Neben dem Stuttgarter Kessel haben Stadtplaner andere Orte in den Fokus gerückt und Ideen fürs Wohnen in der Stadt präsentiert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wie im überlasteten Kessel „mutig“ gewohnt wird und wie sich günstiger Wohnraum schaffen lässt: Im Stadtpalais Stuttgart machen renommierte Stadtplaner überraschende Vorschläge.
Angesichts der horrenden Mieten in Stuttgart, der zahlreichen unwirtlichen Plätze und sommerlicher Hitzehotspots bietet eine Diskussionsrunde über die Frage, wie Stuttgart in Zukunft wohnen soll, wenig Grund zu amüsierten Mienen. Und auch das Gelächter an diesem Abend im randvoll besetzten Stuttgarter Stadtpalais klang nicht wirklich nach entspannter Heiterkeit.
Reichlich Lacher waren zu hören angesichts der Diagnose, dass es in Stuttgart einen „hohen Erkenntnisgewinn“ gebe, was nötig wäre, um ihren Bürgerinnen und Bürgern ein besseres Wohnleben zu ermöglichen. An der „Umsetzungsorientierung“ aber fehle es, man müsse „vom Verwalten zum Gestalten kommen“.
Stuttgarter Wohnpolitik: gestalten statt verwalten
Salopp formuliert: Stuttgart, die Verwaltung, die politischen Verantwortlichen, müssen in die Puschen kommen und das rasch, wenn es eines der wichtigsten Ziele – ein Plus von 20.000 Wohnungen bis 2033 – erreichen will. Geht es nämlich so weiter wie bisher, werde dies frühestens 2040 oder 2045 gelingen – diese Aufforderung schrieben die Architekten und Stadtplaner den Stuttgarter Entscheidern ins To-do-Büchle.
Stuttgarts Bürgermeister Peter Pätzold leitet das Referat Städtebau, Wohnen und Umwelt und eröffnete die Veranstaltung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Als Hauptursachen fürs zu langsame Schaffen von Wohnraum wurden unter anderem komplizierte Verfahren und schwere Finanzierungszugänge ausgemacht. Jüngst beispielsweise hat die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) mitgeteilt, dass die Schaffung eines neuen Quartiers in Obertürkheim mit 136 Wohnungen sich wegen „Verzögerungen im Bebauungsplanverfahren“ um zwei Jahre verschoben hatte.
Drei Teams bestehend aus Stadtplanern und Architekten sind von der Stadt Stuttgart beauftragt worden, für die Landeshauptstadt eine Perspektive zu definieren, nicht richtungslos in die Zukunft zu stolpern, sondern gewappnet zu sein, die Zukunft zu gestalten und auf mögliche gesellschaftliche, wirtschaftliche Veränderungen reagieren zu können.
All dies unter dem Leitbild, „mutig“ und „erfinderisch“ sein zu wollen, die Stadtentwicklung Stuttgarts solle leistbar, gerecht ausgestaltet, eine Klimastadt sein. Außerdem galt als Leitbild das Selbstverständnis einer produktiven und dynamischen Metropole.
Jüngst war die Abschluss-Präsentation, bei der es keine Siegerteams gab. In der nun folgenden Phase werden die Ergebnisse an Verwaltung und Politik zurückgespiegelt und an den ausgearbeiteten Ideen, Projektvorschlägen weiter gearbeitet. Was die Teams bei der letzte Veranstaltung im Oktober 2025 vorgestellt hatten, wurde nun konkretisiert.
Die Stadt wird als „polyzentral“ wahrgenommen, also als ein Ort, der nicht nur im „Kessel“, der ohnehin „randvoll und am Limit“ interessant sei, sondern sich an den Rändern entwickeln müsse. „Polyzentrale Knoten“ – sprich Randgebiete wie Untertürkheim, Vaihingen, Zuffenhausen, Feuerbach – rückten in den Blick. Und Ideen, wie entlang der B10 mehr und besser gewohnt werden könnte.
