Zukunftsängste Was wir heute noch von der Aufklärung lernen können

Menschliches Denken noch in den Vorstellungswelten der Frühen Neuzeit, Kupferstich von 1617 Foto: Uni Leipzig

Viele zweifeln an der Vernunft: Wissenschaft und Technik machen mehr Probleme, als sie lösen, lautet der Vorwurf. Der Psychologe Steven Pinker hält das für eine gestörte Wahrnehmung. Unser Autor nimmt den Wissenschaftler mit auf eine imaginierte Zeitreise ins Jahr 2034.

Stuttgart -

 

Wir schreiben das Jahr 2034, das schon spöttisch als das „erleuchtete Jahr“ bezeichnet worden ist – wegen der vielen Gedenkveranstaltungen zur Aufklärung. Doch der Aufsatz „Was ist Aufklärung?“, den Immanuel Kant vor 250 Jahren veröffentlichte, markierte den Aufbruch in eine neue Zeit, deren Ideale der Menschlichkeit und Rationalität auch heute verteidigt werden müssen. Die Angriffe kommen von der politischen Rechten wie von der Linken. Die einen setzen auf das Recht des Stärkeren, die anderen sehen die Wissenschaft als Teil des ausbeuterischen Systems. Und beide Seiten zweifeln daran, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit mit Vernunft und Dialog meistern.

Grund genug zu fragen, wie sich die Prinzipien der Aufklärung bewahren lassen. Die StZ hat den aus Kanada stammende Psychologen Steven Pinker um eine Antwort gebeten. Pinker, der lange an der Harvard University tätig war und in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird, hat schon 2018 in seinem Buch „Enlightenment Now“ gezeigt, wie erfolgreich die Aufklärung war und wie gefährdet sie dennoch ist. Dass Menschen bereit sind, die Grundlagen unserer Gesellschaft aufzugeben, gehört zu den Paradoxien unserer Zeit . . .

Es kommt uns nur so vor, als werde die Welt immer gewalttätiger

Nach einem Vortrag in New York kam kürzlich eine junge Frau auf mich zu und stellte sich als Mitarbeiterin einer demokratischen Senatorin vor. „Sie haben sich ja ganz schön geirrt, Herr Pinker“, sagte sie unverblümt. „Seit mehr als 20 Jahren behaupten sie, dass die Welt besser wird, wenn Menschen miteinander diskutieren.“

Das mache ich tatsächlich: Wir ernten die Früchte der Aufklärung, die im 18. Jahrhundert gesät wurden. Nicht allen Menschen geht es gut, doch im Großen und Ganzen leben wir in unseren demokratischen Gesellschaften viel besser als damals, weil wir heute unsere Argumente schärfen und nicht mehr unsere Schwerter.

Ich fragte, wo das Problem liege. „Schauen Sie sich doch um!“, rief die Frau aufgebracht und machte eine Handbewegung, als meine sie die Welt um uns herum. Ich wollte meinen Vortrag nicht wiederholen, in dem ich mit umfangreichen Datensätzen gezeigt hatte, dass Kriminalität und blutige Konflikte ebenso abgenommen haben wie Armut und Unterernährung.

Die Lebenserwartung nimmt hingegen schon seit langem kontinuierlich zu. Ich sagte nur recht vorsichtig: „Der Eindruck, den die Medien zuweilen vermitteln, täuscht. Es kommt uns nur so vor, als werde die Welt immer gewalttätiger.“

Wenn ein Mensch mit dem Nötigsten versorgt ist, steigen seine Ansprüche

Es überraschte mich, dass ich dieses Argument weiterhin vorbringen musste. Am Anfang dieses Jahrhunderts war das noch anders gewesen: Damals fühlten sich viele Menschen durch die Globalisierung abgehängt – nicht unbedingt wirtschaftlich, sondern vor allem kulturell. Sie sahen ihre Werte schwinden und setzten auf Abgrenzung, um sie zu erhalten. Die omnipräsenten Nachrichten über Gewalt verstärkten den Wunsch nach einem starken Nationalstaat. Doch heute, drei Jahrzehnte später, sind die Menschen besser gebildet und sehr viel offener für neue Erfahrungen. Sie wissen, dass sich schlechte Nachrichten schneller verbreiten als gute und dass so der falsche Eindruck entstehen kann, wir schlitterten alle ins Chaos.

Doch die junge Frau winkte ab und sagte: „Das meine ich nicht. Ich bestreite nicht, dass die Welt besser geworden ist, sondern vielmehr, dass der Trend anhält. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Reden nicht mehr hilft. Gerade in der Politik geschieht doch am wenigsten!“ Als Beispiele nannte sie die Künstliche Intelligenz und den Klimawandel.

Ich verstand, was sie sagen wollte: Wenn ein Mensch mit dem Nötigsten versorgt ist, steigen seine Ansprüche. Die Erfolge der Vergangenheit – mehr Wohlstand und Frieden – werden als selbstverständlich hingenommen. Heute wünschen wir uns vor allem ein erfülltes Leben. Doch der technische Fortschritt scheint uns darin zu behindern. Er hat so große Mengen Treibhausgase in die Luft gepustet, dass wir unseren Konsum einschränken müssen. Roboter haben Arbeitsplätze übernommen, und die IT-Konzerne wissen mehr über uns, als uns lieb ist. Kennen Sie das unheimliche Gefühl, wenn auf Ihrem Holoscreen für ein Produkt geworben wird, das Sie sich kurz zuvor im Laden angeschaut haben? An Zufall glaubt da niemand mehr.

