Zum Tod des holländischen Autors Cees Nootebooms letzte Fahrt

Cees Nooteboom (1933 – 2026) Foto: picture alliance / dpa

In seinen literarischen Erkundungen hat der zu den großen Autoren der Gegenwart zählende Niederländer die Tiefen von Zeit und Raum ausgelotet. Nun ist er mit 92 Jahren gestorben.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Was macht einen zu dem, der man ist? Mit dieser Frage bricht der Protagonist von Cees Nootebooms Debüt „Philip und die anderen“ 1955 in die Welt auf, getrieben von der Ahnung, dass so etwas wie Identität nicht feststeht, sondern sich erst im Unterwegssein bildet. Jener Philip, der durch Europa streift und sich selbst sucht, indem er sich entfernt, könnte man als eine Art Galionsfigur für die Erkundungsfahrten des holländischen Schriftstellers begreifen, in dessen Schreiben Reisen bis zur letzten Station das beherrschende Motiv geblieben ist.

 

Der Weg dieses nomadischen Denkers führt nach Spanien, über „Umwege nach Santiago“, seinem vielleicht berühmtesten Reisebuch, in die Länder der Karibik, nach Asien, in Städte wie Sevilla, Venedig und immer wieder Berlin, wo er den Mauerfall erlebt und in einer eindringlichen Momentaufnahme verewigt hat. Berlin ist auch Schauplatz des Romans, der ihm 1980 den internationalen Durchbruch beschert. In „Rituale“ gerät ein melancholischer Einzelgänger in die Sackgasse radikaler Lebensentwürfe, vergeblichen Versuchen, seinem Dasein durch asketisch-religiöse oder sexuelle Praktiken eine festen Umriss zu geben.

Nootebooms grenzenlose Literatur: Von Poseidon zu Hieronymus Bosch

Die Form, die der 1933 in Den Haag Geborene für sein literarisches Œuvre findet, ist so offen wie die Welterfahrung, die es abbildet. Roman, Essay und Reisebericht gehen oft nahtlos ineinander über, und nicht nur zwischen Gattungen fallen die Grenzen, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Nooteboom korrespondiert in „Briefen an Poseidon“ mit dem antiken Gott der Meere. Und eine seiner Zeitreisen führt durch das Werk des Traumvisionärs Hieronymus Bosch. Dessen dunkle Welt rückt darin in nächste Nähe zur Wirklichkeit. In einem Gemälde des heiligen Christophorus, dem Schutzheiligen aller Reisenden, entdeckt der Betrachter die gleiche Körperhaltung wie auf dem Foto eines Soldaten, der an der türkischen Küste ein totes Kind ans Ufer trägt.

Nooteboom wuchs in einer streng katholischen Umgebung auf, geprägt vom frühen Tod seines Vaters bei einem britischen Bombenangriff im Jahr 1945. Erfahrungen des Krieges sind wiederkehrende Motive in seinem Werk, seinen Kosmopolitismus können sie nicht erschüttern. „Jedes Buch ist ein Versuch, in die Welt zu reisen, die nicht meine ist“, sagt der Autor einmal in einem Interview. Wo er zuhause ist, bringt der Titel seiner späten Lebensbilanz auf den Punkt: „Hotel Nooteboom“: ein Buch wie ein Hotel mit vielen Zimmern, in denen sich Weggefährten und Wesensverwandte aus allen Zeiten rund um den Globus noch einmal begegnen.

Jetzt schließt es seine Türe. Am 11. Februar hat die Lebensreise des 92-Jährigen in seiner Wahlheimat Menorca ihr Ende gefunden. Was macht einen nun zu dem, der man ist? „Man kann nicht wissen, was man ist, ohne sich an das zu erinnern, was man war“, sagte Nooteboom einmal, „aber das, was man war, ist eine Geschichte, und sie ändert sich mit dem, der sie erzählt.“ Jetzt müssen das andere übernehmen.

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