Zum Muttertag Schön war’s, liebe Oma

Die Großmutter 1978, mit der Autorin als Baby im Arm Foto: privat

Das ganze Leben hat die Großmutter unsere Autorin begleitet. Nun ist sie mit fast 100 Jahren gestorben. Mit ihr geht eine zweite Mutter, aber auch ein ganzes Jahrhundert, in eine Frauenbiografie gegossen. Ein persönlicher Nachruf.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

„Selbst wenn wir allein sind, werden wir von den Menschen bewohnt, die uns gemacht haben.“ (Paul Auster)

 

Im letzten Jahr, als ihr die Gegenwart schon verflog wie Rauchwölkchen im Wind, war die Großmutter manches Mal wieder in Italien. Sie dachte an die Spaziergänge in den Euganeischen Hügeln, Spaghetti Vongole in der Strandbar von Chioggia, Vogelkäfige im Hotel Imperial. Italienische Pumps, Rotwein auf dem Balkon, Fangopackungen, den Dom von Padua. Wie sie der Enkelin in Italien beigebracht hatte, ohne Stützräder zu fahren. Die Erinnerungen glommen auf wie das Leuchten von Glühwürmchen in der Nacht. Dann war die Großmutter wieder müde.

Öfter noch streifte sie in Gedanken durch das Ichenhausen der 20er Jahre, durch das ärmliche Häusle in der Anna-Gasse, wo ihre Brüder auf Strohmatratzen schliefen und eine Grott’ im feuchten Keller saß. All die Figuren ihrer Kindheit waren wieder da. Die Staiber Anna und Tante Mina. Ihre kluge Mutter Barbara und die Tränkner-Großmutter. Und der Vater, wie er an Weihnachten eine schneebedeckte Tanne in die Stube warf. Sie war wieder dort, wo alles begann und für sie alles endete.

1926 wird sie in Ichenhausen geboren

Im Februar ist die Großmutter mit 98 Jahren gestorben. All die Jahre war sie an meiner Seite. Mit ihr stirbt eine Lebensbegleiterin, die letzte aus meiner Ursprungsfamilie. Aber mit ihr geht auch ein ganzes Jahrhundert. Deutsche Geschichte in eine Frauenbiografie gegossen. Ich frage mich, was bleibt.

Von ihrer Kindheit hat die Großmutter oft erzählt. 1926 wird „das Rosale“ als drittes Kind der Eheleute Barbara und Gregor Ott geboren. Der Vater ist Lohnschneider im bayerisch-schwäbischen Ichenhausen, näht für ein paar Mark vorgeschnittene Ärmel und Hosenbeine für einen Textilbetrieb zusammen. Auf den Dörfern geht er nebenzu Lederhosen verhausieren, die Tochter treibt schon als Kind säumiges Geld bei seinen Kunden ein. Am Sonntag holen die Kinder Bier im Krug aus dem Wirtshaus. Wenn der Vater guter Laune ist, dürfen sie den Schaum abtrinken.

Die schlechte Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ „kleinen Grattlern“ wie ihnen kaum eine Chance. Gregor besuchte nur ein paar Jahre die Volksschule. Im Morgengrauen klopfte er Steine in der Ziegelei, den Unterricht verschlief er oft. Ihr Vater habe kaum lesen und schreiben können, sagte die Großmutter. Von ihrer Mutter Barbara stammte wohl die Intelligenz in der Familie. Mit 14 Jahren kam sie als Dienstmädchen zu besseren Leuten in Stellung.

Dass sie ihren Kindern einen Weg aus der Armut ermöglichen wollten, sich das Geld dafür vom Mund absparten, ist die größte Lebensleistung meiner Urgroßeltern. Sie schicken den ältesten Sohn Wendelin aufs Gymnasium in das nahe Günzburg. Auch Tochter Rosa darf die Klosterschule für Mädchen der Englischen Fräulein besuchen, später das Gymnasium in Ulm – bis es zerbombt war. 1946 schreibt meine Großmutter Abitur in Ruinen. Sie wird fast ihre ganze Schulzeit im Krieg verbracht haben.

Die Großmutter in den 50er Jahren, lässig ans Auto gelehnt Foto: privat

Was für ein wertvoller Schatz Bildung ist, dass sie Frauen einen selbstbestimmten Weg ebnen kann, hat meine Großmutter ihren zwei Töchtern und mir mitzugeben versucht – und stand selbst gleichzeitig für die Fragilität dieses Aufstiegsversprechens. Denn für sie löst sich der Traum vom Chemiestudium nicht ein. Nach dem Krieg bewirbt sie sich um einen Platz an der Universität München, doch die Kriegsheimkehrer sind zuerst an der Reihe. Die Wartezeit wird zu lang, am Geld fehlt es überall. Meine Großmutter heiratet 1950 und bekommt ein Kind. Sie wird nie eine Ausbildung abschließen.

Dennoch betrachtete sie die Umstände und Zeitläufte, in denen sie groß wurde, nicht mit Bitterkeit. Der Krieg, die Verluste, die Grausamkeit des Systems schienen überlagert von den wohl ein wenig verklärten Erinnerungen an das heimelige Milieu ihrer Kindheit, an diese kleinsten Leute von rauem, aber unverstelltem Charakter, die Kindern zwar kein besonders liebevolles Zuhause boten, aber etwas mitgaben: Zusammengehörigkeit, Schicksalsergebenheit, schwäbisches Schaffertum, das durchaus von bayerisch-katholischem Hedonismus gebrochen wurde. Man durfte es sich auch in bescheidenem Rahmen gut gehen lassen. Der Schriftsteller und gläubige Katholik Martin Mosebach hat diese Dialektik aus Genuss des Lebens und Wissen um seine Düsternis und den Schmerz, der ihm innewohnt bis zum Tod, als Quintessenz seines katholischen Wesens beschrieben. Meine Großmutter war nie besonders gläubig, sie begriff die ganze Heiligkeit als kulturhistorische Folklore – aber ich erkenne sie in Mosebachs Worten wieder.

