Die Entwicklung in Richtung E-Mobilität verschlingt im Autobau Millionen. Der Stuttgarter Zulieferer Mahle hat sich dafür einen zinsgünstigen Kredit von der Europäischen Investitionsbank gesichert.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Das Tragen von Sicherheitsschuhen ist bei Mahle Pflicht. Die erscheinen allerdings wie ein Relikt aus einer Zeit, als der Stuttgarter Autozulieferer noch vor allem mit Kolben, Filtersystemen und schweren Motorteilen sein Geld verdiente. Wo früher großes Gerät in den Montagehallen des Werks in der Pragstraße zum Einsatz kam, stehen heute computergesteuerte Hightech-Anlagen mit denen etwa an Elektromotoren der Alltagsbetrieb simuliert wird.

Martin Berger gerät fast ins Schwärmen, wenn er von den Maschinen, dem Öl und dem Lärm erzählt. Doch als Leiter der Forschung und Vorausentwicklung bei Mahle verschwendet er nicht viel Zeit für solche Industrieromantik. Wie die gesamte Branche wurde auch das schwäbische Unternehmen vom Umbruch im Automobilsektor voll getroffen. Der Verbrennermotor ist ein Auslaufmodell und darf nach den Vorgaben der Europäischen Union in Pkw ab 2035 in Europa nicht mehr verkauft werden.

Für Zulieferbetriebe, die etwa auf den Getriebebau spezialisiert sind, ist das eine Katastrophe, denn ihnen bricht schlicht ihr Geschäftsmodell weg. Sie müssen nun im Zeitraffertempo einen radikalen Transformationsprozess durchlaufen oder werden absehbar vom Markt verschwinden. „Die Unternehmen müssen nun ihre Wandlungsfähigkeit beweisen“, sagt Martin Berger. Für Mahle heißt das, wo früher Hubraum und Drehzahlen gemessen wurden, stehen nun Elektrifizierung, Digitalisierung und Klimaneutralität im Mittelpunkt.

Die neue Zukunft verschlingt Unsummen

Der Aufbruch in die neue Zukunft verschlingt Unsummen. Aus diesem Grund hat sich Mahle um einen zinsgünstigen Kredit bei der Europäischen Investitionsbank (EIB) beworben und einen Zuschlag über 300 Millionen Euro bekommen, um „die Elektrifizierung von Fahrzeugen und die Dekarbonisierug des Straßenverkehrs voranzutreiben“, heißt es in einer Mitteilung von den Bankern aus Luxemburg.

In die positive Bewertung des Autozulieferers durch die EIB ist auch eingeflossen, dass Mahle bereits viel Vorarbeit geleistet hat. „Der Konzern erwirtschaftet bereits über 60 Prozent seines Umsatzes unabhängig vom Pkw-Verbrennungsmotor. Bis 2030 soll dieser Anteil auf 75 Prozent steigen“, heißt es von der EIB.

„Es ist fair von der Europäischen Union, im Kampf gegen den Klimawandel nicht nur die harten Rahmenbedingungen zu schaffen, sondern dann auch die Unternehmen bei ihrem Umbau durch günstige Kredite zu unterstützen“, sagt Mahle-Forschungschef Berger. Das Geld darf allerdings nur in Projekte fließen, in denen etwa umweltfreundliche Technologien wie Elektromotoren und Batteriekomponenten weiterentwickelt werden, das Thermomanagement optimiert wird oder Wasserstoff- und Brennstoffzellenkomponenten weiter erforscht werden.

