Zukunft der Esslinger Innenstadt City zwischen Wirklichkeit und Wünschen

Mit der historischen Altstadt kann Esslingen einen Trumpf ausspielen. Foto: imago/Franz Walter

Wer durch die Esslinger Innenstadt geht, kann dem Strukturwandel auf Schritt und Tritt begegnen, und die Herausforderungen werden weiter zunehmen. Mit einem breit angelegten Strategieprozess will die Stadt die richtigen Weichen für die Zukunft stellen.

Wer durch die Esslinger Innenstadt geht, begegnet dem Strukturwandel auf Schritt und Tritt: Alteingesessene Geschäfte verschwinden, neue entstehen, und auch wenn man im Rathaus gern von minimalem Leerstand spricht, drängt sich manchen Esslingern ein anderer Eindruck auf. Wenn Kommune, Stadtgesellschaft und Geschäftswelt den Strukturwandel und die Herausforderungen der Zukunft etwa durch den Klimawandel meistern wollen, werden alle Beteiligten intensiv darüber nachdenken müssen, was die City für ihre Attraktivität tun kann. Mit einem Strategieprozess Zukunft Innenstadt will Esslingen die richtigen Weichen stellen. Unter dem Motto „Esslingen – Jahrhunderte jung“ soll sich die Stadt positionieren. In unterschiedlichsten Beteiligungs- und Diskussionsformaten wurde eine Wunschliste mit etwa 300 Positionen zusammengetragen – was wann und wie realisiert wird, muss der Gemeinderat entscheiden. Die bisherigen Überlegungen fanden breite Zustimmung, auch wenn vieles noch reichlich allgemein formuliert ist.

 

Mehrjähriger Prozess

Christine Clement-Wiegand, die Leiterin des Amtes für Wirtschaft, geht von einem mehrjährigen Prozess aus. Acht Handlungsfelder hat die Stadt zusammen mit dem Strategieberater Frank Heinze festgemacht: Freiraum- und Aufenthaltsqualität, Mobilität, Verkehr und Netzinfrastruktur, Wohnen und Soziales, Wirtschaft, Kultur und Freizeit, öffentliche und stadtgesellschaftliche Institutionen, Umwelt und Klima sowie Stadtmarketing und Citymanagement. Für all das gilt es nun, die richtigen Maßnahmen im Detail anzugehen. Die Voraussetzungen stimmen laut Heinze: „Ich kenne keine Stadt, die solches Potenzial hat.“

Im Gemeinderat erhielten die Verantwortlichen im Rathaus breite Zustimmung, „das Zielbild zu konkretisieren, umzusetzen und die Umsetzungsorganisation sowie das Monitoring zu koordinieren“ – nicht nur mit Blick auf das Stadtjubiläum 2027, sondern darüber hinaus bis ins Jahr 2032. Carmen Tittel (Grüne) ist überzeugt: „Die beschriebenen Maßnahmen sind geeignet, die Innenstadt aufzuwerten, zu beleben und in die Zukunft zu führen.“ Viele der Wünsche deckten sich mit Anliegen ihrer Partei – nicht zuletzt bei Maßnahmen zur Klimaanpassung. Viele Veränderungen seien nur zusammen mit Anwohnern, Hausbesitzern oder Geschäftsleuten zu machen.

„Zeigen, was Esslingen auszeichnet“

Christa Müller (SPD) sprach von einem klugen und authentischen Zielbild und lobte die breite Einbindung der Öffentlichkeit. Nun gelte es, die richtigen Einzelentscheidungen zu treffen und dabei die Stadtteile nicht zu vergessen: „Esslingen ist mehr als nur seine Innenstadt.“ Jörg Zoller (Freie Wähler) schätzt die Attraktivität der Innenstadt, warnte aber davor, „sich nur auf die Kulisse zu verlassen“. Seine Fraktion erwarte, dass auch größere Projekte wie die Aufwertung des Marktplatzes angepackt werden. Sven Kobbelt (FDP) sprach von „einem großen Topf, aus dem man schöpfen kann“. Sätze wie „Die Innenstadt bietet qualitätsvolles Wohnen, Teilhabe und ein entspanntes Zusammenleben für alle“ ließen sich auf viele Städte übertragen. Deshalb wünscht er sich, „dass das, was Esslingen auszeichnet, noch stärker herausgearbeitet wird und dass mehr konkrete Ziele formuliert werden“. „Den Allgemeinplätzen im Papier wird sich niemand verschließen“, vermutet Tim Hauser (CDU). Über konkrete Projekte und deren Umsetzung müsse man allerdings reden und dabei auch die Meinungen der Bürger einbeziehen, schließlich sei es keineswegs sicher, dass die mit allem einverstanden seien, was der Gemeinderat beschließe.

Martin Auerbach (Linke) fühlte sich an einen Lieblingssatz von Ex-Oberbürgermeister Jürgen Zieger erinnert: „Alle Wirklichkeit ist konkret.“ Und da passe vieles mit den Zielen nicht zusammen – etwa die „Schuhschachtelarchitektur“ auf dem alten ZOB-Gelände, das Nein zum Altstadtbus, die Abschaffung des Stadttickets oder die fehlende Bücherei-Erweiterung. Kritik kam auch von Sigrid Cremer (FÜR), die ebenfalls die Architektur des Qbus auf dem ZOB-Gelände kritisierte, weil so eine Straßenschlucht entstehe. Beim Klimaschutz sah sie alte Versäumnisse, mit einer Rücknahme höherer Kitagebühren oder der Wiedereinführung des Stadttickets könne die Stadt viel für ihre Attraktivität tun.

OB sieht sich auf richtigem Weg

Oberbürgermeister Matthias Klopfer sieht Esslingen mit seinem Strategieprozess zur Innenstadt auf dem richtigen Weg. Wenn er durch Esslingen gehe, spüre er eine pulsierende Stadt – mit dem Neubau der Hochschule in der Weststadt, der Umstellung auf elektromobilen Busverkehr oder der Aufwertung von Marktplatz und Ritterstraße, die die Stadt konsequent anpacken wolle, habe man wichtige Zeichen gesetzt. Klopfers Eindruck: „Andere Städte beneiden uns um unsere Chancen.“ Der Strukturwandel könne allerdings nur im Zusammenwirken aller Beteiligten gelingen.

Der Strategieprozess Zukunft Innenstadt

Das Projekt
 Bürgerinnen und Bürger, Repräsentanten wesentlicher Interessengruppen und Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen haben sich seit 2021 intensiv mit Vertretern der Kommune über die Zukunft der Esslinger Innenstadt ausgetauscht. Ziel ist, den Strukturwandel, der quer durch die Republik zu beobachten ist, zu meistern, die bisherigen Angebote und Strategien auf den Prüfstand zu stellen und bei Bedarf auch neue Akzente zu setzen, damit das Stadtzentrum weiterhin seiner wichtigen Rolle gerecht werden kann. Um einen zukunftstauglichen Kurs abzustecken, wurde ein Zielbild entwickelt, das die generellen Leitlinien aufzeigt. Nun wird es für die Stadt, die verschiedenen Akteure und die Bürgerinnen und Bürger darum gehen, diesen groben Rahmen mit Leben zu erfüllen.

Der Wunschzettel
2000 Esslingerinnen und Esslinger haben in einer Onlinebefragung und in verschiedenen Veranstaltungsformaten deutlich gemacht, wohin sich die Innenstadt nach ihrer Einschätzung entwickeln sollte. Doch das war nur ein erster Schritt – spannend wird es nun, etwa 300 Ideen zu begutachten und zu entscheiden, was wann und wie realisiert werden kann und soll.

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