Heiligkeit war für sie Folklore

Sie ließ das Leben auf sich regnen – und wie! In den 50er Jahren mit all jenem, was die amerikanischen G.I.s an Musik, Genussmitteln und oberflächlicher Lässigkeit mitbrachten, schwofend in der Günzburger Dorisbar. „Summertime and the living is easy.“ Später dann mit Reisen ins Sehnsuchtsland Italien. Schuhekaufen in Abano Terme, Freskengucken in Florenz, die eigene Ferienwohnung bei Padua. Auf der heimischen Terrasse wird mit Rotwein in Korbflaschen und Melone-Schinken-Tomate-Mozzarella Dolce Vita kopiert.

Ihre Kostüme und Kleider lässt sich die Großmutter maßschneidern, modisch immer auf Höhe der Zeit. Mit ihren grünen Schlangenleder-Plateauschuhen in Größe 35 und den Glitzer-Kleidern aus den 70er Jahren spielte ich als Kind gern feine Dame. Das große Eigenheim wird mit Keramik und Möbeln ausgestattet, die über den Brenner nach Bayern importiert werden. Die Enkelin fährt auf der Rückbank des Benz im Schneidersitz heim, so voll ist der Fußraum. Die ärmliche Anna-Gasse der 20er Jahre ist nun sehr weit weg. Nur wenn die Großmutter wieder mal zu wenig gekocht hat, scheint sie auf. Jede Form der Völlerei und Übertreibung bleibt ihr zeitlebens zuwider.

Als ich in den 80er und 90er Jahren eng mit meinen Großeltern aufwuchs, hatten diese es schon zu Wohlstand gebracht, hatten die Wirtschaftswunderjahre und eine florierende Lederindustrie zu nutzen gewusst, die nur wenige Jahre später am Boden liegen sollte. Die Großeltern waren Lederhändler. Sie organisierte das Büro, er fuhr zu den Handschuhmachern in der Umgebung, die nach der Vertreibung aus dem Sudetenland dort hängen geblieben waren. Es ist das Kleinstadtmilieu derer, die sich vom Nullpunkt der Geschichte emporgeschafft hatten, in dem ich groß wurde. Im Haus der Großeltern feiern sie Hausbälle und Sommerfeste zu Hugo Strassers Tanzplatten, das Rauchset immer gefüllt. Schräge Vögel sind willkommen: promiske Freundinnen, schlitzohrige CSU-Politiker, verhinderte Künstler bevölkern die Räume meiner Kindheit. Zu den Geburtstagen des Großvaters reisen Offizierskameraden aus Norddeutschland an. Sehr preußisch sind die. Was sie einander zu später Stunde erzählen, höre ich nicht.

Kleinstadtmilieu derer, die sich emporgeschafft haben

Es ist ein Firnis aus bescheidenem Wohlstand und vorwärts gewandtem Lebenswillen, der sich über die dunklen Zeiten spannt, die nur manches Mal kurz durchschimmern. Erst später, als die Großeltern nicht mehr arbeiten, brechen sie sich stärker Bahn. Der Großvater reist im Ruhestand mehrfach mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Russland, bis nach Stalingrad, wo er als junger Mann kämpfte und für sieben Jahre in Gefangenschaft ging. Die Großmutter liest sich in die jüdische Geschichte ihres Heimatortes ein, in das Leben der Nachbarn, die im Dritten Reich deportiert wurden. Die Vergangenheit, verdichtet zur Folie, vor der sich unser Leben abspielte.

Nach dem Krieg schaffte sich die Großmutter vom Nullpunkt der Geschichte empor. Erste Station: die Resopalküche. Foto: privat

Was habe ich noch gelernt von dieser Frau, die mir eine zweite Mutter war? Vielleicht, frei zu denken, ohne den Rahmen des Konventionellen ganz zu sprengen oder zu vergessen, woher man kam. Selbstbewusst zu sein, aber seine intellektuellen Grenzen wohl zu kennen. Einen Weg zu gehen, ohne an den Zeitläuften und ihren Schranken zu verzweifeln. Das kleine wie das große Gefüge mitzugestalten durch ein weites Netz aus Beziehungen. Keiner ist sich selbst genug. Das war ein Glaubenssatz der Großmutter, die noch im hohen Alter neue Freundschaften zu schließen und alte Stammtische zusammenzutrommeln vermochte.

Erst in den allerletzten Jahren kehrte Ruhe um sie ein. Diese ohnehin kleine, leichte Person wurde immer weniger. Manches in dieser Zeit, an diesen Menschen, verstand sie nicht mehr. Manches machte ihr Angst. Sie sah das Aufgebaute bedroht. Nichts bleibt, wie es ist. Dieses Prinzip der Menschheitsgeschichte und Grundlage ihres Lebensglücks, wurde ihr fremd.

Umso öfter reisten wir in ihre Vergangenheit, sahen Fotos an, Standbilder der Erinnerung. Gedankenschnipsel und Erlebnisse drangen an die Oberfläche, Sequenzen, Bonmots, Anekdoten, Stadtgeschichte und deutsche Historie. Was in ihrem Kopf festgeschrieben war, nahm ich in mir auf. Als wollte ich nun dessen Hüterin sein. „Das war doch schön!“, sagte ich oft, wenn wir durch Alben blätterten. Und die Großmutter antwortete „Ja. Alles war schön.“

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