Zum Abschied von Wolfgang Schuster Diese Oberbürgermeister prägten Stuttgart

Wolfgang Schuster gibt seinen Amtssessel im Stuttgarter Rathaus auf. Seine Karriere in Bildern sehen Sie in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa 17 Bilder
Wolfgang Schuster gibt seinen Amtssessel im Stuttgarter Rathaus auf. Seine Karriere in Bildern sehen Sie in der folgenden Bilderstrecke. Foto: dpa

Arnulf Klett, Manfred Rommel, Wolfgang Schuster: Sie prägten als Stuttgarts Oberbürgermeister seit 1945 die Geschicke der Stadt. Was verbindet diese drei Politiker, was trennt sie? Gibt es Linien, wo sind Brüche? Eine Spurensuche.

Chefredaktion: Achim Wörner (wö)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Wer dem scheidenden Oberbürgermeister Wolfgang Schuster in den vergangenen Wochen auf seiner Abschiedstour begegnet ist, hat einen erstaunlich entspannt und froh gestimmten Mann erlebt – so, als sei er am Ende einer 16 Jahre währenden Regentschaft, die am Wochenende endet, im Reinen mit sich und der lokalen Welt. Das ist erstaunlich, denn kaum zwei Jahre ist es her, dass sich die Stadt, „seine“ Stadt, im Ausnahmezustand befand. Diese Momentaufnahmen aus den letzten Amtsjahren haben sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis. Wenn die Rede auf die Ära des 63-jährigen Kommunalpolitikers kommt, sind sie unweigerlich da: Bilder von den Massenprotesten gegen einen Tiefbahnhof, die rund um den Globus gesendet wurden in jenem Sommer 2010, Bilder einer gespaltenen Stadt, die sich bis heute nicht erholt hat. Ausgerechnet die Schwabenmetropole ist „durch den Bierernst ins Gerede gekommen“, urteilte jüngst Schusters Münchner Kollege Christian Ude, der den Stuttgartern nichts sehnlicher wünscht, als dass alsbald „Rommels Geist der heiteren Gelassenheit, der Selbstironie und des Humors in ihrer Stadt wieder einziehen möge“.

Heitere Gelassenheit? Der Blick auf die Geschichte der drei Stuttgarter Nachkriegs-Oberbürgermeister lehrt unter anderem, dass es nicht nur während Schusters Ägide – das Wort von den „Wutbürgern“ machte die Runde – erhebliche Verwerfungen gegeben hat. Und es ist nur auf den ersten Blick eine Widersprüchlichkeit, dass sich der Protest ausgerechnet in einer vermeintlich eher betulichen Metropole harsch artikuliert, die wirtschaftlich so solide dasteht wie kaum eine andere in der Republik. Die Stadt selbst ist inzwischen praktisch schuldenfrei, die Zahl der Arbeitslosen ist vergleichsweise gering, und viele Dutzende von Baukränen drehen sich als ein Zeichen der Prosperität.

Stuttgart ist ein Trümmerfeld

Der Aufstieg ist nicht selbstverständlich, denn nach dem Zweiten Weltkrieg war Stuttgart ein Trümmerfeld, eine Ruinenwüste. 4500 Menschen hatten in zahllosen Bombennächten ihr Leben verloren, zwei Drittel der Innenstadtbauten lagen in Schutt und Asche. Just in diesen düstersten Tagen der Stadtgeschichte kursierte ein Flugblatt mit „Bekanntmachungen des Oberbürgermeisters“, wie es in der Schlagzeile prosaisch hieß. Ein Rechtsanwalt namens Arnulf Klett, noch vor der Kapitulation der Hitler’schen Schergen eingesetzt von der Besatzungsmacht der Franzosen, wandte sich auf diesem Weg an die Bevölkerung und versuchte Mut zu machen. Es sei darum gegangen, rasch eine „dumpfe Lethargie“ zu überwinden, notierte er später und zitierte eine chinesische Weisheit: „Es ist besser ein Lichtlein anzuzünden, als auf die große Dunkelheit zu schimpfen.“

Klett hatte sich im Dritten Reich mutig gegen das nationalsozialistische Regime gestellt und zwei Monate Haft im KZ in Kauf genommen. Das prädestinierte ihn, zumindest in einem Übergang, die Geschicke der Stadt zu lenken. Der Übergang sollte 29 Jahre dauern – auch weil der parteilose OB sich als Initiator erwies, wie sich ein Weggefährte, Stuttgarts früherer Erster Bürgermeister Rolf Thieringer, erinnert. Das Wort „Wiederaufbau“ habe er nicht gemocht, er sprach vom „Neuaufbau“. Mit Tatkraft packte er die Aufgaben an. Vergessen ist, wie heftig in den 1950er Jahren über den richtigen Weg gestritten wurde zwischen jenen, die am Reißbrett eine neue Stadt konstruieren wollten, was hieß: eine autogerechte Stadt. Und anderen, die etwa für den Wiederaufbau des Neuen Schlosses oder des alten Rathauses plädierten. Klett schlug sich meist auf die eine Seite, unter anderem im Rathauszank. Er forderte einen „mutigen Schritt nach vorwärts“.

Der Mann mit dem Porsche als Dienstwagen erfreute sich großer Beliebtheit im Volk, dies trotz der politischen Kontroversen – und mancher Affäre. Belastet hatte den OB als Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Girokasse der „Bürkle-Skandal“. Dabei ging es um eine Millionenspende an einen befreundeten Unternehmer, der dennoch eine Pleite hinlegte. Später ermittelte die Justiz gegen Klett wegen ­passiver Bestechung. Zu seinem 50. Geburtstag und zehnten Dienstjubiläum hatte er allzu aufwendige Geschenke angenommen, beispielsweise von Daimler einen teuren Perserteppich.

Eine Zeit der Widersprüche

Der Rathauschef trotzte jedoch allen Rücktrittsforderungen. Die Bürgerschaft sah ihm die Eskapaden ohnehin nach. Gleich drei Mal wurde der Pfarrerssohn (wieder) gewählt. Er gab sich unbürokratisch und leutselig wie ein Bauernschultes. Das Wichtigste aber war wohl bei alledem: er gab den Menschen das Vertrauen in die Demokratie zurück, wie sein Nachnachfolger Wolfgang Schuster einmal betonte.

Es war die Wirtschaftswunderzeit, eine Zeit auch der Widersprüche, da die Jugend aufzubegehren begann: mit Protesten gegen den Krieg in Vietnam, gegen bürgerlichen Mief, gegen das Kapital. Wer über die Archive in die zweite Hälfte der 1960er Jahre eintaucht, staunt über die Bilder von Massendemonstrationen gegen den Bildungsnotstand und die Notstandsgesetze. Mit Sitzstreiks auf den Gleisen wurde in Stuttgart die Straßenbahn blockiert, rote Fahnen tauchten auf – auch Wasserwerfer der Polizei. Das US-Konsulat musste von der Polizei geschützt werden. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Die bundesweiten, unter anderem in Stuttgart besonders heftigen 68er-Turbulenzen und deren Folgen drängten Klett mehr und mehr in die Isolation. Die außerparlamentarische Opposition war ihm suspekt, Demonstrationen und die zunehmende Politisierung der Kommunalpolitik sah er „mit Misstrauen und Unverständnis“.

Nicht erst Schuster, schon Klett war jedenfalls mit einer speziellen und oft verkannten Stammeseigenschaft der Schwaben konfrontiert – mit deren historisch verbürgtem Hang zur Renitenz gegenüber Obrigkeiten und deren kritischem Geist.




Unsere Empfehlung für Sie