre Mitarbeitenden. „Die Zahlen für 2023 bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau“, so eine Bahnsprecherin.
Noch größer ist die Anzahl verbaler Angriffe. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) spricht von 15 000 solcher Angriffe allein im Schienennahverkehr, mit Bezug auf Zahlen mehrerer Verkehrsunternehmen. Hinzu komme eine „enorm hohe Dunkelziffer“, sagt EVG-Vorsitzender Martin Burkert. Er gehe davon aus, dass etwa drei von vier der verbalen Angriffe nicht gemeldet würden.
Manche finden immer einen Grund für schlechte Laune
Für René Bergmeister gehören Beschimpfungen zum Tagesgeschäft. Fahrgäste werden ausfallend wegen Verspätungen, Zugausfällen, Ticketkontrollen oder einfach wegen schlechter Laune. „Beleidigungen haben wir fast jeden Tag an Bord. Das ist normal“, sagt Bergmeister. Am Anfang habe er sich noch gewundert. Inzwischen gehe er einfach weiter, mit einem Lächeln im Gesicht. Das würde viele irritieren. „Ich lasse mir davon nicht den Tag verderben“, sagt der Kundenbetreuer.
An einen Jobwechsel denkt der 40-Jährige nicht. Der Beruf gefällt ihm, vor allem der Kontakt mit freundlichen Leuten. Manchmal kommt es auch zu längeren Gesprächen, etwa über den Alltag oder private Probleme von Fahrgästen. „Das sind dann die Momente, die mir Spaß machen“, sagt Bergmeister.
Der gelernte Einzelhandelskaufmann war vor seinem Einstieg im Regionalverkehr für zehn Jahre im Rettungsdienst tätig. Auf die Idee, im Zug zu arbeiten, bringt ihn seine Tätigkeit in einem Verein für historische Dampfloks. So macht der Reutlinger 2020 sein Hobby Eisenbahn zum Beruf.
Auch Cornelius Frommholz ist seit vier Jahren beruflich auf Schienen unterwegs, im Fernverkehr. Der 33-Jährige aus Schwäbisch Gmünd ist Zugchef in Deutschlands größtem Fernverkehrsunternehmen. Auch er erlebt oft respektloses Verhalten von Fahrgästen.
Zugchef Cornelius Frommholz am Stuttgarter Hauptbahnhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Besonders ist ihm eine Situation in Erinnerung. Er steht mit seinem Zug am Bahnhof in Düsseldorf, gleich soll es weitergehen in Richtung Süden. Kurz zuvor hat es einen Gleiswechsel gegeben und einige Minuten Verspätung haben sich auch schon angesammelt. Der Zugchef sieht einen kräftigen Mann, um die 40 Jahre alt, der humpelnd zum Zug läuft. Nach dem Gleiswechsel versucht der Mann, noch rechtzeitig zum neuen Abfahrtsort zu gelangen. Wegen einer Behinderung am Bein kann er aber nur langsam laufen. Frommholz wartet mit der Abfahrt des Zuges und versucht ihn zu beruhigen: „Lassen Sie sich Zeit!“
Bodycams wirken deeskalierend
Doch der Fahrgast ist nicht mehr zu halten. Fluchend steigt er die Stufen hoch: „Ihr Bahner kriegt nichts hin!“ Mit Schimpfwörter greift er den Zugchef verbal an. Auch nach der Abfahrt beleidigt er minutenlang weiter. Als mehrere Beruhigungsversuche von Frommholz scheitern, droht der Zugchef damit, das Hausrecht durchzusetzen und den Mann aus dem Zug zu werfen. Da schaltet sich ein anderer Fahrgast ein, stellt sich auf die Seite des fluchenden Mannes und kritisiert den Zugchef ebenfalls lautstark. Für Frommholz ist das zu viel. Er flüchtet in einen anderen Zugteil.
Die Bahnunternehmen haben das Konfliktpotenzial im Umgang mit Fahrgästen erkannt. So stellt die Deutsche Bahn seit Ende März Bodycams zur Verfügung, zunächst für Kundenbetreuer in Regionalzügen. Die Kameras würden nicht nur Beweismaterial liefern, sondern hätten auch einen „deutlich deeskalierenden Effekt“, sagt eine Bahnsprecherin. Zudem werden die DB-Mitarbeiter regelmäßig geschult, um in kritischen Situationen richtig reagieren zu können.
Auch bei der Eisenbahngesellschaft Go-Ahead, die einen Teil des Regionalverkehrs in Baden-Württemberg betreibt, sind Deeskalationstrainings im Ausbildungsplan verankert. Ist ein Mitarbeiter in eine gefährliche Situation geraten, stehe ihm ein „Rund-um-die-Uhr-Notdienst“ zur Verfügung, erklärt das Unternehmen. Zudem sei in einigen Zügen Sicherheitspersonal unterwegs.
