Zum 100. Geburtstag Ein Fall für Marilyn

Während drehfreier Stunden genießt Marilyn Monroe damals ihren wachsenden Star-Status, gibt Autogramme auf der Niagara-Promenade und bricht zur schönsten, freiwilligen Regendusche der Welt auf. Foto: imago/Capital Pictures

Vor der tosenden Kulisse der Niagarafälle wurde Marilyn Monroe 1953 zum Leinwandstar. Ein Besuch auf den Spuren der Schauspielerin zu deren 100. Geburtstag

Den sieben Weltwundern hat Hollywood soeben zwei weitere hinzugefügt: Die Niagarafälle und Marilyn Monroe.“ Dermaßen bombastisch beginnt die „New York Times“ ihre Kritik zur Premiere des Films „Niagara“ – offenbar beeindruckt vom ebenso simplen wie attraktiven Mix: Die atemberaubend schönen, aber zugleich stets unheilvoll rauschenden und tosenden Wasserfälle als quietschfarbene Technicolor-Breitwand-Kulisse.

 

Darin jeder Meter Weg, jede Treppe als Laufsteg für ein bis dato weitgehend unbekanntes blondes, verführerisches Gift in diversen hautengen Kleidern. Manchmal auch ohne, dann verhüllt in einer Bettdecke. Sogar die Katholische Filmkritik konnte sich der Wirkung des Duos Niagara/ Monroe nach der Deutschland-Premiere am 9. Oktober 1953 nicht entziehen und urteilte – wohl unfreiwillig – zweideutig: „Amerikanisches Ehedrama mit geschickter Verwendung von Naturschönheiten.“

Zwischen Monroe-Doubles und Busreisegruppen

Am einstigen Drehort auf der kanadischen Seite der Niagarafälle muss man heute nicht lange nach Spuren suchen. Das Filmplakat, ein Bildband, der Film auf DVD – liegt alles in den Souvenirläden. Nach dem Blick auf Werbefotos für „Niagara“ gibt’s an der River Road entlang des bis zu 330 Meter breiten Natur-Whirlpools ein schönes Deja-vù: Manch älteres Semester mit betonierter Dauerwelle posiert noch heute wie Marilyn am verschnörkelten Promenadengeländer: Brust raus, Zahnpastalächeln anknipsen, die blonden Locken herausfordernd in den Nacken werfen. Wer im Touri-Getümmel gelungene Weitwinkel-Panorama-Aufnahmen der hufeisenförmigen, kanadischen Niagarafälle will, ohne dass die Ohren des Nebenmannes ins Bild ragen, muss geduldig warten oder sich beherzt zwischen Monroe-Doubles und Busreisegruppen drängeln.

Nur ein paar Gehminuten flussabwärts. Hier beginnt damals der „Niagara“-Thriller: Polly Cutler und ihr Mann Ray wollen ihre Flitterwochen nachholen, in einem eigens für den Dreh errichteten Bungalow mit Niagarafall-Blick. Doch der ist noch belegt von Rose Loomis, gespielt von Marilyn Monroe, und ihrem Mann George. Rose bittet, den Bungalow behalten zu dürfen, ihrem vom Korea-Krieg traumatisierten Mann gehe es schlecht. Die Cutlers stimmen zu.

Die Niagara-Fälle zwischen Kanada und den USA Foto: STZN/Lange

Doch Polly Cutler sieht wenig später, wie Rose einen anderen Mann an den Niagarafällen innig küsst. Auch Roses Mann George schöpft Verdacht, folgt seiner Frau am nächsten Tag zum sogenannten „Scenic Tunnel“. Der führt – feucht und 46 Meter lang – noch heute aus einem Felsen heraus hinter die 52 Meter in die Tiefe rauschende Wasserwand. Beklemmend, denn so nah wie auf dieser Aussichtsplattform kommt man den Niagarafällen sonst nirgends. Die Plattform ist – ein Jahr vorm „Niagara“-Dreh eröffnet – die Touristenattraktion der frühen Fünfziger und also idealer Showdown-Schauplatz für Roses Liebhaber und ihren eifersüchtigen Ehemann.

