Zukunftskongress in Stuttgart Gibt es ein Bürgerrecht auf Parkplätze?

Ole von Beust, Konrad Rothfuchs, Rolf Nicodemus, und Markus Friedrich diskutieren gemeinsam mit StZ-Titelautorin Hilke Lorenz (v.l.) über clevere Ansätze im ruhenden Verkehr. Foto: L/ichtgut/Leif Piechowski

Eine kontroverse Diskussion zwischen den Teilnehmern, ob clevere Ansätze für den ruhenden Verkehr, zu nur noch mehr Verkehr in der Stadt führt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Stuttgart - Noch immer werden 85 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt. Und oft stellen sich Autofahrer die Frage: Wohin nur mit dem Fahrzeug? Auch in der Stadt der Zukunft wird sich die prekäre Parkplatzsituation erst mal nicht ändern, sollte der Verkehr nicht weniger werden. „Parken ist Stress“, findet Konrad Nicodemus, Projektleiter bei Bosch. Er ist zuständig für den Bereich Connected Parking und arbeitet daran, dass die langwierige Parkplatzsuche und Parken im allgemeinen angenehmer werden. Im Fokus stehen Apps, die dem Fahrer freie Parklücken in der Umgebung anzeigen. Außerdem geht es um Lösungen, bei denen der Fahrer sein Auto am Eingang eines Parkhauses abstellt, und dieses dann autonom einen Parkplatz sucht und selbst parkt: sogenanntes Automated Valet Parking. „Sobald diese Zukunftsbilder zur Normalität werden, ist allen geholfen – wir haben mehr Zeit, der Verkehr wird dadurch geringer, was dann auch der Umwelt zu gute kommt“, so Nicodemus.

 

Weniger Parkplätze bei Neubauten

Dem widerspricht Markus Friedrich, Professor für Verkehrsplanung an der Universität Stuttgart, deutlich: „Durch clevere Parksuche wird es schätzungsweise 20 bis 40 Prozent mehr Verkehr auf den Straßen geben“. Denn es mache das Autofahren attraktiver. Dadurch werden mehr Menschen verleitet, dieses Verkehrsmittel zu nutzen, um in die Stadt zu kommen. Friedrich fragt: „Wohin dann mit den ganzen Autos?“

Hilke Lorenz, StZ-Titelautorin, stellt klar, dass Parkplätze endlich seien. Sie stellt die Gretchenfrage in den Raum „Haben Bürger ein Recht auf einen Parkplatz?“ Für Markus Friedrich ist klar, dass es das nicht geben kann. Ein anderer Diskussionsteilnehmer geht noch weiter: Konrad Rothfuchs ist Geschäftsführer von Argus, einem Verkehrsplanungsunternehmen aus Hamburg. Aus seiner Sicht sei die Politik noch mehr gefragt, sowohl lenkend als auch einschränkend einzugreifen. „Derzeit schaffen wir immer weniger Parkplätze für die Bewohner von Neubauten.“ Die Hoffnung dahinter sei, dass die Menschen dadurch weniger bis gar nicht Auto fahren, da es aufgrund fehlender Parkplätze zu unattraktiv sei. Ole von Beust, Geschäftsführer von Smartparking und früherer Bürgermeister von Hamburg, sieht das ähnlich: „Dass Autos in der Stadt ein Gewinn sind, kann mir keiner erzählen.“ Dabei sei auch die Politik gefragt. Diese müsse, so Friedrich, auch vermeintlich unpopuläre Entscheidungen treffen. Das erfordere Mut. Genau den wünsche er sich. „Sonst geben wir den Wünschen von einem Teil der Bürger nach, die nicht an die ganze Gesellschaft denken, sondern nur an sich.“

Kfz-sozialisierte Männer

Das sei oft ein Dilemma, weiß Rotfuchs, da es nicht unbedingt förderlich für die Karriere eines Politikers sei, wenn er umstrittene Entscheidungen treffe. Ein weiteres Problem: „Politische Entscheidungen in der Mobilität treffen immer noch alte Männer wie wir, die Kfz-sozialisiert sind“, sagt Konrad Rothfuchs. Aus seiner Sicht liege die Hoffnung in der jungen Generation. Diese würde nicht auf die Idee kommen, mit dem Auto von Bietigheim nach Stuttgart zu fahren. Schlussendlich stelle sich die Frage, was man den Menschen einer Stadt zumuten kann. Rotfuchs findet: „40 Prozent mehr Verkehr in der Stadt der Zukunft sicherlich nicht.“ Dabei müsse eine bequeme und einfache Lösung gefunden werden, denn das werde immer die erste Wahl der Menschen sein.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Zukunftskongress