Zum Tod der Jazzlegende McCoy Tyner Poet mit Boxerkräften

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Der Pianist McCoy Tyner hat nicht nur zusammen mit dem Saxofonisten John Coltrane einige der schönsten Alben des Jazz eingespielt: Notproviant für die einsame Insel. Nun ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

Hingebungsvoll wie immer: McCoy Tyner 2009 beim Jazzfestival von Montreux Foto: AP/Dominic Favre
Hingebungsvoll wie immer: McCoy Tyner 2009 beim Jazzfestival von Montreux Foto: AP/Dominic Favre

Stuttgart - Ein sanfterer Erkunder der Schönheit ist kaum vorstellbar: Der Pianist McCoy Tyner war einer der großen Poeten des Jazz. Und doch auch ganz anders, ein Boxer, der mit beiden Fäusten gleich schnell und hart zuschlagen konnte. Als der 1938 in Philadelphia geborene Tyner in den 50er Jahren musikalisch sozialisiert wurde, da war den jungen Pianisten vor allem die melodieführende rechte Hand wichtig. Die trat im Bebop und Hardbop zum Duell mit Trompeten und Saxofonen an. Die linke Hand hatte dienende Funktion und fütterte ein paar Harmonien zu. Früh hatte man bei Tyner das Gefühl, er suche mit einer viel wendigeren, präsenteren, ideenreicheren linken Hand nicht nur einen volleren Sound, sondern ein neues Gleichgewicht der Welt.

Es war einer der zentralen Momente der Jazzgeschichte, als Tyler auf den 12 Jahre älteren Saxofonisten John Coltrane traf und die beiden ab 1957 zunächst ganz privat zu jammen begannen. Coltrane war ewig unzufrieden mit dem, was ihm die bestehenden Ensembles bieten konnten und was er selbst zuwege brachte. Tyner war noch nicht festgelegt auf einen bestimmten Sound, der diesem Publikum, jenem Label oder einem wichtigen Querschnitt der Clubbetreiber gefiel. Ab 1960 spielten Coltrane und er fest zusammen, bildeten mit dem Drummer Elvin Jones und dem Bassisten Jimmy Garrison jenes klassische John-Coltrane-Quartett, das für alle Zeiten im Jazz definiert, was es heißt, wenn eine Gruppe viel mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile.

Tyners eigener Weg

Der modale Jazz, den das Quartett spielte, ließ bei Tyner wie bei Coltrane die Lichtbögen zwischen den jeweiligen Persönlichkeitspolen aufbrennen, zwischen der furiosen, hymnischen oder wütenden Ekstase und der zarten oder brütenden Nachdenklichkeit. Als Coltrane 1965 immer freier, wilder, rasender werden wollte, ging Tyner aber nicht mehr mit und verließ das Quartett. Das aber bleibt in genialen, als Notproviant für die sprichwörtliche einsame Insel bestens tauglichen Alben wie „Live! At the Village Vanguard“, „Ballads“ oder „Both Directions at once“ immer wieder neu erlebbar.

Doch McCoy Tyner, der nun am 6. März nach einer langen Karriere voll diverser Kooperationen und Soloprojekte im Alter von 81 Jahren gestorben ist, war damals eben nicht zurückgeblieben, während ein anderer voranstürmte. Er ging einfach seinen eigenen Weg weiter, der auf einer langen Kette Alben etwa für die Label Blue Note, Impulse und Milestone dokumentiert ist. Tyners modaler Ansatz – der Rückgriff auf ältere Tonsysteme statt auf die konventionellen Dur- und Moll-Tonleitern – lieferte sowohl funktionierende Schnittstellen zu diversen Ethno-Musiken wie ganz persönliche Klangfärbungen.

Hinein ins andere Leben

Egal, was er spielte, ob betagte Broadway-Standards, moderne Jazzklassiker, auf die Virtuosität seines Spiels abgestimmte Eigenkompositionen, Tyler blieb immer auch für Jazzneulinge so gut erkennbar wie kaum ein anderer Pianist. seine dichten Ton-Cluster geraten der melodischen Klarheit nie in den Weg. Ja, er war eine Jazzlegende, sein prägender Einfluss auf viele andere gar nicht abschätzbar. Aber Stammbaum- und Kanonfragen sind, wie bei aller guten Musik, für die Hörer letztlich Nebensache. McCoy Tyners Musik holt uns nämlich sofort hinein in ein anderes Leben. Und wer sie hört, der weiß, dass der Tod mal wieder gefoppt wurde. McCoy Tyner lässt sich nicht mehr aus der Welt nehmen.




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