Zugefrorener Bodensee vor 60 Jahren Als die Menschen übers Wasser gingen

Auch mit Fahrrädern wagten sich die Menschen aufs Eis. Foto: Zeppelin-Museum

Die letzte große Seegfrörne vor 60 Jahren war ein riesiges Volksfest, forderte aber auch Todesopfer. Wann wird der Bodensee wohl noch einmal zufrieren?

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Ein dick eingepackter Mann läuft über das Stuttgarter Flugfeld zu seiner Piper. Über der Schulter trägt er eine schwere Fotoausrüstung. Es ist kalt. Und gleich, wenn er in seiner einmotorigen Maschine abhebt, dürfte es noch viel kälter werden. Acht Wochen lang hat Albrecht Brugger auf diesen Moment gewartet. Tag für Tag hat er die Wetterberichte studiert, Tag für Tag hat er sein Vorhaben verschieben müssen. Und lange ist nicht klar, ob es noch etwas wird. Denn das Objekt ist flüchtig. Doch das Wetter ist entscheidend. Das weiß der Mann, der heute hochbetagt in Portugal lebt und schon damals – keine 40 Jahre alt – als Nestor der Luftfotografie in Baden-Württemberg gilt. Es ist der 4. März 1963, und Brugger will den zugefrorenen Bodensee fotografieren – aus der Luft, den ganzen See. Und an diesem Tag scheint es endlich klar zu sein.

 

Die Seegfrörne, wie das Ereignis im Alemannischen heißt, entsteht tatsächlich unter einer dichten Wolken- und Nebelsuppe. Schon am 20. Januar 1963 verbreitet die „Tagesschau“ die Nachricht vom vollständig zugefrorenen Bodensee. Doch die Journalisten im fernen Hamburg haben keine Ahnung: Tatsächlich weist zu diesem Zeitpunkt nur der Untersee eine dicke Eisschicht auf.

Im Auto quer über den See?

In Konstanz versucht man hingegen noch, den Hafen eisfrei zu halten. „Mehrere Motorschiffe, die dort vertäut liegen, wühlen von Zeit zu Zeit mit voller Motorenkraft das Hafenwasser auf und drängen dann die Eisschollen aus dem Hafen“, meldet am 25. Januar die Stuttgarter Zeitung. Doch das Landratsamt überlegt schon, ob man die Abkürzung über das Eis, beispielsweise von Allensbach auf die Reichenau und von der Reichenau in die Schweiz hinüber, an bestimmten Stellen für den Kraftfahrzeugverkehr freigeben kann. Auf 17 Grad unter null sinkt das Thermometer am frühen Morgen.

Damit Mitteleuropas größter Trinkwasserspeicher zufriert, muss einiges zusammenkommen. Früh ist es in jenem Winter kalt geworden. Doch das genügt nicht. Unterhalb einer Wassertiefe von 50 Metern beträgt die Wassertemperatur ohnehin, sommers wie winters, konstant vier Grad. Mit diesen Schichten darf sich das abgekühlte Oberflächenwasser nicht vermischen. Deshalb muss es windstill sein, auch eine geringe Wassertiefe ist von Vorteil. Und die Sonneneinstrahlung muss gering sein.

Am 4. Februar ist auch der Überlinger See zugefroren, und dann geht es Schlag auf Schlag. Am Morgen des 6. Februar richten sich im Hafen von Hagnau östlich von Meersburg zwei Expeditionsgruppen. Es sind junge Männer vom Ort. Die einen haben ein Rettungsboot auf vier Davoser Schlitten geschnallt. Die anderen haben Skier unter den Füßen. Auch Seile, Leiter, Schnaps haben sie dabei und eine Trompete für eventuelle Notrufe. Es ist ein bisschen wie Scott und Amundsen beim Wettlauf zum Südpol. Ob das Eis schon trägt? Niemand weiß es. Das Schweizer Ufer, keine zehn Kilometer entfernt, ist im dichten Nebel nicht zu erkennen.

Der 13-jährige August Knoblauch läuft über den See

Doch die Männer werden beobachtet. Schon am Morgen ist August Knoblauch mit zwei Schulfreunden am See unten gewesen. In den vergangenen Wochen haben die Buben erlebt, wie das Randeis um ihren Ort immer breiter wurde. Fast täglich robben sie nach vorne, immer ein Stück weiter. Manchmal bricht einer ein. Dann sind die Gummistiefel voll Eiswasser und es gibt ordentlich Ärger zu Hause. Jetzt sitzt der 13-Jährige in der Schule. Statt dem Unterricht zu folgen, blickt er immer wieder nach draußen, wo die Männer allmählich im Nebel verschwinden. „Von meinem Platz aus konnte ich zum See runtergucken“, sagt Knoblauch.

