Der am 30. August im Alter von 76 Jahren gestorbene amerikanische Filmemacher Wes Craven hat mehr als einer Generation Angst gemacht. Seine Kinohits „A Nightmare on Elm Street“ und „Scream“ haben die kollektive Fantasie entzündet. Kein Wunder: der Mann war ja auch mal Pornofilmer.

Stuttgart - Ein gelegentlicher Albtraum, sagen Psychologen, ist gar nicht schlecht. Er hilft der Seele beim Stressabbau und gibt uns Hinweise auf verdrängte Probleme im Tagleben. Ein Albtraum, hat der Horrorfilmer Wes Craven erzählt, kann mörderisch sein: er gibt dem Verdrängten die Chance, seine Klauen in uns zu schlagen. Mit „A Nightmare on Elm Street“ hat Craven 1984 einen der großen Impulsgeber des Gruselkinos vorgelegt, aber auch einen Klassiker jenseits aller Genregettogrenzen.

Es war das nette, friedliche, gutbürgerliche Vorstadtamerika, in das Craven da führte, unter Jugendliche mit guten Zukunftsaussichten. Nur dass sich alle Perspektiven plötzlich zum Guckloch in die Hölle verengten. Die Kids hatten Träume, in denen ihnen eine Gestalt mit einem zum Brandnarbengewirr entstellten Gesicht und einem in Rasiermesserklauen endenden Metallhandschuh nachstellte. Dieser mit Altkleidersammlungs-Borsalino und rot-schwarz gestreiftem Von-Mutti-für-Erwin-Pulli extrem unhip wirkende Freddy Krueger war in allem das andere Amerika, ein älteres, ein ärmeres, eines, das die Kurve nicht gekriegt hatte, eines, in dem Optimismus Sadismus und die eingelernte Sonnigkeit blanker Hass geworden war. Dieser Freddy konnte den Jugendlichen im Traum tatsächlich weh tun, die Grenze zwischen Fantasie und Realität fiel.

Die Prise Politik im Horror

Craven, der am 30. August im Alter von 76 Jahren einer Krebserkrankung erlegen ist, hat, für Genrefilmer nicht selbstverständlich, noch zu Lebzeiten erfahren dürfen, dass sein Werk übers schlichte momentane Vergnügen hinaus ernst genommen wurde. In „A Nightmare on Elm Street“ brachte er mehrere Traditionen des Horrorkinos innovativ zusammen, ergänzte sie um eigene Einfälle und schuf ein wirkmächtiges Franchise.

In „A Nightmare on Elm Street“ war zunächst einmal das am Werk, was auch das junge amerikanische Horrorkino der frühen Siebziger antrieb, jenes der Vietnam- und Nixon-Ära, das von Newcomern gemacht wurde: ein politisches Bewusstsein, dass Amerika im Inneren kaputt und zerrissen war und nicht nur das Gute suchte, dass es draußen in der Welt Schuld auf sich lud und einen offenen Blick auf sich selbst konsequent vermied.

Mit diesem Kino hatte Craven genug Erfahrung, er war Teil der Bewegung gewesen. Sein „The Hills have Eyes“ von 1977 erzählt von einer amerikanischen Familie, die sich auf Reisen in der tiefsten Provinz verfranzt und dort von mörderischen Halbwilden, Kindern von Verschlagenheit, Brutalität und Inzucht, attackiert werden. Das war damals eine gängige Kinoart, die Wahlergebnisse in der Provinz mit denen in den liberalen Großstädten zu kontrastieren.

Die Kräfte des Unterbewussten

In „A Nightmare on Elm Street“ nahm er das Politische zurück, ohne es weg zu filtern, und gab den pubertären Ängsten Raum, der komplexen Überforderung jener, die zugleich weiter züchtige Kinder, strebsame Karrieremaschinen und die sexuell befreiten Spaßkanonen der neuen Popkultur sein sollten. Obendrauf setzte er die große Unsicherheit nach mehreren Jahrzehnten des Therapeutenwirkens bis tief in die Kleinbürgerlichkeit hinein: war den Kräften des Unterbewussten wirklich irgendwie heilsam beizukommen?

Mit den meisten der „Nightmare“-Fortsetzungen hatte Craven dann nichts zu tun, aber sein Film hatte mehr als die Kinokarriere des jungen Darstellers Johnnie Depp gezündet und das Winzstudio New Line Cinema zur Macht in Hollywood gemacht. Das Franchise mit seinen fantasievollen Bildern vom Freddys Grausamkeiten trug zu einer Ritualisierung des Horrorschauens bei, zum Spielverständnis, bei dem noch die Naivsten auf den Umgang mit Genreregeln schauten.

Pornofilmer und Professor

Erzogen worden war der am 2. August 1939 in Cleveland geborene Craven streng christlich, studiert hatte er Literatur und Psychologie, gebracht hatte er es bis zum Jungprofessor. Aber dann er der Bildung zum Film davon gelaufen, dorthin, wo praktische Leistung wichtiger war als Papierzeugnisse. Craven wurde Pornofilmer. Auch aus dieser Initiation ins Filmgeschäft mag sein Bewusstsein stammen, dass Träume zum Horror werden können, und dass es eigentlich faszinierend ist, dass Menschen sich von Bildern bis an den Hormondrüsen packen lassen.

Piktogramm des Irrsinns

In „Scream“ (1996), seiner nächsten großen Innovation, fasste er dann postmodernes Rezeptionsspiel, Erfahrung mit dem abgebrühten Sehverhalten von Kids und die Lust an der Erschütterung zusammen. Mit nicht nur ironischer Geste lässt er hier Jugendliche, die jede Menge Erfahrung mit Horrorfilmen haben, in ein Szenario geraten, dessen Ähnlichkeiten mit den Klischees der Schlitzerfilme sie erkennen und kommentieren. Die Frage ist, ob ihnen das viel beim Überlebenskampf helfen wird.

Die subversive Genreerschütterung wurde aber selbst sofort zum Teil der Genrewurstmaschine, Craven selbst drehte drei Fortsetzungen und war zuletzt noch als Produzent an der Verwandlung in eine TV-Serie beteiligt. Die Maske des irren Schlitzers im Film, dem Gemälde „Der Schrei“ von Edvard Munch nachempfunden, wurde zum globalen Piktogramm des mörderischen Irrsinns. Das hat Craven nicht immer nur gefreut. Aber an einer Überzeugung hielt er stets fest. „Horrorfilme“, hat er gesagt, „schaffen keine Ängste. Sie befreien welche. “