Zugverkehr im Rems-Murr-Kreis Volle Züge, schlechte Taktung, weniger Halte: harte Zeiten für Murrbahn-Pendler
2027 droht Pendlern im Rems-Murr-Kreis das Chaos: gestrichene Halte, überfüllte Züge und neue Baustellen. Der Landkreis schlägt Alarm.
2027 droht Pendlern im Rems-Murr-Kreis das Chaos: gestrichene Halte, überfüllte Züge und neue Baustellen. Der Landkreis schlägt Alarm.
Der Morgen beginnt mit Warten. In Hessental steht der Regionalexpress, Türen geschlossen, der Blick auf die Uhr gerichtet. Zehn Minuten Stillstand – weil ein schneller Zug Vorrang hat. Doch das dürfte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was Pendlerinnen und Pendler auf der Murrbahn künftig häufiger erleben könnten.
Denn hinter den Kulissen verdichten sich die Hinweise auf weitere Einschnitte im Regionalverkehr. Wie aus einer Mitteilung des Rems-Murr-Kreises hervorgeht, drohen nicht nur Verspätungen, sondern auch weniger Halte und weniger Sitzplätze. Offiziell wird vieles wohl erst mit dem Fahrplanwechsel im Dezember sichtbar werden. Doch schon jetzt ist klar: Die Murrbahn steht vor einer Zerreißprobe.
Der Kern des Problems liegt in einem geplanten Fahrzeugwechsel. Eigentlich sollen moderne Züge des Typs Coradia Max auf die Strecke kommen. Doch die Realität sieht anders aus: Es gibt noch keinen Prototypen, keine Zulassung, keine kurzfristige Perspektive. Der angepeilte Fahrstart im Herbst 2027 ist laut Einschätzung von Daniel Wiedmann, ÖPNV-Amtsleiter im Waiblinger Landratsamt, mehr als unrealistisch.
Experten wie er befürchten, dass für den Übergang ein Provisorium herhalten muss – mit spürbaren Folgen. Fahrzeuge mit zu niedriger Einstiegshöhe sollen einspringen. Das Ergebnis: Halte in Waiblingen und Winnenden werden ausgedünnt, statt halbstündlich könnte dort nur noch stündlich ein Zug halten. Für stark frequentierte Stationen ein Rückschritt, der sich wie eine stille Abkopplung anfühlt.
Dabei sind die Züge schon heute überfüllt. Der RE90, Rückgrat der Verbindung zwischen Stuttgart und Nürnberg, fährt vielerorts am Limit. Wenn nun auch noch Sitzplätze wegfallen – laut Landkreis drohen langfristig sogar weniger Plätze pro Zug – dann wird aus Enge schnell Enge mit Ansage.
Doch der Druck kommt nicht nur aus technischen Verzögerungen. Auch der Fernverkehr greift immer stärker in den Takt der Region ein. Seit Dezember 2025 rauscht ein ICE-Sprinter durch das Murrtal – schnell, effizient, prestigeträchtig. Die Fahrzeit von Stuttgart nach Berlin: 4 Stunden 45 Minuten. Für die Bahn ein Erfolg. Für die Region ein Störfaktor.
Schon heute müssen Regionalzüge warten, damit der Fernverkehr freie Fahrt hat. Morgens, abends, punktuell – noch. Doch die Gerüchte sprechen von einem deutlich dichteren Takt für den Sprinter. Mehr Durchfahrten, mehr Vorrang, mehr Stillstand für alle anderen. Die eingleisige Strecke zwischen Backnang und Schwäbisch Hall-Hessental ist dafür denkbar ungeeignet. Einer fährt, der andere wartet – doch dieses Prinzip droht zu einer Dauerlösung zu werden.
Wiedmann formuliert es nüchtern: Die Strecke sei „heute schon völlig ausgelastet“. Und wenn zusätzlich Züge zur Gäubahn abgezogen würden, verschärfe sich die Lage weiter. Denn genau das steht im Raum: Bestandsfahrzeuge, die aktuell auf der Murrbahn fahren, könnten künftig andernorts gebraucht werden. Als wäre das nicht genug, kommt 2027 die nächste Welle. Von Mitte Mai bis Mitte August wird die Strecke bei Backnang komplett gesperrt. Gleichzeitig wird die Bundesstraße 14 dichtgemacht. Schiene und Straße – gleichzeitig blockiert. Eine Konstellation, die selbst hart gesottene Pendler an ihre Grenzen bringen dürfte.
Ersatzbusse sollen einspringen. Doch sie stehen im selben Stau wie alle anderen. Wer ausweichen will, muss Umwege fahren oder Zeit mitbringen. Viel Zeit. Der Landkreis spricht von einer „Bewährungsprobe“ – ein Wort, das harmlos klingt für das, was faktisch ein logistischer Ausnahmezustand ist.
Landrat Richard Sigel findet deutlichere Worte. Die neuen Einschränkungen seien eine „Hiobsbotschaft“ und eine „Zumutung“ für die Menschen im Murrtal. Gerade weil die Belastung ohnehin schon hoch sei, brauche es mehr Verlässlichkeit – nicht weniger.
Doch die Einflussmöglichkeiten sind begrenzt. Der Landkreis kann mahnen, fordern, Druck machen. Entscheidungen fallen anderswo. „Rechtzeitig den Finger heben“, nennt Wiedmann das. Mehr bleibt oft nicht.
Immerhin: Gemeinsam mit den Nachbarlandkreisen hat der Rems-Murr-Kreis ein Positionspapier vorgelegt. Die Botschaft ist klar: Die Schiene darf nicht weiter geschwächt werden. Stattdessen braucht es Investitionen, Ausbau, Perspektiven. Konkret heißt das auch: Bestandsfahrzeuge sollen auf der Murrbahn bleiben, bis neue Züge tatsächlich verfügbar sind. Bahnsteige müssten verlängert werden, um längere Züge einsetzen zu können. Und die Fahrpläne des Fernverkehrs sollten besser abgestimmt werden.
Es sind Vorschläge, die pragmatisch klingen – und doch wie ein Appell wirken. Denn im Kern geht es um eine Grundsatzfrage: Für wen fährt die Bahn?
Die Landespolitik spricht von Verdopplung der Fahrgastzahlen, von attraktiver Schiene, von Verkehrswende. Im Murrtal klingt das wie ein fernes Versprechen. Vor Ort erleben die Menschen etwas anderes: volle Züge, längere Wartezeiten, unsichere Perspektiven.
Der Kontrast könnte kaum größer sein. Während Hochgeschwindigkeitszüge Metropolen verbinden, droht die Fläche den Anschluss zu verlieren. Tempo für wenige, Stillstand für viele – dieses Gefühl zieht sich durch die Region.
Und so bleibt am Ende ein Bild, das sich einprägt: ein Regionalzug, der wartet. Nicht, weil er zu spät ist. Sondern weil andere wichtiger sind.