Zukunft Deutschlands Im Gesundheitssystem sind große und kleine Umbauten nötig

Viele Patienten haben weite Wege zum Arzt, wenn die bisherige Praxis geschlossen wird. Foto: dpa

Zukunftsfähigkeit und Gesundheitssystem sind zwei Vokabeln, die nicht zueinander zu passen scheinen. Wo es am meisten hakt – und was für Lösungsansätze es gibt.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Eugen M. ist mit seinem Hausarzt eigentlich ganz zufrieden. Trotzdem kann er nicht mehr zu ihm gehen. Und das, obwohl es viel Anlass dafür gebe, seitdem Eugen M. das 85. Lebensjahr überschritten hat. Doch zwischen dem Hauseingang und der Praxistür im ersten Stock liegen rund zwei Dutzend Treppen, einen Aufzug gibt es nicht. Das wird, seitdem die Hüfte zwickt und der Rollator ein treuer Begleiter geworden ist, zum unüberwindbaren Hindernis.

 

Eugen M., der in Wirklichkeit anders heißt, wohnt in einer der Mittelstädte, die die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg umgeben. Stuttgarter Speckgürtel. Keine schlechte Gegend eigentlich, keine tiefe Provinz, in die immer weniger Ärzte gehen wollen, um sich dort sesshaft zu machen. Trotzdem winkt jeder Mediziner ab, bei dem Eugen M. anklopft und darum bittet, als Neupatient aufgenommen zu werden. Rappelvoll sei man, heißt es überall. Schon heute fehlen bundesweit mehr als 5000 Hausärzte. Seit 2015 ist die Zahl der hausärztlichen Einzelpraxen von 30 000 um rund 5000 gesunken. Auch bei Gemeinschaftspraxen gab es einen Rückgang um rund 1000.

Fast die Hälfte aller Landkreise werden unterversorgt sein

Ein Problem, das in den nächsten Jahren noch zunehmen wird. Die Robert Bosch Stiftung hat eine Studie veranlasst, die zu dem Ergebnis kommt, dass bis zum Jahr 2035 in Deutschland voraussichtlich 11 000 Hausärzte fehlen werden. 40 Prozent aller Landkreise seien dann unterversorgt. Nach Schätzungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung ist bis zum Jahr 2040 mit einem Mangel an 30 000 bis 50 000 Ärzten zu rechnen. Gleichzeitig werden die Patienten immer älter und betreuungsintensiver.

Kinderärzte mit Platz für Neupatienten sind fast wie sechs richtige im Lotto. Foto: Lg/Kovalenko

Die Gründe für das Dilemma sind vielschichtig. Gut zwei Drittel der Hausarztpraxen sind Einzelkämpfer, immer noch. Ein selbstständiger Arzt arbeitet laut Kassenärztlicher Vereinigung rund 53 Stunden in der Woche. Vielen Jungmedizinern ist ein Angestelltenverhältnis mit geregelter, kürzerer Arbeitszeit da lieber. Zudem steigt der bürokratische Aufwand von Jahr zu Jahr.

Es klemmt dabei nicht nur bei den Medizinern, sondern auch bei den Fachangestellten, die eine Praxis organisieren und am Laufen halten. Manch ein Arzt würde gerne länger arbeiten, muss aber seine Öffnungszeiten reduzieren, weil er nicht genügend Mitarbeiter hat.

Wer umzieht, findet keinen Kinderarzt

Doch die Patienten haben nicht nur mit Blick auf den Hausarzt eine ungesunde Zukunft vor Augen. Wer Kinder hat, der braucht keine Statistik, um zu sehen, dass etwas nicht stimmt. Wer einen Kinderarzt hat, der kann sich glücklich schätzen. Wer umzieht, und einen neuen suchen muss, der hat ein Problem. Ein Problem haben auch die Familien, die vor verschlossenen Türen stehen, sei es weil der bisherige Arzt in den Ruhestand gegangen ist, ohne einen Nachfolger zu finden, oder sei es, weil der Arzt nur noch privat behandelt. So wie zu Beginn des Jahres in Horb geschehen. Mehr als 8000 Menschen haben inzwischen eine Petition unterschrieben, in der die Politik aufgefordert wird, etwas gegen den akuten Mangel an Kinderärzten im Nordschwarzwald zu unternehmen.

Die Diagnose des Problems ist das eine, die Therapie ist etwas ganz anderes. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat angekündigt, die Rolle nicht ärztlicher Gesundheitsberufe zu stärken, mehr Gestaltungsspielräume zu schaffen, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen und die Zulassungsverfahren zu vereinfachen. Das klingt alles nicht schlecht, aber es wird doch nicht ausreichen, um dem zu begegnen, was absehbar auf die Gesellschaft zu kommt. Vielerorts gibt es die unterschiedlichsten Versuche, dem Problem zu begegnen. In Freiburg arbeitet ein pensionierter Hausarzt nun im Krankenhaus mit, in Thüringen hat eine Stiftung damit begonnen, selber Ärzte anzustellen, um denen das unternehmerische Risiko zu ersparen.

Gesundheitszentren an Stelle von Einzelkämpfern

Um den Problemen zu begegnen, raten Experten zu einem möglichst raschen Umbau des Versorgungssystems. Ein wichtiger Baustein sei der Aufbau von lokalen, umfassenden Gesundheitszentren, in denen multiprofessionelle Teams von Ärzten, Pflegern und anderen Gesundheitsberufen Hand in Hand arbeiten – „und optimalerweise deren familiäre und lebensweltliche Umstände kennen“, schreibt Doris Schaeffer, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, in der Studie der Bosch-Stiftung.

Im Klartext: Mehr als eine Hausarzteinzelpraxis, aber weniger als ein Krankenhaus. Da fehlt es auch am Personal. Die Idee findet in der Politik zwar Zustimmung, doch die Fragen der Gesetzgebung, Zuständigkeit und Finanzierung erwecken nicht gerade den Eindruck, dass dieser Umbau schnell vonstatten gehen wird.

Apropos Umbau: Wie viele Hausarztpraxen im Land nicht barrierefrei sind und eigentlich umgebaut werden müssten, damit auch Patienten wie Eugen M. Zugang zu ihrem Hausarzt haben, das weiß niemand. Dazu habe man keine Zahlen, heißt es von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Auch beim Hausärzteverband gibt es ein bedauerndes Kopfschütteln.

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