Stuttgart - Es war meist eine geräuschlose Auseinandersetzung zwischen Betriebsrat und Werkleitung gewesen, erst gegen Ende verschärfte sich der Ton: In Daimlers Leitwerk für Antriebstechnologien in Stuttgart-Untertürkheim sind die Verhandlungen um den elektrischen Antriebsstrang (EATS) – das Herzstück der E-Automodelle des Stuttgarter Autobauers – zu Ende gegangen. Den Zuschlag hat Untertürkheim erhalten.
Werkleiter Frank Deiß und Michael Häberle, Betriebsratsvorsitzender des Werkes, sagten, man habe sich nach „intensiven Verhandlungen“ geeinigt. Die Entscheidung sei „ein Bekenntnis zum Mercedes-Benz-Traditionsstandort Untertürkheim“ und ein „zukunftweisendes Signal für die Beschäftigten“. Zu den Details der Einigung wollten sich Daimler und der Betriebsrat zunächst nicht äußern.
Der EATS ist das Herzstück von Elektroautos. Das Modul besteht unter anderem aus dem Elektromotor, Teilen des Getriebes und der Leistungselektronik. Den EATS für das bislang erste reine E-Auto der Marke Mercedes-Benz, dem SUV namens EQC, macht der Autozulieferer ZF aus Friedrichshafen.
EQ-Familie wird wachsen
Der EQC ist bereits in der Auslieferung und wird an beiden Achsen mit einem EATS angetrieben. Daimler arbeitet an weiteren Elektromodellen aus der EQ-Reihe: Auf der IAA wurde eine Studie der elektrischen S-Klasse namens EQS gezeigt, ein Geländewagen mit dem Namen EQB ist ebenfalls in Entwicklung. Der E-Transporter EQV ist bereits vorgestellt worden.
Lesen Sie hier den Kommentar: Existenzberechtigung für das Werk Untertürkheim
In den nun zu Ende gegangenen Verhandlungen ging es um Produktion und Montage des EATS für künftige Generationen dieser EQ-Elektroautos. Das Werk hatte sich wie andere Zulieferer um den Auftrag bewerben müssen. Anschließend wurde in den Verhandlungen über die Bedingungen gesprochen, unter denen der EATS nach Untertürkheim kommen kann.
Voraussichtlich ab 2024 sollen rund 350 Daimler-Mitarbeiter am EATS arbeiten. Dafür werden dem Vernehmen nach kaum neue Mitarbeiter eingestellt, die Stellen sollen vielmehr mit Daimler-Beschäftigten besetzt werden. Pro Jahr könnten in Untertürkheim Teile für Hunderttausende Antriebsstränge produziert und große Teile davon montiert werden.
Fertigungstiefe reduziert
Der Betriebsrat hatte stets die große strategische Bedeutung des EATS als Einstieg in die Elektromobilität für das Werk, aber auch für den Konzern betont. Zwei Batteriefabriken werden in Untertürkheim bereits gebaut. Betriebsratschef Häberle sagte im Herbst im Interview mit unserer Zeitung über den EATS: „Wenn wir dieses Produkt nicht herholen, werden wir auf lange Sicht Arbeitsplätze verlieren.“ Das Werk habe die Voraussetzungen bereits gelegt, indem es die Fertigungstiefe zugunsten von zukunftsträchtigen Produkten verringert habe.
Die Gespräche zwischen Werkleitung und Betriebsrat des Werkes hatten Mitte Oktober begonnen – und fielen damit in eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Daimler-Chef Ola Källenius hat dem Konzern ein umfassendes Sparprogramm auferlegt, weltweit sollen rund 10 000 Stellen wegfallen und so 1,4 Milliarden Euro Personalkosten eingespart werden. Bis Ende 2029 gilt eine Beschäftigungssicherung.
Für den Betriebsrat gestalteten sich die die Gespräche deshalb schwieriger als gedacht. „Die Werkleitung hat uns mit einem umfangreichen Katalog an Forderungen konfrontiert, die in keinerlei Relation zum Verhandlungspaket stehen“, ließ Michael Häberle Anfang November wissen.
Betriebsrat: Gute Nachricht vor Weihnachten
Dahinter steckte, dass das Unternehmen unter anderem wollte, dass die im Tarifvertrag festgeschriebenen Qualifizierungstage nicht mehr wie bisher Arbeitszeit sein sollten und die Mitarbeiter an Heiligabend und Silvester statt jeweils einem halben je einen ganzen Tag freinehmen sollten.
Anlässlich einer Betriebsversammlung Anfang Dezember in der Schleyerhalle mit mehr als 8400 Mitarbeitern sagte Häberle: „Jeder hat damit gerechnet, dass 2019 härtere Zeiten anbrechen, aber keiner hat damit gerechnet, dass wir in einen Orkan geraten.“ Die Forderungen Daimlers für eine wettbewerbsfähige und wirtschaftliche Fertigung nannte Häberle „nicht nachvollziehbar“.
Als Reaktion darauf verweigerte der Betriebsrat über Wochen hinweg Überstunden der Mitarbeiter und blockierte zudem eine frühzeitige Weihnachtsruhe in einigen Bereichen des Werkes. Im Rahmen der Versammlung in der Schleyerhalle hatte Häberle auch gesagt, er wolle noch vor Weihnachten eine gute Nachricht für die Mitarbeiter im Werk. Dass diese Nachricht noch kommt, war vor anderthalb Wochen aber nicht mehr als eine vage Hoffnung.