Zukunftsgespräch Hohenheim Vom Bauernhof ohne Umweg auf den Teller

Die Nachfrage nach regionalen Obst- und Gemüse-Angeboten ist in der Corona-Pandemie zwar gestiegen - trotzdem ist der Marktanteil insgesamt gering Foto: dpa/Peter Kneffel
Die Nachfrage nach regionalen Obst- und Gemüse-Angeboten ist in der Corona-Pandemie zwar gestiegen - trotzdem ist der Marktanteil insgesamt gering Foto: dpa/Peter Kneffel

Fridafrisch bringt Online-Lieferservice und Bauernhof ums Eck zusammen. Das Geschäftsmodell ist ein Thema bei den Hohenheimer Zukunftsgesprächen am 25. November – Online-Teilnahme möglich.

Lokales: Jürgen Brand (and)
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Hohenheim - Wer auf der Filderebene wohnt, hat viele Möglichkeiten, Obst und Gemüse direkt vom Erzeuger, vom Landwirt zu bekommen. Es gibt Hofläden, Gemüsekisten-Abonnements, Wochenmärkte. Die Nachfrage nach solchen regionalen Angeboten ist in der Coronapandemie zwar gestiegen – trotzdem ist der Marktanteil insgesamt gering, was den Landwirten das Leben nicht leichter macht und beispielsweise dem Klima schadet. Die Universität Hohenheim hat sich im Rahmen eines EU-Projekts wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt und stellt im 4. Hohenheimer Zukunftsgespräch am Donnerstag, 25. November (18 Uhr, online, öffentlich), die Frage „Vom Feld auf den Teller – wie nachhaltig ist der Weg unserer Nahrung?“

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Philip Kleiner, einer der Teilnehmer am Hohenheimer Zukunftsgespräch, hat bis Anfang 2020 nicht im Traum daran gedacht, einmal in der Bodenseeregion rund um Salem Obst, Gemüse und andere Lebensmittel direkt bei Landwirten zu kaufen und sie Kunden vor die Haustür zu liefern. Der 27-Jährige hat Immobilienwirtschaft in Freiburg studiert und um das Studium zu finanzieren, nebenher als Personal Trainer gearbeitet.

Geplant war das Geschäftsmodell nicht

Zusammen mit seiner Freundin und seinem Bruder hatte er eine GmbH gegründet, Unternehmensstrukturen inklusive fertiger IT aufgebaut und Vorverträge mit Abnehmern geschlossen, um „ein nachhaltiges Sportgetränk speziell für Profisportler“ auf den Markt zu bringen.

Marktstart sollte im April 2020 bei der weltgrößten Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit, der FIBO in Köln sein. Dann kam Corona. Die Messe wurde abgesagt, die potenziellen Abnehmer kündigten die Vorverträge, die drei Existenzgründer standen mit einem fertigen Unternehmen samt monatlichen Fixkosten, aber ohne funktionierendes Produkt da.

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Gleichzeitig hatte auch der Opa von Philip Kleiner ein Problem: Der Landwirt blieb wie viele seiner Kollegen rund um den Bodensee auf seinen verderblichen Produkten sitzen. Die Grenzen zu den Kunden in Österreich und der Schweiz waren zu, die Gastronomie – einer der Hauptabnehmer – war geschlossen. Und Philip Kleiner ging für seine Großeltern einkaufen, um sie vor einer Ansteckung zu schützen. Also kauften sie vom letzten Kapital ein „Kühlbusle“, programmierten ihre IT-Struktur auf Lebensmittelverkauf um, stellten Produkte einiger Landwirte aus der Gegend in ihren Onlineshop, holten sie direkt an den Höfen ab und brachten sie den Kunden bis vor die Haustür. Kleiner sagt: „Eigentlich wollten wir damit nur unser Unternehmen kurzzeitig über Wasser halten. Wir dachten, vielleicht reicht es ja. Aber wir sind nicht davon ausgegangen, dass es funktioniert.“

Fridafrisch ist ein Online-Hofladen

So entstand Fridafrisch, „der regionale Online-Hofladen“, mit inzwischen 70 Landwirten als Partnern und knapp 1500 Produkten aus regionaler Erzeugung. Das komplett neue Geschäftsmodell findet inzwischen bundesweit Beachtung, gerade wird eine zweite Lieferregion vorbereitet. Fridafrisch ist ein Paradebeispiel für kurze Lieferketten, mit denen sich Wissenschaftler der Universität Hohenheim und Partner in weiteren zehn europäischen Ländern in den vergangenen drei Jahren intensiv beschäftigt haben.

Smartchain heißt das EU-Projekt, bei dem „kollaborative kurze Lebensmittelversorgungsketten (KLK)“ im Mittelpunkt standen. „KLK sind Lebensmittelsysteme, die das Potenzial haben, die Art und Weise wie wir Lebensmittel anbauen, verteilen und konsumieren zu verändern und dabei auf die Bedürfnisse von Landwirten, Lebensmittelproduzenten und Verbrauchern einzugehen“, heißt es in einer Projektbeschreibung. Kollaborativ steht dabei für die Einbeziehung sowohl der Landwirte und der Zwischenhändler als auch der Verbraucher.

Wie sind kürzere Lieferketten möglich?

Professorin Verena Hüttl-Maack leitet an der Universität Hohenheim das Fachgebiet Marketing und Konsumentenverhalten, hatte in dem Projekt die Verbraucher fest im Blick und führte eine Online-Studie zum Verbraucherverhalten in vier der beteiligten Länder durch. Fragen dabei waren beispielsweise: Wo kaufen die Menschen überhaupt ein? Oder: Welche Motive gibt es für die Nutzung kurzer Lieferwege?

Im Hohenheimer Zukunftsgespräch am 25. November, 18 bis 19.30 Uhr, wird Verena Hüttl-Maack mit Philip Kleiner und Philip Kosanke, dem Gründer der Rukola Soft UG und Berater für Solidarische Landwirtschaft, darüber sprechen, welche Lösungsansätze es für eine bessere Nutzung kürzerer Lieferwege gibt. „Was müsste passieren, damit die alternativen Angebote mehr genutzt werden? Wo gibt es noch Hürden, die es abzubauen gilt?“, sind Fragen, über die diskutiert werden soll. Die Moderation übernimmt Professor Bernd Ebersberger, der an der Universität Hohenheim das Fachgebiet für Innovationsmanagement leitet. Das Online-Publikum kann sich an der Diskussion per Zoom beteiligen, die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist unter www.uni-hohenheim.de/zukunftsgespraeche erforderlich.




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