Matthias Holtmann beim SWR-Sommerfestival auf dem Schlossplatz im Jahr 2016. Foto: IMAGO / 7aktuell
Er war kreativ, witzig, unberechenbar: Matthias Holtmann, eine Radiolegende des wilden Südens, ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Mit ihm verliert das Land eine Ikone der Popkultur.
Die Stimme des Südens ist verstummt. Matthias Holtmann – für viele einfach „Matze“ – war ein wahrer Champion in der Radio-Gaga-Liga. Späße machte er über alles, vor allem über sich selbst. Doch er war weit mehr als nur eine Radiostimme – er war ein Lebensgefühl.
Mit seinem Witz, seinem Charme und seiner Liebe zur Musik prägte er die deutsche Radioszene wie kaum ein anderer. Sie verliert mit ihm einen kreativen Kopf, der Generationen begleitet und begeistert hat – und seine vielen Fans verlieren einen vertrauten Freund über Jahrzehnte hinweg.
Wie der SWR am frühen Montagmorgen mitteilte, ist Holtmann am Sonntag im Alter von 75 Jahren gestorben. „Große Klappe – viel dahinter!“, so beschreibt SWR-1-Moderatorin Stefanie Anhalt ihren berühmten Kollegen, der das ist, was man eine Radiolegende nennt.
Holtmann im SWR-Studio im Jahr 2002. Foto: SWR/Hollenbach
Trotz Krankheit: Holtmanns ungebrochene Leidenschaft für Musik
Als ob die Parkinson-Erkrankung, gegen die er seit 2009 kämpfte, nicht schwer genug gewesen wäre, zwangen ihn mehrere Herzoperationen und eine Sepsis zu einem langen Klinikaufenthalt. Doch selbst Krankheit und Rückschläge konnten ihm seinen Witz, seine Leidenschaft für Musik und seine unverwechselbare Art, Menschen zu begeistern, nie ganz nehmen.
Pop, Poesie und Parkinson: Wie das alles zusammenpasst, führte „Matze“ vor, weil man, wie er selbst sagte, „immer aus allem das Beste machen muss“. Mit Witz und der Freude an Musik, fand er, ließen sich Krankheit und Altwerden leichter meistern. Mit dem Sprechen habe er Probleme, entschuldigte er sich bei seinem letzten großen Auftritt beim SWR-Sommerfestival im Mai 2024 auf dem Stuttgarter Schlossplatz, bedingt durch eine lange Leidenszeit, die ihn ein Jahr lang in Krankenhäuser zwang. Doch er nahm es mit Humor: „Wenn ich was vernuschle, freut euch einfach auf den nächsten Satz.“
Standing Ovations für Holtmann bei seinem letzten Auftritt auf dem Schlossplatz
36 Jahre lang war „Matze“ das Gesicht und die Stimme von SDR und SWR, 16 Jahre lang Herz und Seele von Pop und Poesie – dem Format, das er erfunden und mit Leidenschaft gelebt hat. Als Radiomann hat er polarisiert. Die einen liebten ihn, andere lehnten ihn ab. Neben der Musik waren schnelle Autos seine zweite Leidenschaft.
Matthias Holtmann: Vom Schlagzeuger zum Radio-Pionier
Geboren wurde Matthias Holtmann am 23. Mai 1950 in Recklinghausen. Nach dem Abitur am Landschulheim Schloss Heessen 1970 studierte er in Köln, arbeitete am Landestheater in Tübingen und tourte als Schlagzeuger mit der Rockband Triumvirat. Später widmete er sich dem traditionellen Jazz mit Mister Wendelins Dixie Band. Musik war immer sein Lebenselixier.
1979 begann er beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart, wurde Musikredakteur, später Musikchef von SDR 3 und nach der Fusion mit SWF3 auch Musikchef des neuen Senders SWR3. In den 1990er Jahren prägte er das Fernsehprogramm des Südwestens mit Formaten wie „Extraspät“, „Na und!?“ und „SWR3 – Ring frei“.
Auch außerhalb des Studios war seine Stimme unvergessen: In der Bundesligasaison 1999/2000 war Holtmann Stadionsprecher des VfB Stuttgart – ein weiteres Kapitel in seiner facettenreichen Karriere.
Holtmanns Kreativität setzt neue Maßstäbe bei SWR1
2005 wechselte er zu SWR1 Baden-Württemberg, wo er mit Sendungen wie „Guten Abend, Baden-Württemberg“ und „Kopfhörer“ neue Maßstäbe setzte. Er war kreativ, witzig, unberechenbar – und immer mit vollem Herzen bei der Sache.
Trotz der Diagnose Parkinson gab er nie auf. Mit bewundernswerter Offenheit ging er mit der Krankheit um, schrieb darüber in seiner Autobiografie „Porsche, Pop und Parkinson“ und inspirierte viele durch seine Haltung. Sein Projekt „Pop & Poesie“ wurde zu einem Kultformat: Hier verband er Musik, Literatur und Emotion – und brachte Menschen über Generationen hinweg zusammen.
Für sein Lebenswerk wurde Matthias Holtmann mit der Landesverdienstmedaille Baden-Württembergs ausgezeichnet – eine Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz für Musik, Kultur und Lebensfreude im Südwesten. In diesem Sommer sah man ihn beim Konzert des Blues-Titans Joe Bonamassa bei den Jazz Open. Als sein SWR-3-Kollege Frank Laufenberg im vergangenen Juli im Alter von 80 Jahren starb, sagte Holtmann unserer Redaktion am Telefon: „Deutschland verliert einen der profiliertesten und erfolgreiches Radio-DJs der Nachkriegszeit.“ Das war eine Beschreibung, die auf ihn selbst nun ebenso zutrifft.
„Die Apotheken halten mich am Leben“ – Holtmanns Humor und Herz
Schnoddrige Sprüche, großes Musikwissen, zuweilen unkorrekte Witze, aber doch viel Herz – dafür stand Holtmann. Mit seiner Krankheit Parkinson ging er offen um. „Die Apotheken halten mich am Leben“, sagte Holtmann einmal. Die Medikamente, die er brauchte, würden 2500 Euro im Monat kosten. „Und damit halte aber auch ich die Apotheken am Leben.“
Für Gänsehautmomente sorgte „Matze“, als er auf dem Schlossplatz bei Pop und Poesie die Übersetzung des Monty-Python-Songs „Always look on the bright side of life“ vortrug. Der Mensch habe kein Recht auf Unversehrtheit, sagte er, und rief dazu auf, immer „auf die hellen Seiten des Lebens“ zu schauen. Sein Rat: „Wenn es dir schlecht geht, pfeif dir eins!“