Um 12 Uhr klingelt die Schulglocke. „Ich habe den Schulranzen an die Mauer geschmissen und bin hinterher.“ Von den Männern ist schon lange nichts mehr zu sehen. Weniger als 500 Meter weit reicht der Blick. Doch der Bub sieht die Spuren, die sie hinterlassen haben, und er denkt: „Wenn das Eis die Männergruppe trägt, wird es auch mich tragen.“ Er wiegt ja nur 35 Kilogramm.

Zu Fuß eilt er hinterher. Nach fünf Viertelstunden ist er drüben in Güttingen. Er meldet sich im Gasthaus Schiff. Die Wirtin spendiert eine heiße Schocki. Die Schweiz ist für den 13-Jährigen etwas Besonderes. Nur ein paarmal war er mit der Oma in Kreuzlingen gewesen, um Kaffee zu kaufen. Jetzt avanciert er unverhofft zum Schweizer Medienstar. Ein Reporter vom „Blick“ interviewt den jungen Abenteurer. Am nächsten Tag grüßt der „Bub, der aus der Kälte kam“ zusammen mit den sechs Erstüberquerern von Seite 1 des Schweizer Boulevardblatts.

Die Seegfrörne entwickelt sich zum Volksfest

Der illegale Grenzübertritt wird den Hagnauern verziehen, aber auf dem gleichen Weg zurück dürfen sie nicht. Einer organisiert einen Kleinbus, mit dem sie über Konstanz zurückfahren. Die Autofähre kämpft an diesem Tag noch mit dem Eis, einen Tag später stellt auch sie den Betrieb ein. Zu Hause ist ordentlich „Rauch in der Küche“, erinnert sich August Knoblauch. Die Mutter schimpft. Aufs Eis darf er erst einmal nicht mehr. Doch wie soll man sich in diesen Tagen daran halten? Immer wieder fährt er auf Schlittschuhen rüber, wird erkannt und bekommt Schokolade zugesteckt.

33 große Seegfrörne sind seit dem Jahr 875 in den Chroniken verzeichnet. Von den Menschen wurden sie als ernsthafte Gefahr erlebt. Auch 1963 gibt es Todesopfer. Zwei Buben geraten Ende Januar vor Friedrichshafen auf eine Eisscholle und treiben hinaus aufs Wasser. Als sie einen Tag später gefunden werden, sind sie erfroren.

Für die meisten ist diese „längste Seegfrörne seit Menschengedenken“ dennoch ein großes Volksfest. Tausende tummeln sich auf dem Eis. Händler verkaufen Glühwein und heiße Maroni. Die Deutsche Bahn setzt Sonderzüge ein. Die Menschen dies- und jenseits des Sees rücken zusammen. Es entstehen neue Freundschaften. Am 12. Februar wandern 2500 Münsterlinger und Altnauer Bürger nach Hagnau, um nach alter Tradition das hölzerne Bildnis des Apostels Johannes zurückzuholen, das seit der Seegfrörne von 1830 in der dortigen Kirche gestanden hatte.

Wird das jemals wieder passieren?

Doch Albrecht Brugger in seiner Piper hat Probleme. Auf dem Flug an den See versagt das Sauerstoffgerät. Auf mindestens 5000 Meter, hat er ausgerechnet, muss er steigen, um den ganz See ins Bild zu bekommen. Ohne Sauerstoff ist das ein Risiko. Als er schließlich den Steuerknüppel zwischen die Beine nimmt und die Kamera zückt, gelingen ihm dennoch historische Aufnahmen. Der Redakteur, der das Bild einen Tag später in die Stuttgarter Zeitung hebt, findet pathetische Worte. „Noch nie zuvor war es einem Menschen vergönnt gewesen, den gewaltigen, von der Kraft des Frostes erstarrten See mit einem Blick zu umfangen“, formuliert er in der Bildunterschrift.

Noch im April schwimmen Eisschollen auf dem Überlinger See. Ob es jemals wieder dazu kommt? „Das kann es theoretisch noch geben, wird aber mit dem Klimawandel jedes Jahr unwahrscheinlicher“, sagt der Meteorologe Jörg Kachelmann. „Vielleicht bricht ja mal ein Vulkan aus, dessen Asche das Klima vorübergehend abkühlt“, überlegt August Knoblauch. Zumindest der flache Gnadensee zwischen Allensbach und der Reichenau friert noch alle paar Jahre zu. Dann gehen die Schulklassen aufs Eis, und es ist noch einmal ein wenig wie 1963, als auf dem großen See eine fröhliche Eiszeit ausbrach.

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