Heidelberg/Berlin - Den Extremisten, links wie rechts, fiel nichts ein, als ihm hinterherzukeifen. Die Kommunisten waren fertig mit Friedrich Ebert, seit er den Spartakusaufstand hatte niederschlagen lassen. In der Parteizeitung „Rote Fahne“ las sich der Bericht von seiner Beerdigung so: „Die monarchistische Bourgeois-Republik trägt ihren Ebert mit Reichswehrparade und Pfaffengeplärr zu Grabe.“ Der Verstorbene habe „die Republik, die eine sozialistische Räterepublik werden sollte, den weißen Generälen und Kapitalhyänen überliefert“. Im Duktus ganz ähnlich, aber wie gewohnt noch etwas näher am Rande der Selbstparodie, zeterte Adolf Hitler 1925 in „Mein Kampf“ über Ebert und seine Genossen, es habe „sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation gehandelt“.
Geliebt wurde Ebert von den wenigsten, respektiert nur von jenen, die die Demokratie anerkannten. Es lag in der Natur dieser Zeit, die politisch überhitzt war, in der Extremisten Morgenluft witterten. Der erste Reichspräsident war so unpopulär wie die Verfassung, die er repräsentierte, obgleich es die erste deutsche Volksverfassung und er der erste Präsident der ersten deutschen Demokratie war.
Politik ist für Ebert nicht Ideologie, sondern Organisation
Als Sohn eines Schneiders kam Ebert am 4. Februar 1871 in Heidelberg zur Welt. Er wurde Sattler, schloss sich der Gewerkschaftsbewegung an und stieg bald auf die Parteiarbeit um. Seit 1891 wohnte er in Bremen und wurde 1893 Redakteur der sozialdemokratischen „Bremer Bürger-Zeitung“, ab 1900 berät er als Arbeitersekretär Gewerkschaftsmitglieder.
Karriere machte Ebert, indem er für seine Partei schuftete. Politik war für ihn Organisation, nicht Ideologie. 1913 zum Nachfolger des verstorbenen Parteivorsitzenden August Bebel gewählt, stimmte er im Ersten Weltkrieg für die Kriegskredite, „entschlossen, unser Vaterland gegen jede Gefahr von außen mit allen Kräften abzuwehren“. Als sich eine kleine Gruppe der Partei gegen diesen Kurs stellte, sorgte er für klare Verhältnisse und spaltete die Partei, indem er die Rebellen ausschloss.
Schon vor dem Ende des Krieges arbeitete Ebert an der Parlamentarisierung und Demokratisierung des Landes, gemeinsam mit Linksliberalen und dem katholischen Zentrum – der künftigen „Weimarer Koalition“. Nicht nur damit zogen die Parteien den Zorn der Rechten auf sich. Im Juli 1917 beschloss man die Friedensresolution unter Beteiligung Eberts. Darin forderte der Reichstag einen Frieden auf der Basis von Verständigung – und die territoriale Unversehrtheit Deutschlands.
Die Dolchstoßlegende begleitet ihn für den kurzen Rest seines Lebens
Der Frieden kam in Gestalt der Niederlage. „Falls nun alles zusammenbricht, außen und innen, wird man uns später nicht den Vorwurf machen, dass wir in einem Augenblick unsere Mitwirkung versagt hatten“, glaubte Ebert. Dieser Vorwurf kam trotzdem – in Form der „Dolchstoßlegende“. Deren Urheber behaupteten, an der Niederlage Deutschlands seien allein innere Feinde schuld, namentlich die Sozialdemokraten, die den im Felde kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen seien. Die hanebüchene Verschwörungstheorie konnte den Reichskanzler Ebert nicht verhindern, doch sie sollte ihn für den kurzen Rest seines Lebens verfolgen.
Lesen Sie auch: „Erster Weltkrieg: Kriegsschuld, Dolchstoß und Diktatfrieden“
Sein erster Tag im Amt ging in die Geschichte ein als einer der verworrensten, die Deutschland je gesehen hatte. In Berlin waren Straßenkämpfe ausgebrochen, die Revolution nahm ihren Lauf. Der bisherige Kanzler, Prinz Max von Baden, hatte sein Amt hurtig an Ebert übergeben und den Rücktritt von Kaiser Wilhelm II. verkündet. Eberts Genosse Philipp Scheidemann rief vom Westbalkon des Reichstags eine Republik mit Ebert als Kanzler aus. Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses eine andere – eine sozialistische.
