Zum Tod Friedrich Eberts vor 100 Jahren Ein Pionier der Demokratie

Thomas Mann nannte ihn einen „Bürger unter Bürgern“: Reichspräsident Friedrich Ebert (1871-1925). Foto: Imago//Heinz-Dieter Falkens

Vor 100 Jahren ist Friedrich Ebert gestorben, Deutschlands erstes demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt. Sein Tod war eine Zäsur für die Weimarer Republik.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Die Vorgeschichte der Demokratie in Deutschland spielt auch an ärmlichen Schauplätzen. Einer von ihnen ist ein Hinterhof in der Heidelberger Altstadt. Von dort führt eine steile Stiege ins erste Obergeschoss des Hauses an der Pfaffengasse mit der Nummer 18. Eine niedere Holztür öffnet den Blick in ein verwinkeltes Quartier: Auf 45 Quadratmetern lebte einst eine achtköpfige Familie. Die Wohnstube war zugleich Schneiderwerkstatt und nachts Schlafkammer der Kinder. Die Decken hängen nur eine Handbreit über den Köpfen der Besucher. Ein Zeitgenosse aus den 1920er- Jahren berichtet: „Die Zimmer sind ungenügend belüftet, die Sonne hat nirgends Zutritt, verbrauchte Luft herrscht überall.“

 

Hier ist der Mann geboren, der den letzten Kaiser an der Macht beerben wird, als dieser den Ersten Weltkrieg verloren und seine Herrschaft ruiniert hatte: Friedrich Ebert, erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Er kommt anno 1871 zur Welt, kurz nachdem das Kaiserreich installiert worden war.

Seine Karriere ist eine gelinde Sensation in jener Zeit: Der erste Demokrat an der Spitze unseres Landes besitzt weder einen Adelstitel noch ein Hochschuldiplom, trägt auch keine Militäruniform. Er ist gelernter Sattler, hat Jahre als Wandergeselle zugebracht, später in Bremen eine Kneipe geführt, die Tochter eines Taglöhners und einer Waschfrau geheiratet, die ihren Lebensunterhalt damit verdiente, Etiketten auf Zigarrenschachteln zu kleben.

Friedrich Ebert wird mit 48 Reichspräsident. Foto: epd/akg-images

„Sein Aufstieg war ein modernes Märchen“, schreibt der Publizist Harald Jähner über Eberts Werdegang. Dieser verläuft jedoch keineswegs wie in einem Bilderbuch. Als Kneipenwirt in Bremen wird der Heidelberger Sattlergeselle zum „eifrigsten sozialdemokratischen Agitator“, so ein Polizeiprotokoll. Im Hinterzimmer seines Gasthauses „Wirt zur guten Hilfe“ betreibt Ebert eine Art Beratungsstube für proletarische Gäste. Zudem arbeitet er als Lokalredakteur der „Bürger-Zeitung“. 1894 steigt er zum Ortsvorsitzenden der SPD auf. 1905 wählten ihn die Genossen in den Parteivorstand, 1913 gar zum Vorsitzenden. Im Jahr zuvor erobert er einen Sitz im Reichstag, nachdem er zuvor dreimal vergeblich kandidiert hatte.

„Mit Ebert hatte man keinen neuen Bebel an die Spitze gewählt“, notiert sein Biograf Walter Mühlhausen. Der Mann aus Heidelberg verfügt nicht über die Aura des als „Arbeiterkaiser“ verehrten Parteigründers August Bebel und steht lange im Schatten intellektueller Leitwölfe wie Karl Kautsky oder seines wortgewandteren Vorstandskollegen Philipp Scheidemann, der später die Republik ausrufen sollte.

Mit dem Krieg ändert sich alles. 1917 wird zu einem Schicksalsjahr Friedrich Eberts – privat und politisch. In diesem Jahr fallen seine beiden Söhne Heinrich (19) und Georg (20). „Der Schlag trifft uns sehr schwer“, schreibt Ebert an Verwandte in Heidelberg. „Wir müssen uns trösten mit den vielen anderen, die ihr Liebstes verloren.“

Im gleichen Jahr spaltet sich seine Partei. Gegner der Bewilligung von Kriegskrediten bilden eine Unabhängige Sozialdemokratische Partei. Eberts Mission als Fürsprecher der Verständigung unter den Genossen („Wer an der Spitze der Partei steht, hat die Partei zusammenzuhalten“) ist gescheitert.

