Herr Horx, als im Frühjahr die erste Welle der Corona-Pandemie die Welt überrollte, ging ein Aufsatz von Ihnen durch die sozialen Medien. Damals haben Sie so etwas wie ein Futur II imaginiert: Wir blicken, so Ihre Denkfigur, vom Herbst 2020 aus auf die Corona-Krise zurück, und aus dieser Perspektive können wir erkennen, welche positiven Veränderungen diese Zeit mit sich gebracht haben wird. Jetzt ist Dezember 2020. Haben Sie sich geirrt?
Ich habe ja in meinem Text „Die Zukunft nach Corona“ keine Prognose versucht, sondern eine „Re-gnose“, also eine Art geistiges Experiment, bei dem wir von einer anderen Perspektive, nämlich aus der Zukunft, auf die Pandemie schauen. Die zweite Welle konnte ich damals noch nicht voraussehen. Es wird eher Frühling oder Sommer 2021, bis wir vollständig zurückblicken können.
Nämlich wie?
Nicht mehr aus der Sichtweise der Furcht, sondern aus dem Blickwinkel des Wandels, der durch ein Krisen-Ereignis entsteht. Während wir eine starke Bedrohung erleben, sehen wir ja nur noch den Abgrund, die Zukunft verschwindet hinter einer Mauer von Angst. Die psychologische Technik der „Re-gnose“ ist ein Versuch, über diese Mauer der Panik hinweg zu springen. Könnte es sein, dass sich eine neue Richtung entwickelt, ein dauerhafter Wandel in der Gesellschaft? Dass wir womöglich als Gesellschaft, aber auch individuell resilienter sind, als wir befürchten? Diesen „Krisen-Sinn“, diesen Perspektivwechsel, können wir vorausahnen.
Wie sieht er aus?
Die Corona-Krise bringt beides: Entschleunigung und Beschleunigung. Entschleunigt werden wir in unserem Alltag, und entschleunigt werden die Globalisierung, der Konsum, die Spaßkultur, der Druck der Hypereffizienz. Das führt bisweilen zu neuen Freiheitsräumen. Beschleunigt werden manche Formen der Digitalisierung, Nachhaltigkeitsthemen, Fragen des sozialen Miteinanders, Sinnfragen. Die Krise macht uns fertig, aber sie verändert auch die Kultur.
Wir erleben aber durch Corona gerade eine gespaltene Gesellschaft.
Das finde ich gar nicht. Der messbare Konsens der Menschen mit der Politik ist in der Corona-Krise auf Werte gestiegen, die wir in den letzten 15 Jahren nie hatten: 70 bis 80 Prozent der Menschen geben an, dass sie im Prinzip der Regierung, der Politik vertrauen. So hoch war der generelle Konsens seit Jahr-zehnten nicht mehr. Das zeigt: Auf eine paradoxe Weise erzeugen der Verschwörungswahn und die oft aggressiven Proteste eine Stabilisierungswirkung in der Gesellschaft. Beunruhigen muss uns nur, wenn ein solches Phänomen die Gesellschaft in der Mitte auseinandertreibt, wie in den USA oder Brasilien. Aber das weist ja darauf hin, dass sie vorher schon gespalten war.
Wie unterscheidet sich die Corona-Krise von früheren Seuchen?
Wir haben uns heute an die Illusion gewöhnt, wir lebten sozusagen jenseits der Natur – eine unrealistische Weltbeherrschungs-Story. Deshalb sind wir jetzt geschockt. Dabei ist das Corona-Virus schlicht das Ergebnis von Evolution. Wir sind und bleiben Teil dieser Evolution. Gleichzeitig ist die unmittelbare Lebensbedrohung heute viel geringer als für unsere Vorfahren die Pest oder die Cholera . . .
. . . weil es einen technologischen Fortschritt gibt. Wird das vor allem als Triumph in uns zurückbleiben: dass wir das Virus durch Impfstoffe besiegt haben?
Entscheidender wird sein, ob die Gesellschaft einen neuen moralischen und ethischen Kompass ausbildet und neue Kooperations- und Kommunikationstechniken. Die Tatsache, dass wir heute in breitem Konsens die Wirtschaft herunterfahren, um Alten und Schwachen das Überleben zu sichern, ist im Grunde schon ein ungeheurer ethischer Fortschritt. Das ist ja durchaus umstritten, aber eine deutliche Mehrheit der Menschen ist dafür.
Was macht die Krise mit der Globalisierung? Werden wir jetzt wieder lokal?
