Zukunftsnetz 5G Das hat der neue Mobilfunkstandard zu bieten

Von Daniel Gräfe 

Auf der Messe in Barcelona dreht sich fast alles um den neuen Mobilfunkstandard 5G. Doch was bietet er Verbrauchern und Industrie?

In Barcelona steht beim Mobile World Congress die 5G-Mobilfunktechnologie im Fokus.Foto:AFP Foto:  
In Barcelona steht beim Mobile World Congress die 5G-Mobilfunktechnologie im Fokus. Foto:AFP

Barcelona - Für Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland, könnte der neue Mobilfunkstandard 5G bahnbrechende Kräfte entfalten: „5G hat das Potenzial, die Industrie und den Alltag der Verbraucher zu revolutionieren.“ Tatsächlich schafft die kommende fünfte Generation drahtloser Breitbandtechnologie völlig neue Möglichkeiten, um Menschen, Häuser, Autos, Fabriken oder ganze Städte zu vernetzen. Neue Geschäftsfelder und Dienste entstehen. Auch deshalb ist der Standard auf der weltgrößten Mobilfunkmesse in Barcelona vom 25. bis 28. Februar zentrales Gesprächsthema.

Was leistet das Zukunftsnetz?

Im 5G-Netz können Daten bis zu hundertmal schneller als bisher übertragen werden. Außerdem sollen gesendete Daten ohne Verzögerung zum Empfänger gelangen, was entscheidend für ferngesteuerte Fabriken, die Telemedizin oder das autonome Fahren ist. Im Grunde genommen handelt sich bei 5G nicht um ein Netz, sondern um parallel betriebene, virtuelle Netze, die eine gemeinsame, physische Infrastruktur haben. Diese Unternetze – auch Slices genannt – können flexibel höchst unterschiedliche Anforderungen erfüllen, was die Geschwindigkeit, Reaktionszeit, Sicherheit und Kapazität betrifft.

Was wird in Deutschland getestet?

Alle drei großen Netzbetreiber im Land – Telekom, Telefónica und Vodafone – sind aktiv. Sie betreiben etwa mit dem schwedischen Netzausrüster Ericsson, der Bahn, BMW und dem Bundesverkehrsministerium entlang der A 9 ein digitales Testfeld. Dabei geht es um das automatisierte und vernetzte Fahren und um Vorhersagen von Verkehrsfluss und Verkehrsdichte. Das ist auch ein Test für den Stadtverkehr der Zukunft. Künftig müssen Autos in weniger als einer Millisekunde Entscheidungen treffen, wenn sie mit den hunderttausenden Sensoren kommunizieren, die der Stadtverkehr einmal vernetzt. In einem anderen Szenario lässt die Deutsche Telekom Reparaturen von Maschinen einer Fabrik aus der Ferne dirigieren. Dabei werden Anweisungen auf die Datenbrillen der Techniker eingeblendet.

Wie profitieren die Nutzer ?

5G ist ein reines Datennetz, die Sprachtelefonie funktioniert weiterhin über das aktuelle 4G-Netz. Datenübertragung mit 5G erfolgt schneller und mit weniger Verzögerungen. „Mit 5G lässt sich die Netzqualität besser managen als mit dem aktuellen Standard LTE“, erklärt Uwe Kissmann, Sicherheitsexperte des Technologieberaters Accenture. Wer im Zug über das Internet ein Video anschaue, müsse sich nicht mehr über Verbindungsabbrüche ärgern. Anwendungen mit erweiterter Realität – auch Augmented Reality genannt – , bei der virtuelle Zusatzinformationen zu einem realen Ort eingeblendet werden, funktionieren besser. Voraussetzung bleibe aber, dass die Netzbetreiber Verbrauchern eine ausreichende Bandbreite bieten. Mit 5G können sich Mobilfunkkunden mit all jenen Dingen vernetzen lassen, die ihnen sinnvoll erscheinen. Lassen sich bereits jetzt aus der Ferne etwa die Alarmanlage und die Heizung steuern, bindet der neue Standard potenziell viel mehr Sensoren in das Netz ein. Künftig werde man beispielsweise wissen, wo die Kinder oder die Katze sich aufhalten, sagt Vodafone-Chef Ametsreiter: „Es wird Services geben, die man jetzt noch nicht erahnt.“

Gibt es denn schon die passenden Smartphones dazu?

Der Halbleiter-Hersteller Qualcomm hat bereits Chips entwickelt, die in der neuen Technologie funken können – obwohl es ein voll funktionsfähiges 5G-Netz noch gar nicht gibt. Die Smartphone-Produzenten nehmen die Chips an Bord. Vergangene Woche hat Samsung ein 5G-Smartphone präsentiert, das dieses Jahr auch in Deutschland auf den Markt kommen könnte. Am Sonntag stellte auch Huawei kurz vor der offiziellen Messeeröffnung ein 5G-Gerät vor. Die chinesischen Smartphone-Hersteller Xiaomi und OnePlus könnten an den kommenden Messetage gleichziehen.

Wann kommt das Zukunftsnetz?

Auf dem umkämpften US-Markt haben die großen Mobilfunkbetreiber für dieses Jahr erste Dienste angekündigt. Dabei geht es vor allem um eine schnellere und höhere Datenübertragung, damit sich zum Beispiel Apps schneller und komfortabler nutzen lassen. Auch in Südkorea könnten schon in diesem Jahr Dienste starten. In Deutschland könnte 5G frühestens 2020 eingeführt werden – noch ist das reine Spekulation. In diesem Frühjahr werden erst einmal die Frequenzen für 5G versteigert – doch auch der Zeitplan der Auktion ist derzeit in Gefahr.

Warum ist in Deutschland die ­Frequenzvergabe gefährdet?

Eigentlich sollen die Frequenzen für 5G Ende März versteigert werden, zu den Bietern zählen die drei großen Netzbetreiber und 1&1 Drillisch. Doch Telefónica wollte beim Kölner Verwaltungsgericht mit einem Eilantrag die Auktion verschieben lassen. Das lehnte das Gericht gerade ab, Telefónica kann aber noch Revision einlegen. Dann könnte es zu Verzögerungen beim 5G-Ausbau kommen.

Warum wollen Vodafone & Co. die Auktion stoppen?

Alle drei Netzbetreiber kritisieren die Ausnahmeregeln für Neueinsteiger – in diesem Falle das Unternehmen 1&1 Drillisch (United Internet) –, dessen Ausbaupflichten deutlich schwächer sind als für die alteingesessenen Netzbetreiber. Diese wollen auch strenge Auflagen wie das sogenannte lokale Roaming vermeiden. Das soll die Mobilfunker verpflichten, auch Konkurrenten gegen ein Entgelt das Netz nutzen zu lassen, wenn diese in einem Teilstück die nötige Infrastruktur nicht besitzen. Die Politik will damit gerade in den ländlichen Gegenden Funklöcher schließen, vor allem Mecklenburg-Vorpommern beharrt darauf. Die Netzbetreiber dagegen kritisieren, dass sich ihre Investitionen wegen etwaiger Trittbrettfahrer nicht rechnen würden.