Trotz allem: „Für Ebert wirkte der Krieg als Katalysator seiner Karriere“, schreibt Mühlhausen. „Er wuchs zur Schlüsselfigur der deutschen Innenpolitik.“ Dies jedoch eher widerwillig. „Wir haben nicht die Absicht, diese Regierung zu stürzen“, versichert Ebert noch im Juli 1918, während der Krieg noch tobt und der Kaiser noch nicht die Flucht ergriffen hat.

Wenige Wochen später überzeugt er seine Genossen, selbst in die Regierung einzutreten, um einen Waffenstillstand anzustreben. „Bist Du von Gott verlassen“, schimpft sein SPD-Kollege Otto Wels, „lass doch zum Teufel den Frieden diejenigen schließen, die den Krieg geführt haben.“ Ebert aber entscheidet: „Gewiss, es wäre bequemer für uns, (. . .) unsere Hände in Unschuld zu waschen. Aber in der Schicksalsstunde des deutschen Volkes wäre eine solche Politik (. . .) nie und nimmer zu verantworten.“

Mit der Revolution, die sich im November 1918 Bahn bricht, hat Ebert wenig im Sinn. Er hasse sie „wie die Sünde“, soll er gesagt haben. So überliefern es zumindest die Memoiren des letzten kaiserliche Reichskanzlers, Prinz Max von Baden. Als Scheidemann von einem Balkon des Reichstags aus die Republik verkündet, rüffelt Ebert den Genossen: Dazu habe Scheidemann kein Recht. Darüber habe ausschließlich eine verfassungsgebende Versammlung zu entscheiden.

Ebert beugt sich aber der Regierungsverantwortung. Er wird Reichskanzler für einen Tag – danach gibt es den Posten vorübergehend nicht mehr. Ein „Rat der Volksbeauftragten“, in dem Ebert das Wort führt, übernimmt die Macht. Was ihm vorschwebt, ist kein Umsturz nach dem Vorbild der Bolschewiken in Russland. „Wir mussten dafür Sorge tragen“, so rechtfertigt er sich, „dass die Reichsmaschine nicht zusammenbricht.“

Eberts Widersacherin: die Kommunistin Rosa Luxemburg beim Internationalen Sozialistenkongress 1907 in Stuttgart Foto: epd/akg-images

Die radikalen Pläne mancher Genossen sind ihm zuwider. Gegen linke Rebellen wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die im Januar 1919 eine Kommunistische Partei gründen, betreibt er in einem Bündnis mit rechtsgesinntem Militär eine „Politik der gepanzerten Faust“ – der die beiden schließlich zum Opfer fallen. Der Historiker Heinrich August Winkler, selbst Mitglied der SPD, lastet Ebert eine „erstaunliche Arglosigkeit“ gegenüber Einflüsterern an, die wenig mit der Demokratie im Sinne hatten: „Dass die Reichswehr sich zu einem Staat im Staate und damit zu einer Bedrohung der Republik entwickeln konnte“, so Winkler, „hatte auch Ebert mitzuverantworten.“

Im Februar 1919 wird der Sattlergeselle schließlich Reichspräsident – von reaktionären Gazetten als „Friedrich der Vorläufige“ verspottet. Ebert-Experte Mühlhausen bringt diese Vorbehalte auf den Punkt: „Einer aus den Reihen der vaterlandslosen Gesellen sollte nun das Vaterland retten.“ In seiner Dankesrede verspricht Ebert, er verstehe sein Amt „als der Beauftragte des ganzen deutschen Volkes, nicht als Vormann einer einzigen Partei“.

„Besserwisserei lag ihm fern“

„Er stellte das Vaterland über die Partei, die Partei trotz allem (. . .) in den Dienst des Vaterlandes“, schreibt der Historiker Golo Mann. Ebert habe sich „Achtung auch in bürgerlichen Kreisen erworben“, betont dessen Kollege Winkler. Der Biograf Mühlhausen skizziert das neue Staatsoberhaupt der ersten deutschen Republik als „Mann des Ausgleichs“. Er habe sein Amt „zumeist in stoischer Ruhe“ versehen, „rechthaberische Besserwisserei lag ihm fern“.

Die Friedensbedingungen des Versailler Vertrags versteht Ebert als schwere Hypothek, vor der er beinahe kapituliert hätte. Er nennt die Forderungen der Siegermächte „unerfüllbar, unerträglich und unannehmbar“, denkt tatsächlich an Rücktritt. Der Friedensvertrag ist für Ebert der größte „Feind der deutschen Demokratie“.