Während drehfreier Stunden genießt Marilyn Monroe – geboren am 1. Juni 1926 in Los Angeles – damals ihren wachsenden Star-Status, gibt Autogramme auf der Niagara-Promenade und bricht zur schönsten, freiwilligen Regendusche der Welt auf, einer Schiffstour mit der „Maid of the Mist“, dem seit 1848 durch die Gischt dampfenden Ausflugskahn.

Ihr Nachfolger-Boot der Niagara City Cruises kämpft sich auch heute stündlich mit hunderten Touristen bis auf wenige Meter an die 792 Meter breite Sturz-Flut heran. Um Marilyn Monroes schulterfreies, knallrotes Kleid zu schützen, bietet der Kapitän ihr damals einen weißen Regenumhang an – üblicherweise königlichen Hoheiten vorbehalten. Die Schauspielerin lehnt ab, schlüpft in den Poncho für Normalbürger. Der ist heute signal-rot und einziger Vollkaskoschutz gegen Ganzkörperwasserschaden.

Das Schiff schnauft so lange gegen den Wasserfall an, bis wirklich jeder Passagier seine Niagara-Taufe hat und die Gewissheit, eine Ameise zu sein angesichts dieser Hochhaus-hohen Naturgewalt.

Zwischen Daddelhallen und Disneyland-Verschnitt

Eingehend fragt Marilyn Monroe seinerzeit den Kapitän nach all den „Daredevils“, die sich die Niagarafälle hinabstürzen. Und hört Geschichten von Annie Taylor (überlebte 1901 im Holzfass) oder dem Engländer Charles Stephens: von ihm wurde 1920 nach dem Niagara-Sturz nur der rechte Arm gefunden. Diese und andere Draufgänger – nicht nur ein Thema im sehenswerten „Daredevil-Museum“, sondern auch im Film „Niagara“: Leichenteile eines Mannes werden angeschwemmt, Rose bricht bei der Identifizierung zusammen. Doch ihr Mann ist nicht der Tote, sondern taucht wenig später wieder auf, jagt seine Frau Stockwerk für Stockwerk den Turm der Rainbow Bridge hoch und erwürgt sie im Glockenturm.

Marilyn Monroe stirbt so vor dem Filmende und ist zu diesem Zeitpunkt längst neu geboren – als Sex-Ikone der noch jungen und prüden Fünfziger. Und als Starlet mit dem bis dato längsten, sinnlosen Gang der Filmgeschichte: 16 Sekunden lässt der Regisseur sie wenige Meter weit auf die Niagarafälle zugehen, zeigt sehr viel wippenden Hintern in Nahaufnahme und sehr wenig Wasserfall.

Wer ihn (den Wasserfall, nicht den Hintern) in voller Schönheit und ohne Gedrängel auf einen Blick möchte, sollte die Vogelperspektive buchen – einen Hubschrauberflug. Der stand übrigens schon im „Niagara“-Drehbuch: Polly wird aus der Luft spektakulär von einer Felsklippe gerettet, wohin sie sich vor George gerettet hat, der auf der Flucht kurz drauf mit einem gestohlenen Boot die Fälle hinunter in den Tod stürzt.

Abseits von Niagarafällen und Uferpromenade stapelt sich die Stadt Niagara Falls, in Form von Betonklotz-Hotels und Leuchtreklamen. Damals noch nicht eingeklemmt zwischen Daddelhallen und Disneyland-Verschnitt, ist das General Brock Hotel beim Dreh wochenlang Marilyn Monroes Zuhause. Und zunehmend auch das von Jock Carroll. Der Fotograf des kanadischen „Weekend Magazines“ hat eine Woche lang nahezu ungehinderten Zugang, schießt mehr als 400 Bilder von Monroe: Unter die Bettdecke gekuschelt das „Niagara“-Textbuch lesend. Im weißen Bademantel, die Haare auftoupiert. Oder mit Maskenbildner Allan Snyder, der ihr den Lippenstift nachzieht.