Träume vom Leben in Stuttgart am Neckar
Und selbstredend wurde ein „erlebbarer Neckarhafen“ und das Neckarufer als Sehnsuchtsort für die Städter in den Fokus genommen, für den es seit vielen Jahren ja bereits einen Masterplan gibt, der aber sehr zögerlich umgesetzt wird. Die Aufforderung „vom Verwalten zum Gestalten kommen“ gilt auch hier. Von einer „grünen Neckarbrücke“ war ebenfalls die Rede. Verheißungsvoll.
Wenn die Stadt nicht nur reagieren und verwalten, sondern aktiv – Stichwort „mutig“ – gestalten wolle, müsste die Stadt eine „aktive Bodenpolitik betreiben“, Boden kaufen, den Markt mitgestalten, „gemeinwohlorientiert verdichten“, zugleich „Freiräume sichern“.
Vertikale Nachverdichtung in Stuttgart
Allerdings liegt zwischen den beiden Veranstaltungen voller guter und konkreter Ratschläge – Wohnungstauschbörsen, Bündelungen von Förderungen von energetischen Sanierungen etwa und vertikaler Nachverdichtungen (also Hochhäuser bauen, am Vaihinger Bahnhof zum Beispiel) – eine Haushaltsverabschiedung samt der Erkenntnis, dass es um Stuttgarts Finanzen alles andere als rosig steht.
Umso eindringlicher formulierte das Team, das übers günstige Wohnen sprach, was vonnöten wäre, um die Situation in Stuttgart für Mietende zu verbessern: „62 Prozent Mietsteigerung gab es in zehn Jahren in Stuttgart“ hat die Gruppe YellowZ (Zusammenschluss von Büros Berlin und Zürich)/ Raumposition (Wien) errechnet. Junge Leute, auch Familien müssten 64 Prozent ihres Einkommens für Mieten und die täglichen Lebenshaltungskosten ausgeben. Wenn Stuttgart wirklich leistbar sein soll, dann heiße das: „Stuttgart muss mehr Wien wagen“, eine klare Ansage.
Stuttgarter Entscheider müssten eine „gemeinsame Haltung“ finden
Seit 130 Jahren betreibt die Stadt Wien eine aktive Wohnungspolitik, sodass Wohnraum nicht zum Spekulationsobjekt wurde. Jede vierte Wohnung in Wien befindet sich heute im Eigentum der Gemeinde, die damit die größte Immobilienbesitzerin Europas ist. Darüber hinaus unterliegen deutlich mehr als die Hälfte aller Mietwohnungen in Wien einer dauerhaften sozialen Bindung. Davon können nicht nur die Stuttgarter, sondern auch die Berliner, Hamburger oder Frankfurter Mieter nur träumen.
Es müsse „überparteiliche Einigkeit“ darüber herrschen, diese gemeinwohlorientierte Wohnpolitik realisieren zu wollen. Eine „gemeinsame Haltung“, ein „neues Verständnis“ muss gewonnen werden. Alle Akteure, Verwaltung, Politik, Genossenschaften, Bündnis Wohnen, müssten an einen Tisch gebracht werden, um Verfahren zu beschleunigen, von der „lahmen Ente“ zum „Sprintquartier“ zu kommen.
Ähnlich also wie die Macher der Internationalen Bauausstellung „IBA 27“, die Akteure zusammenbringen, Impulse für innovatives Wohnen geben. Als vor bald drei Jahren die EnBW als Bauherrin für die Umwandlung von Büros in 800 (!) Wohnungen im Stuttgarter Osten eine bis heute dauernde Pause einlegte, hat die Stadt eines nicht betrieben – aktive Bodenpolitik.
Info
Perspektive Zukunft Entwickelt werden soll ein Leitbild und eine Strategie für die langfristige Entwicklung der Stadt Stuttgart. Drei Stadtplanungsteams haben Ideen für das Stuttgart der Zukunft entwickelt, mit denen die Stadt nun umgehen kann. Dies sind die Teams: Team 1: urbanista, Team 2: Yellow Z + RAUMPOSITION, Team 3: TELEINTERNETCAFE + TREIBHAUS Landschaftsarchitektur + c/o Zukunft + Buro Happold.