Von Beginn an ist der Emporkömmling im höchsten Staatsamt verhasst und wird verspottet. Vielen kommt dabei ein unvorteilhaftes Foto gerade recht, das 1919 in den Gazetten für Furore sorgt. Es zeigt den Präsidenten an der Seite des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske, den man den „Bluthund“ der Revolutionsjahre nennt, am Strand. Beide stehen bis zu den Knien im Wasser, und tragen – damals noch skandalös! – eine kurze Badehose.

Projektionsfläche für Häme: Das Foto zeigt Ebert und den Reichswehrminister Gustav Noske in der Sommerfrische. Foto: imago//Wilhelm Steffen

Das Foto wird zur Projektionsfläche für all die Häme und den Standesdünkel, der dem proletarischen Präsidenten entgegenschlägt. „Der halbnackte Präsident erschien als Inbild eines Vaterlands ohne Waffen“, erklärt Jähner. Es habe den Eindruck erweckt, da sei „ein durch und durch Unwürdiger an die Spitze des Staates gespült worden“.

Ebert gilt den Feinden der Republik, frustrierten Kaisertreuen und Anhängern der Dolchstoßlegende als „Verräter des Vaterlandes“, den Kommunisten als „Verräter der Revolution“. Der Schriftsteller Thomas Mann zählt zu den wenigen Intellektuellen, die Ebert Respekt entgegenbringen. Für ihn ist „Vater Ebert“, wie er ihn nennt, „ein grundangenehmer Mann, bescheiden-würdig, nicht ohne Schalkheit, gelassen und menschlich fest, ein Bürger unter Bürgern“.

Doch der Hass verfolgt Ebert zeitlebens. Mehr als 200 Prozesse führt der Reichspräsident, um seine Reputation zu verteidigen. Zuletzt geht es um den Vorwurf, er sei ein „Landesverräter“ wegen Eberts Rolle als Streikführer bei einem Ausstand von Munitionsarbeitern im Januar 1918. Das Magdeburger Landgericht bestraft zwar den Verleumder, hält in seinem Urteil aber fest, dass Eberts Engagement den Tatbestand des Landesverrats durchaus erfüllt habe.

„Jeder Gossenjournalist und Stammtischbruder durfte nach dem Magdeburger Urteil das Staatsoberhaupt ungestraft ,Landesverräter’ nennen“, heißt es dazu in Mühlhausens Biografie. Von dieser Schmähung erholt Ebert sich nicht mehr. „Sie haben mich politisch umgebracht (. . .) Das überlebe ich nicht“, so zitiert ihn der Stuttgarter Historiker Waldemar Besson. „Wie einen Galgenvogel verunglimpfen sie mich.“

In seiner Verbitterung über das schmachvolle Urteil verschleppt Ebert eine Blinddarmentzündung und stirbt daran am 28. Februar 1925 im Alter von 54 Jahren. Der Präsident sei „mit juristisch vervollkommneter Niedertracht“ daran gehindert worden, sich um seine Gesundheit zu kümmern, meint der Historiker Michael Freund. Er zählt Eberts Tod „zu den letzten Morden der Weimarer Republik“. Der Richter, der Ebert die Schmach angetan hatte, rühmt sich später während der Nazizeit, dass er „den Kerl zur Strecke gebracht“ habe. Freund zieht deshalb den Schluss: „Ein deutsches Gericht mordete den ersten Reichspräsidenten.“

Eberts Leichnam wird nach Heidelberg überführt. Eine Million Menschen säumen die Straßen. Auf dem Bergfriedhof seiner Heimatstadt wird er beigesetzt. Thomas Mann erinnert in einem Nachruf an seine von „schlichter Würde, gelassener Vernunft“ geprägte Amtsführung, die „klug zurückhaltende Repräsentation“. Das Ehrenmal auf Eberts Grab ziert ein Leitspruch des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupts: „Des Volkes Wohl ist meiner Arbeit Ziel.“

Was unmittelbar nachfolgt, nennt der Historiker Winkler „nichts Geringeres als ein stiller Verfassungswandel, eine konservative Umgründung der Republik“. Am 24. April 1925 wird der ehemalige Feldmarschall Paul von Hindenburg, eingefleischter Monarchist und nationalistisch gesinnt, zum Reichspräsident gewählt – der Mann, der später Hitler an die Macht verhelfen sollte.

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