Marilyn hatte nur das Radio an

Sie übt, mit besonders verruchtem Gesichtsausdruck zu rauchen, rollt die Zigarette im Mund hin und her, so wie es im Drehbuch ihres nächsten Films „Blondinen bevorzugt“ steht. Heute würde der Feueralarm losheulen – Nummer 801 im heutigen „The Brock“ ist längst ein Nichtraucherzimmer.

Jock Carrolls Fotos erscheinen erst 1996 im Bildband „Falling for Marylin“. Er zeigt nicht nur den werdenden Star, sondern auch die noch vom Massentourismus verschonten Niagarafälle – mit Holzbuden als Kassenhäuschen und ohne Blechlawinen. Doch das ändert sich bereits rasant, als „Niagara“ in die Kinos kommt: Obwohl Polly und Ray im Film den Honeymoon-Horror erleben, avanciert Niagara Falls zur „Honeymoon-Hauptstadt“, dem Top-Ziel amerikanischer und kanadischer Hochzeitsreisender.

Es hätte aber auch ganz anders kommen, der „Niagara“-Film im Giftschrank verschwinden und Marylin Monroes beginnende Kino-Karriere abrupt enden können: Kurz vorm Filmstart nämlich tauchen drei Jahre alte Nacktfotos der Schauspielerin auf, in Kalendern und der ersten „Playboy“-Ausgabe. Doch der Monroe gelingt ein ebenso unbekümmerter wie entwaffnender Befreiungsschlag. Auf lüstern-scheinheilige Journalisten-Fragen, ob sie denn gar nichts angehabt habe, antwortet sie: „Doch, hatte ich – das Radio.“

Info

Anreise
 Air Canada, www.aircanada.com , und Lufthansa, www.lufthansa.com , fliegen günstig nach Toronto. Mit dem Mietwagen sind es 130 Kilometer bis zu den Niagarafällen, www.sunnycars.de.

Unterkunft
Als Marilyn Monroe im The Brock – Falls View Hotel wohnte, hieß es General Brock Hotel, benannt nach einem Helden aus dem kanadischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten 1812. Auch heute noch bietet das Hotel aus vielen Zimmern einen Blick auf die Niagarafälle. Vielfach ist er aber etwas verbaut – wie in Marilyn Monroes Ex-Zimmer mit der Nummer 801. Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 110 Euro, www.niagarafallscrowneplazahotel.com . Das Hilton Niagara Falls bietet ebenfalls aus vielen Zimmern direkten Blick auf die Wasserfälle und direkten Zugang zum Spielcasino im Hause. Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 138 Euro, www.hilton.com/de .

Aktivitäten
Die Niagarafälle sind quasi rund um die Uhr zu besichtigen. Abends sind die Wasserfälle (in quietschigen Bonbonfarben) angestrahlt, oft finden Feuerwerke statt. Niagara City Cruises bietet eine Reihe von Touren an, auch abends. Die Boote fahren von Anfang Mai bis Ende November, www.cityexperiences.com/niagara-ca/city-cruises/niagara/ .Infos zur Niagara Journey behind the Falls unter www.niagaraparks.com/visit/attractions/journey-behind-the-falls/ . Fässer, Tonnen und selbst gebaute Behälter, um den Sturz die Niagarafälle hinunter zu überleben – sie sind in der Daredevil-Ausstellung ebenso zu sehen wie die dazugehörigen Geschichten der Draufgänger und Wahnsinnigen. Sie werden unter anderem in mehrsprachigen Filmen gezeigt, www.niagarafallslive.com/daredevils_of_niagara_falls.htm .Einer von mehreren Rundfluganbietern ist Niagara Helicopters, www.niagarahelicopters.com . Die Hubschrauber fliegen sieben Tage pro Woche von 9 Uhr bis Sonnenuntergang. Wer nicht selbst fotografieren will und trotzdem Top-Bilder von seinem Heli-Flug haben möchte, kann den Fotoservice bei Niagara Helicopters dazu buchen. Die Firma verspricht, dass die Bilder bereits fünf Minuten nach der Landung fertig sind.

Allgemeine Informationen
Ontario Tourism, www.destinationontario.com/en-ca/regions/niagara-region

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