Zum Tod des Schauspielers Udo Kier Erotisch, gefährlich, skandalös
Udo Kier spielte Dracula, Hitler und andere böse Verführer. Nun ist der geborene Kölner und Wahl-Kalifornier im Alter von 81 Jahren gestorben. Ein Nachruf.
Udo Kier spielte Dracula, Hitler und andere böse Verführer. Nun ist der geborene Kölner und Wahl-Kalifornier im Alter von 81 Jahren gestorben. Ein Nachruf.
„Ei niiied frresch blaaad!“, heult Graf Dracula verzweifelt und rollt dramatisch die schönen, von langen Wimpern umkränzten Augen. In ganz Transsylvanien ist keine einzige Jungfrau mehr zu finden, also reist der Graf ins Italien der 1920er Jahre, wo all die frommen Katholiken ihre Töchter hüten. Dracula braucht den Saft noch unberührter Mädchen, um sich zu nähren, sonst wird er sterbenskrank. So geht die Prämisse von Paul Morrisseys als reißerisch-erotisches B-Movie angelegten Horrorfilm „Blood for Dracula“ von 1974, unter Schirmherrschaft der Pop-Art-Ikone Andy Warhol. Die Nachtgestalt wird von einem fast überirdisch anziehenden Mann namens Udo Kier verkörpert; mit stechendem Blick, sinnlich aufgeworfenen Lippen und kantiger Kinnpartie, das Haar mit Pomade streng an den zierlichen Schädel geklebt.
Zur Zeit der Dreharbeiten treibt sich Kier in der Welt herum, sein hartes Englisch klingt aber noch nach ganz altem Europa, was ihn prädestiniert für die Rolle des Nosferatu aus dem Osten. Mit „Blood for Dracula“ und der Titelrolle im ebenfalls von Paul Morrissey gedrehtem Vorgänger „Frankenstein“ (1973) erregte der 1944 in einer Kölner Bombennacht geborene Deutsche erstmals internationale Aufmerksamkeit. Elegante Europäer, die sowohl Frauen als auch Männer erotisierten, waren gerade im Autorenkino besonders gefragt; der Österreicher Helmut Berger etwa oder der Teenager Björn Andresen als Tadzio in Luchino Viscontis morbider Romanze „Tod in Venedig“. Paul Morrissey konnte im Ensemble der Warhol-Factory noch auf den bodenständigen Sex eines Joe Dallesandro setzen; Udo Kier strahlte dagegen subtile Erotik und eine gewisse Gefährlichkeit aus, mit seinem Blick, der die Kinoleinwand zu durchbohren schien.
Kiers Leben begann schon bei dessen Geburt wie im Film, als bei einem Bombenangriff die Wände des Krankenhauszimmers auf seine Mutter und das Neugeborene stürzten. Während alle anderen starben, kratzte sich Kiers Mutter mit einer Hand aus den Trümmern. „Ich stell mir das vor, so eine bleiche Hand, die aus dem Schutt winkt“, beschrieb er die Rettung 2015 als Szene wie aus einem seiner Horrorstreifen. Die Mutter, eine ledige Schneiderin, zieht den Sohn in bescheidenen Verhältnissen allein groß; schon das ein Skandal.
Schon als Kind übt sich Kier in der Travestie von Caterina Valente; lernt dann aber doch den bürgerlichen Beruf des Großhandelskaufmannes, ehe er nach London zieht, wo er als Kellner und Schauspielschüler Luchino Visconti und Helmut Berger begegnet. Eine erste Filmrolle übernimmt er 1970 im für damalige Verhältnisse drastischen Exploitation-Horror „Hexen bis aufs Blut gequält“ und entdeckt spätestens da seinen Faible für’s Abseitige, Schräge.
Viele Frauen seien nach den Vorstellungen zu ihm gekommen, mit einem Genuss in der Stimme, weil er so böse gewesen sei, erzählte Kier später. Horror („Suspiria“, 1977), exzentrische Erotik („Die Geschichte der O.“, 1975) und heftige Farcen („Das deutsche Kettensägenmassaker“, 1990) begeistern ihn lebenslang, er arbeitet mit berüchtigten Berserkern wie Rainer Werner Fassbinder („Lili Marleen“ 1981), Christoph Schlingensief („Die 120 Tage von Bottrop“, 1997) und immer wieder mit Lars von Trier, immer an der Grenze zwischen Kunst und Exzess. Dabei beschrieb er sich selbst im Privaten als ruhigen Menschen, der gerne für Freunde kocht und seinen Palmengarten in der kalifornischen Wahlheimat pflegt. Als Künstler suchte Kier den Skandal, ließ sich mit Madonna 1992 für deren Bondage-Fotobuch „Sex“ ablichten und hypnotisierte in deren Musikvideo „Deeper and Deeper“ als gruseliger Guru den Betrachter durch die Mattscheibe.
Man könnte noch viel erzählen über dieses pralle Leben. Udo Kier ist nun mit einem finalen Wimpernschlag am 23. November mit 81 Jahren in Palm Springs gestorben.