Elektromotor ohne seltene Erden

„Wir müssen nachweisen, was wir machen“, erklärt Martin Berger das Prozedere. Für den Erhalt des Kredits musste Mahle seine Projekte deshalb einer umfangreichen Prüfung unterziehen lassen. „Die Leute, denen wir unsere Ergebnisse gezeigt haben, waren wirklich Fachleute und sind selbst an der Entwicklung extrem interessiert“, zeigt sich der Forschungschef beeindruckt, schränkt aber ein, dass man auch bei diesen Gelegenheiten natürlich nicht alle Karten auf den Tisch legen könne. „Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem Betriebsgeheimnisse die Grenze setzen.“

Zu diesen Geheimnissen zählte zum Beispiel ein im vergangenen Jahr vorgestellter, neu entwickelter magnetfreier Elektromotor, der ohne seltene Erden auskommt. Martin Berger gerät angesichts dieser Entwicklung ins Schwärmen, beschreibt die kontaktlose Übertragung der elektrischen Ströme zwischen den rotierenden und stehenden Teilen im Innern des sogenannten MCT E-Motors. „Auf diese Weise arbeitet der Motor verschleißfrei und speziell bei hohen Drehzahlen besonders effizient“, schließt der Ingenieur seinen kurzen technischen Vortrag und bezeichnet den Motor als einen Durchbruch – auch weil er „vom Kleinwagen bis zum Nutzfahrzeug eingesetzt werden kann“.

Weltweit über 70 000 Mitarbeiter

Beim Gang durch die Flure streift Martin Berger in seinen Erklärungen immer neue Technikbereiche, die in den nächsten Jahren schnell weiterentwickelt werden müssten – und bei deren Erforschung im Fall von Mahle der Kredit der Europäischen Investitionsbank gute Dienste leisten soll. Zentral ist in seinen Augen das sogenannte Thermomanagement bei der E-Mobilität, weil die Kühlung etwa für das Schnellladen von Elektrofahrzeugen in Zukunft ein entscheidender Faktor sei. „Damit verkürzen sich die Ladezeiten und kleinere Akkugrößen werden so alltagstauglicher“, ist Berger vom Erfolg der Entwicklungen bei Mahle überzeugt.

An anderen Stellen ging der Umbau des schwäbischen Zulieferers allerdings nicht so reibungslos über die Bühne. Der Konzern mit weltweit über 70 000 Mitarbeitern hat in den vergangenen vier Jahren mehrere Chefs verschlissen. Erst in diesem Frühjahr ist Matthias Arleth nach nur vier Monaten wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Strategie des Unternehmens wieder gegangen. Zum wiederholten Mal war danach Finanzchef Michael Frick als Interimschef eingesprungen.

Inzwischen steht Arnd Franz an der Spitze des Stuttgarter Zulieferers. Der 57-Jährige kommt vom Ersatzteilgroßhändler LKQ Europe. Der neue Mann ist in Stuttgart allerdings kein Neuling im Unternehmen. Er kennt Mahle, denn Arnd Franz hat den größten Teil seiner Karriere dort verbracht, wo er unter anderem den Vertrieb der Automotive-Sparte verantwortete.

Mahle kommt nicht aus den roten Zahlen

Wie schwer und kompliziert der Umbau mitten in der Krise ist, zeigen auch die Wirtschaftszahlen. Mahle konnte sich zwar 2021 vom Corona-bedingten Einbruch des Vorjahres erholen und der Umsatz stieg um zwölf Prozent auf elf Milliarden Euro. Das Unternehmen kommt allerdings nicht aus den roten Zahlen und schloss das Jahr unter dem Strich wieder mit einem Minus von 108 Millionen Euro ab – nach einem Verlust von 434 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2020. Das Management reagiert darauf mit Stellenabbau und Werkschließungen, was für große Unruhe bei der Belegschaft sorgt.

Die Entwickler bei Mahle sind allerdings überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein und versuchen, auch völlig neue Wege zu gehen. So haben sie einen Elektromotor für E-Bikes entwickelt, der inzwischen an über 40 Fahrradhersteller geliefert wird. Genutzt wird dafür die Technologie aus dem Automobilbau. Für Martin Berger ist das eines der besten Beispiele, wie vernetzt inzwischen ein zukunftsfähiges Unternehmen arbeiten muss.