Die Politik versucht, der Wissenschaft den Schwarzen Peter zuzuschieben

Die Politik sollte eigentlich den technischen Wandel gestalten, doch darin scheint sie zu scheitern. Zwar hat sich außerhalb der Politik in den vergangenen Jahren viel getan: Es gibt jede Menge CO2-neutrale Firmen, und kleine wie große IT-Konzerne haben die „Smart Carta“ unterzeichnet, in der ethische Standards für den Einsatz von Maschinen und Algorithmen festgeschrieben sind. Doch die Vereinten Nationen verfehlen ihre Klimaschutzziele, während sie darüber streiten, wie man die Beiträge der einzelnen Länder präzise ermittelt. Und obwohl wir erlebt haben, dass auch große IT-Konzerne fallen können, scheinen sie heute mächtiger denn je. Die Regierungen haben ihnen zwar ein paar Prozent Steuern aufgebrummt, aber weiter sind sie bisher noch nicht gekommen.

Die Politik versucht derweil, der Wissenschaft den Schwarzen Peter zuzuschieben. Die US-amerikanische Präsidentin hat kürzlich ihre Wissenschaftsberaterin als „Pandora“ bezeichnet, weil sie eine Institution vertrete, aus der das Schlechte in die Welt gelange. „Gehen nicht alle Probleme unserer Zeit auf Wissenschaft und Technik zurück?“, fragte die Präsidentin.

Wir haben die Schwierigkeiten früherer Epochen überwunden

In Deutschland wiederum scheinen die Universitäten unter großem Druck zu stehen, weil sie angeblich von der Industrie gekauft seien. Dass Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft lange Zeit gewünscht waren, um viele Innovationen zu beschleunigen, will heute aber kaum noch ein Politiker wahrhaben.

Die Vorwürfe haben einen wahren Kern: Natürlich gehen die Probleme unserer Zeit auf Wissenschaft und Technik zurück. Doch das ist kein Warnsignal, sondern ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass wir die Schwierigkeiten früherer Epochen überwunden haben. Im 17. Jahrhundert wurde die Welt von Despoten regiert, und die meisten Menschen glaubten an übernatürliche Kräfte. Beides hat Schwierigkeiten verursacht, um es vorsichtig auszudrücken. In der Zwischenzeit haben uns der demokratische Diskurs und der technische Fortschritt in eine neue Welt geführt. In dieser Welt haben wir es mit anderen, mit neuen Problemen zu tun. Aber das bedeutet nicht, dass Technik und Vernunft „Opfer ihres eigenen Erfolgs“ geworden wären, wie oft zu hören ist. Unsere Lage ist nicht so verfahren, dass wir nicht mehr wüssten, wie es weitergeht. Probleme sind zum Lösen da, und die 250-jährige Geschichte der Aufklärung sollte uns eigentlich Zuversicht geben, dass wir auch diese Herausforderungen meistern werden.

Das Gefühl der Ohnmacht kann ich verstehen

Das alles sagte ich der jungen Frau, doch sie schien meine Position zu kennen. „Unsere Probleme sind komplexer als die des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir werden sie deshalb nicht mit denselben Mitteln bewältigen können“, gab sie zurück. „Uns fehlen nicht die Argumente, sondern wir brauchen vielmehr einen moralischen Kompass: Demut, aber auch Standfestigkeit, und eine Rückbesinnung auf das, was uns als Kultur ausmacht.“

Das Gefühl der Ohnmacht kann ich verstehen, denn politische Prozesse können sehr zäh sein. Doch was ist die Alternative? „Möchten Sie etwa unseren Lebensstandard aufgeben?“, fragte ich ungläubig. „Natürlich nicht“, sagte sie und lächelte zum ersten Mal. Das beruhigte mich ein wenig. „Jedenfalls reden Sie mit mir und engagieren sich trotz Ihrer Zweifel in der Politik, wie man es von einem aufgeklärten Zeitgenossen erwarten kann“, sagte ich, um eine Brücke zu bauen, und fuhr fort: „Zum Glück rufen Sie nicht zur Revolution auf und wollen ein neues System auf der Asche des alten aufbauen.“ Sie zwinkerte mir zu: „Wer weiß . . .“

Thesen

Die Welt ist heute sicherer und friedlicher als im 19. und 20. Jahrhundert. Menschen leben länger und in größerem Wohlstand. Der Psychologe Steven Pinker führt das in seinem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch „Enlightenment Now“ auf die Ideale der Aufklärung zurück: Wir haben häufig genug den Mut, uns unseres Verstandes zu bedienen. Populisten wie Donald Trump gefährden diesen Erfolg jedoch, indem sie wissenschaftliche Evidenz abtun und ihre Gegner dämonisieren.

Statistiken

Pinker belegt seine Thesen, wie er sagt, in der Sprache des 21. Jahrhunderts: mit Daten. Das hat er bereits 2011 in seinem Buch „Gewalt“ getan. Damals hatte er unter anderem den Rückgang terroristischer Anschläge betont, was er in seinem neuen Buch aber nicht wiederholt, weil die Kurve seit einigen Jahren steigt. Doch in Westeuropa ist die Gefahr, von Terroristen ermordet zu werden, weiterhin niedriger als in den 1970er- und 1980er-Jahren – trotz der Anschläge von Brüssel, Paris, Nizza und Berlin.

Kritik

Auch der Klimawandel ist für Pinker ein lösbares Problem, denn er schert alle Themen über einen Kamm. Seine Vorschläge sind in Deutschland unpopulär: massive Eingriffe in das Klimasystem (Climate Engineering) und Atomkraft. Außerdem schlägt er vor, alle Produkte entsprechend dem damit verbundenen CO2-Austoß zu besteuern – ein politisches Projekt, das noch nicht weit gediehen ist. Allen, die im Klimawandel eine existenzielle Bedrohung sehen, wirft Pinker vor, zum Erstarken der Populisten beizutragen, weil sie die Innovationskraft der Gesellschaft herunterspielen.

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