Zum Schulanfang in Stuttgart Schulkarrieren laufen anders als geplant

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Mehr Schüler als in den früheren Jahren haben mit Beginn des neuen Schuljahrs 2014/2015 vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt, weil sie die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht haben.

Gut gelaunt ins neue Schuljahr: an vielen Schulen wie am Schickhardt-Gymnasium werden die Klassen gemischter. Darauf müssen sich auch die Lehrer einstellen. Foto: Horst Rudel
Gut gelaunt ins neue Schuljahr: an vielen Schulen wie am Schickhardt-Gymnasium werden die Klassen gemischter. Darauf müssen sich auch die Lehrer einstellen. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Drei Entwicklungen sind im neuen Schuljahr besonders auffällig: Mehr als 400 Schüler sind am Gymnasium gescheitert und versuchen ihr Glück jetzt an der Realschule. Deutlichen Zulauf gibt es auch bei der Inklusion, immer mehr Sonderschüler werden an Regelschulen unterrichtet. Und: die Zahl der Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge und Zugewanderte hat sich innerhalb eines Schuljahres verdoppelt. Dies sowie Zuzüge haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Grundschüler in Stuttgart mit 17 771 Schülern mit Blick auf die vergangenen sieben Jahre einen Höchststand erreicht hat. Über die Veränderungen in der Stuttgarter Bildungslandschaft hat am Montag das Staatliche Schulamt informiert.

202 Schüler starten in Spracheingangsklassen

So seien unter den 4358 Erstklässlern auch 202 Kinder, die in einer der gesondert geführten Spracheingangsklassen beginnen, sagte die Schulamtschefin Ulrike Brittinger. Bei einer so großen Zahl von Kindern ohne Deutschkenntnisse sei dieses Manko nicht mehr in den regulären ersten Klassen auszugleichen. Ältere Flüchtlinge finden Platz in den 72 internationalen Vorbereitungsklassen, nach Möglichkeit nahe den Flüchtlingsunterkünften. Der Wunsch des Schulamts, dass solche Klassen auch an Gymnasien und Realschulen eingerichtet werden, finde sich zwar im neuen Schulgesetz wieder, so Brittinger. „Das wäre für uns schon ein Vorteil.“ Das Wagenburg-Gymnasium habe auch Interesse daran signalisiert. Doch meist scheitere es am Platz.

Die Zahl der Werkrealschulen nimmt ab

Dies hat viel zu tun mit der Wahlfrei­heit der Familien bei der weiterführenden Schule. So setzt sich erwartungsgemäß der Auflösungsprozess der Werkrealschulen fort: Nur noch 13 Standorte haben die insgesamt 277 Fünftklässler aufgenommen, 16 Standorte werden aufgelöst. „Dabei wird nicht gewartet, bis der Letzte das Licht ausmacht“, betonte Manfred Rittershofer, der diese Schulart beim Amt betreut.

Dafür haben die Realschulen Zulauf – aber nicht in den Eingangsklassen, sondern erst in den Jahrgängen darüber. So sind jetzt 408 gescheiterte Gymnasiasten dorthin gewechselt. Zum Vergleich: im Vorjahr waren es 292, vor dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung im Jahr 2011 waren es 210. Auch 87 ehemalige Werkrealschüler (Vorjahr 118) gehen jetzt auf eine Realschule. „Das ist eine große Herausforderung“, so Brittinger mit Blick auf die sehr heterogene Schülerschaft dieser Schulart. Zusatzlehrerstunden zur individuellen Förderung sollen dies ausgleichen.

304 Schüler besuchen die vier Gemeinschaftsschulen

An den Gemeinschaftsschulen hingegen gehört die Verschiedenheit der Menschen auch beim Lernen von Anfang an zum Programm. 304 Schüler besuchen die mittlerweile vier Standorte. In einem Jahr sollen, wie von der Stadt beantragt, die Realschule Weil­imdorf und die Schickhardt-Realschule im Süden dazukommen. „Wir gehen davon aus, dass beide auch bewilligt werden“, so Brittinger.

Eine deutliche Zunahme verzeichnen die Sonderschulen: 2050 Schüler sind es dort – 155 mehr als vor einem Jahr. Als Grund dafür nennt Petra Schmalenbach, die diese Schulart im Amt betreut, die Möglichkeit, Kinder mit Handicap in Regelschulen unterzubringen – mit sonderpädagogischer Zusatzbetreuung. „Das erhöht die Bereitschaft der Eltern, ihr Kind überprüfen zu lassen“, so Schmalenbach.

Tatsächlich ist auch die Zahl der sogenannten Inklusionsschüler deutlich ge­stiegen: von 490 auf nunmehr 755 Schüler. Bei den Lernbehinderten erhöhte sich ihre Zahl von 293 auf 428, bei den geistig Behinderten von 42 auf 60, und bei den Schülern mit sozial-emotionalem Förderbedarf von 102 auf 191. Letztere bedürfen aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen und ihrer Lebenssituation eine besondere schulische Förderung.

Schwerpunktregion für Inklusion

Seit vier Jahren ist Stuttgart Schwerpunktregion für Inklusion und erprobt dabei auch neue Unterstützungsformen. So soll jetzt an der Seelachschule im Norden in Kooperation mit der Albert-Schweitzer-Schule ein neuartiges Bildungsangebot für Erziehungshilfeschüler starten, an dem neben Sonderschullehrern und Sozialpädagogen auch die Kinder-und Jugendpsychiatrie beteiligt ist.

Auch die Zahl der Ganztagsschulen wächst. 37 Standorte sind es derzeit, davon 22 an Grundschulen, 19 an Werkrealschulen, sechs an Realschulen, einer an einer Förderschule und – natürlich – vier an den Gemeinschaftsschulen. Da auch viele Inklusionskinder dieses Angebot nutzen, habe man eine Arbeitsgruppe eingerichtet, so Sabine Graf vom Schulamt: „Da wird überlegt, wie diese Kinder dort gut aufgefangen werden können.“ Erstmals dürften aufgrund des neuen Schulgesetzes auch Flüchtlingskinder, die die Ganztagsschule besuchten, mitgezählt werden. Das sei im Blick auf die vom Land gewährten Ressourcen von Vorteil.

Weiterhin hoch ist die Zahl der Umschulungsanträge bei den Erstklässlern. 700 Familien wollten ihre Kinder nicht in ihrem Schulbezirk einschulen, meist gehe es um das Thema Betreuung. Nur fünf Prozent der Anträge habe man abgelehnt, meist aus organisatorischen Gründen.

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