Ebert nahm Scheidemann den Alleingang übel, unterstützte ihn aber, um die Revolution unter Kontrolle zu behalten. Die schien sich nämlich zu einem Rätesystem nach russischem Muster, zur Diktatur des Proletariats, zu entwickeln und nicht zu der rechtsstaatlichen, parlamentarischen Demokratie, die Ebert vorschwebte. Darüber hinaus mochte Ebert keine Revolutionen. „Ich hasse sie wie die Sünde“, soll er gesagt haben.
Das machte ihn in den Augen der Kommunisten zu einem „verkappten Agenten der Bourgeoisie“. Als der Spartakusbund zu Weihnachten 1918 den Aufstand probte, ließ Ebert ihn niederschlagen. Dass er sich dabei des Militärs bediente und drei Wochen später rechte Freikorpsmitglieder Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordeten, haben die Linken ihm und der SPD nie verziehen.
Ebert tritt den Siegern selbstbewusst entgegen
Das Volk schien Eberts Kurs mitzutragen. Bei der Wahl am 19. Januar 1919 jedenfalls wurde Eberts Koalition bestätigt. Die Nationalversammlung, das verfassungsgebende Parlament der ersten deutschen Demokratie, trat in Weimar zusammen, einerseits aus Sicherheitsgründen, andererseits, weil die Republik vom Geiste des klassischen Weimar erfüllt sein sollte.
Gegenüber den Siegern des Ersten Weltkriegs gab sich Ebert, am 11. Februar 1919 von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt, selbstbewusst: „Aus dem Gefühl der Erschöpfung bei unseren Gegnern entspringt ihr Bestreben, sich schadlos zu halten am deutschen Volke. Diese Rache- und Vergeltungspläne fordern den schärfsten Protest heraus. Das deutsche Volk kann nicht auf 20, 40 oder 60 Jahre zum Lohnsklaven anderer Länder gemacht werden.“ Das zielte auf die horrenden Reparationsforderungen, die die Siegermächte im Versailler Vertrag festgelegt hatten.
Für die Rechten ist der Reichspräsident ein „Volksverräter“
Dem Versailler Friedensdiktat freilich widersprach er vergebens. Als 1923 französische Truppen im Ruhrgebiet einmarschierten, protestierte er aufs Schärfste. Ebert sah in der Besetzung einen Bruch des Versailler Vertrages, den er nicht haben wollte, an den er sich aber hielt – eine schwere Hypothek für ihn und die junge Republik. Denn obwohl Ebert keine Schuld an der Misere traf, wurde sie ihm angelastet. Zunehmend verteufelte ihn die Rechte als „Erfüllungspolitiker“.
Im Inneren machte ihm die Instabilität Deutschlands zu schaffen. Die Weimarer Republik besaß eine der modernsten Verfassungen ihrer Zeit, doch in dieser Verfassung gab es auch einen Artikel 48, der dem Reichspräsidenten im Falle eines Notstandes nahezu diktatorische Vollmachten verlieh. Notstände gab es in den ersten Jahren infolge von Aufständen von Links- und Rechtsradikalen zuhauf. Ebert war entschlossen, die Republik zu verteidigen – auch mithilfe der Freikorps.
Lesen Sie auch: „Stuttgart und der Kapp-Putsch: Hauptstadt für vier Tage“
Für die Rechten blieb Ebert der „Novemberverbrecher“ und „Volksverräter“. Die „Dolchstoßlegende“ wurde zur Hypothek, die den jungen Staat belastete und schließlich zu seinem Scheitern beitrug. Die Angriffe rechter Politiker auf das Staatsoberhaupt wurden immer unverschämter, immer ehrenrühriger. Ebert trafen diese Diffamierungen tief.
In einem Brief klagte er: „Wie einen Galgenvogel beschimpfen sie mich, in ihrer moralischen Verlotterung, das ist mein Schmerz, diese Schmutzflut, die mich umbrandet.“ Rund 170 Anzeigen wegen Verleumdung stellte Ebert. Bis er am 28. Februar 1925 an einer verschleppten Blinddarmentzündung starb. Verschleppt wegen eines Verleumdungsprozesses.