So auch bei der Arbeitgeberin von René Bergmeister. Die SWEG Bahn Stuttgart, ebenfalls Regionalbahn-Betreiberin, hat Sicherheitskräfte vor allem in der Nacht und bei Großveranstaltungen im Einsatz. Bergmeister arbeitet gerne mit ihnen zusammen: „Wenn man zu fünft durch den Zug läuft statt allein, macht das gleich einen ganz anderen Eindruck.“ Auch von den jährlich stattfindenden Deeskalationstrainings ist er überzeugt. „Ich lerne da jedes Mal etwas.“
Schwache Polizeipräsenz an kleineren Bahnhöfen
Nach einem Angriff erhalten Kundenbetreuer eine psychologische Erst-Betreuung und bei Bedarf eine Vermittlung an einen spezialisierten Psychologen. Zur Nachbetreuung gehört auch das begleitete Arbeiten mit Kollegen nach einem Übergriff, wie bei René Bergmeister. Den Tätern gegenüber zeigt die SWEG Bahn Stuttgart keine Nachsicht. „Alle gemeldeten Angriffe werden von uns zur Anzeige gebracht“, sagt Sprecherin Hanne Lützelberger. Zudem erhalte der Täter nach schweren verbalen oder körperlichen Attacken ein lebenslanges Hausverbot beziehungsweise Zugverbot.
In gefährlichen Situationen gibt es für die Mitarbeiter immer die Möglichkeit, die Polizei zu rufen – etwa bei Messerangriffen oder wenn Bordgeschirr geworfen wird. All das haben Kollegen von Zugchef Frommholz im Fernverkehr schon erlebt. Körperlich angegriffen wurde Frommholz selbst nicht – „noch nicht“, wie er betont. Die Polizei verständigt aber auch er regelmäßig, immer dann, wenn ein Fahrgast ohne Ticket unterwegs ist und seinen Personalausweis nicht zeigen kann oder will.
Ungefähr einmal pro Schicht muss die Polizei im Durchschnitt verständigt werden, schätzt der Zugchef. Manchmal gäbe es aber auch so viele Ausschreitungen, dass er sich an mehreren Bahnhöfen hintereinander mit den Beamten treffen würde. „In der Nachtschicht ist das Rufen der Polizei wie Treuepunkte sammeln“, scherzt Frommholz. Er beklagt eine schwache Polizeipräsenz vor allem an kleineren Bahnhöfen. Bis zum Eintreffen der Beamten käme es auf einigen Strecken oft zu längeren Wartezeiten, im Extremfall bis zu 45 Minuten. So käme es zu Zugverspätungen. „Uns sind da die Hände gebunden“, sagt Frommholz. Einige aggressive Fahrgäste würden das Dilemma, in dem das Bahnpersonal steckt, dreist ansprechen: „Dann rufen Sie doch die Polizei, die kommt ohnehin nicht!“, sei zu ihm schon gesagt worden, erzählt Frommholz.
Die Züge und Bahnhöfe liegen im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei. Standorte hat sie unter anderem in Stuttgart, Tübingen und Karlsruhe, aber nicht in allen Städten in Baden-Württemberg. Zwar sind einige Beamte im Streifendienst auch in Zügen und somit an anderen Bahnhöfen unterwegs, allerdings kann es teils zu langen Anfahrtswegen kommen. Sei eine Anreise nur mit „erheblicher zeitlicher Verzögerung“ möglich, so die Bundespolizei, werde die örtliche Landespolizei um Unterstützung gebeten.
Dennoch macht der Job den Zugbegleitern Spaß
Diese wiederum hat nach der Erfahrung von Cornelius Frommholz aber häufig wichtigere Einsätze zu bewältigen als Personalienaufnahmen wegen fehlenden Zugtickets. Eine „Priorisierung anderer Einsätze“ sei laut Polizeipräsidium Ludwigsburg etwa bei Körperverletzungen oder Raubdelikten nötig. Auch das Polizeipräsidium Konstanz räumt ein, dass es bei der Feststellung von Personalien an Bahnhöfen „zu Wartezeiten kommen kann“. Die Beamten in Aalen erklären, dass die „personellen Ressourcen nicht unbegrenzt“ seien. Wenn notwendig, würde aber „so zeitnah wie möglich“ eine Streifenbesatzung anrücken.
Für René Bergmeister und Cornelius Frommholz gehört die Zusammenarbeit mit der Polizei längst zum Alltag. Genauso wie die Anfeindungen von Fahrgästen. Dennoch sind sich beide einig: Der Beruf macht ihnen Spaß. Frommholz sagt, es sei für ihn ein Ansporn, die Menschen von der Bahn zu überzeugen: „Ich mag es, Gastgeber zu sein.“