Die Globalisierung verschwindet nicht, aber wir erleben einen neuen, netzwerkartigen Globalisierungsprozess, in dem lokalere Produktionen und Orientierungen an unserem Nahraum eine größere Rolle spielen als zuvor. Wir nennen das „Glokalisierung“.
Was ist mit dem Klimawandel?
Es ist erstaunlich, welchen Schub die Corona-Krise dem ökologischen Gedanken gegeben hat. Heute nehmen Unternehmen das Klimaproblem stark und intensiv wahr, viele große Konzerne legen sich plötzlich auf ernsthafte CO2-Ziele fest, und ebenso plötzlich gibt es Green-Deal-Gesetze in Europa, die man nicht für möglich gehalten hatte. Das ist kein Zufall. Corona markiert eine Wende in der Entwicklung der Zivilisation. Es könnte gut sein, dass das Jahr 2020 der wirkliche Beginn der postfossilen Wende wird.
Und das „alte Normal“?
Das kommt nicht zurück. Krisen wie diese verändern immer den Weg der Geschichte, das Klima der Kultur, die Werte- und Wahrnehmungssysteme. Seuchen haben oft sozialen Wandel mit sich gebracht – das gilt für die Pest im Mittelalter, für die Cholera, die im 19. Jahrhundert unsere Städte verändert hat, bis hin zur Spanischen Grippe. Oft sind diese Wirkungen erstaunlich: AIDS zum Beispiel , eine „Minderheiten- Krankheit“, hat die Gesellschaft zu deutlich mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen gebracht. Seuchen haben oft öffnende Wirkung, weil sie gesellschaftliche Solidarität einfordern, weil sie uns unsere Abhängigkeiten und Verbindungen deutlich machen.
Die Sehnsucht nach den alten Sicherheiten und Gewohnheiten ist aber sehr stark. Wie schaffen wir es, uns angstfrei auf Neues einzulassen?
Dafür gibt es kein Rezept. Wer ängstlich und wütend ist, erfährt eine solche Krise als existenzielle Bedrohung, und er setzt seine Angst oft in Aggression um, in Dagegensein und Abwehr. Andere erleben die Krise als eine Aufforderung zum Wandel. Aber es gibt bei erstaunlich vielen Menschen ein Grundgefühl, dass uns diese Krise in einem Beschleunigungs- und Überforderungszustand gestoppt hat. Das „alte Normal“ war eigentlich nicht nachhaltig.
Was ist der Grund für die Beharrungskräfte in der Gesellschaft?
Viele Menschen entwickeln ein sehr geringes Selbst- und dadurch auch ein geringes Weltvertrauen. Aus allen Kanälen hämmert ständig das Katastrophische, das Böse, das Schreckliche auf uns ein – einfach weil Negativität viel mehr Aufmerksamkeit erregt. Wir leben in einer toxisch-medialen Umwelt, die uns ständig in neue Hysterien und Untergangs-Erwartungen hineintreibt, vor allem im Internet. Das ist eine massive kulturelle Problematik.
Wie kann man da gegensteuern?
Durch mehr Medienkompetenz, vor allem bei der Betätigung des Ausknopfes, der allerdings bei manchen Geräten kaum noch zu finden ist. Viele Menschen versuchen gerade jetzt in der Corona-Krise, sich nicht von Angst überwältigen zu lassen. Es ist wichtig zu erkennen, dass Krisen nicht das Ende sind, sondern immer auch ein Anfang. Wenn wir das verstehen, beginnt das Neue, die Zukunft in uns selbst. Und dann hat die Krise einen Sinn.
Matthias Horx und die Zukunftsforschung
Vita
1955 in Düsseldorf geboren, begann Matthias Horx in Frankfurt ein Soziologiestudium. 1980-92 arbeitete er als Journalist und schreibt unter anderem für die Zeitgeist-Zeitschrift „Tempo“. 1993 eröffnete er das „Trendbüro“ in Hamburg, 1998 sein „Zukunftsinstitut“ in Frankfurt und Wien. Das Unternehmen beschäftigt dreißig Mitarbeiter, darunter auch Horx’ Söhne. Schwerpunkt ist der Wandel gesellschaftlicher Werte und Lebensformen im globalisierten Kapitalismus. Aktuelle Veröffentlichung ist der „Zukunftsreport 2021“.
Beruf
Zukunftsforscher erforschen die Zukunft als Prognostiker und durch Modellbildung. Dabei arbeiten sie u. a. mit Modellen der der System-, Kognitions-, Sozial- und Evolutionswissenschaften. Ziel ist herauszufinden, welche wahrscheinlichen Verläufe bestimmte Phänomene haben werden und welche Folgen das hat. Kunden und Geldgeber sind Institutionen und Unternehmen.