Zum Tod von Adrian Zielcke Ein schwäbischer Ostpreuße

Adrian Zielcke bei einem Pressestammtisch im Jahr 2003 Foto: StZ/Archiv
Adrian Zielcke bei einem Pressestammtisch im Jahr 2003 Foto: StZ/Archiv

Adrian Zielcke war lange Jahre Nachrichten- und Außenpolitikchef der Stuttgarter Zeitung. Ende Oktober ist er nach schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)
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Stuttgart - Suchen, verlieren, schweigen, reden, lachen und noch vieles mehr – sterben schließlich: Alles habe seine Zeit, heißt es beim Prediger Salomo, eine vielfältig deutbare Stelle. Zum einen nämlich legt sie nahe, dass ebendiese Zeit irgendwie doch sehr schnell (viel zu schnell!) vorbeigehe im Leben, all die Augenblicke, kaum zu erfassen. Zum anderen wird suggeriert, fast paradox anmutend, dass man der erwähnten Flüchtigkeit des Moments nur mit Geduld beikomme. Mit Fassung, Beständigkeit, Haltung – und, ja, mit Gemüt.

Die neue Heimat wollte erst einmal gewonnen werden

Wenn es ganz hart kam – und es kommt in einer Zeitungsredaktion, die ja nicht aus Robotern besteht, schon manchmal ziemlich hart, faktisch und zwischenmenschlich –, zitierte Adrian Zielcke, wiewohl weiß Gott nicht immer ein salomonisch urteilender Mensch, ebenjene Bibelstelle, zu der er ein besonderes Verhältnis hatte: Er wusste, was existenzielle Unsicherheit bedeutet – und was Verunsicherung und Angst bewirken können. Während der elterlichen Flucht aus Ostpreußen 1945 im fränkischen Ansbach zur Welt gekommen, wurde Adrian Zielcke und den Geschwistern Stuttgart später zur neuen Heimat. Die freilich wollte erst einmal gewonnen werden, denn die Stuttgarter hielten zu den Fremden Abstand, und es reichte nicht, bei Zahn und Nopper das Werkzeug oder bei Gallion die Tapeten zu kaufen. Zielcke trug als Jugendlicher lange Zeitungen aus im Stuttgarter Westen. Dort blieb er wohnen, bis zum Schluss.

Vierzig Jahre lang amtierte Zielcke als Nachrichtenchef und schließlich als Leiter der Außenpolitik

Ausbildungszwischenstationen wurden Tübingen, wo er Geschichte und Slawistik und auch Theologie studierte, und München mit der Deutschen Journalistenschule. Im Jahr 1970 kam Adrian Zielcke zur Stuttgarter Zeitung, die damals noch immer vom scheidenden Herausgeber Josef Eberle geprägt war – und wurde ebenfalls sesshaft: Bis zur Pensionierung, also vierzig Jahre lang, amtierte Zielcke als Nachrichtenchef und schließlich als Leiter der Außenpolitik.

Etwas Statisches hatte das selten: Was mit der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt begann, mündete – um die Dinge noch einmal historisch aus Zielckes ureigener Perspektive zu betrachten – in ein erweitertes Europa, das auch die baltischen Staaten umfasste. Dass es politisch – mit Glück und Geschick – auf solche Momente zukünftig hinauslaufen könne, hatte Zielcke als einer von eher wenigen deutschen Journalisten instinktiv bereits geahnt (und als Leitartikler auch ein wenig versucht herbeizuschreiben), als es 1990 zur Wiedervereinigung kam, über die er sich freute wie fast kein anderes Mitglied der Redaktion. Freude, skeptisch grundiert, sei jetzt an der Zeit, fand er. Mitunter durchaus ein Pathetiker, ging er gewissermaßen mit offenen Armen auf seine neuen Landsleute aus dem Osten zu. Und wichtiger noch: Er schloss sie nicht direkt wieder – sondern blieb ein kritischer, Impulse gebender Begleiter der schwierigen nationalen Zeitläufte. Adrian Zielcke wusste, wie es gewesen war, ein Fremder zu sein.

Eindrucksvoll waren in Stuttgart seine Kontakte in die türkische Gemeinschaft

„Die Brücke zur Welt“, jene Aufsatzseite, die von ihren Anfängen her zum liberalen Grundverständnis der Stuttgarter Zeitung gehörte, wurde Zielcke dabei manches Mal zu seiner Bühne – sogar ins heutige Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg und familiären Herkunftsort, fuhr er zurück, um es angemessen zu beschreiben: Auch dort änderte sich der Lauf der Welt – langsam, aber er änderte sich.

Auf solche atmosphärischen Verschiebungen hatte Zielcke stets ein waches Auge. Wie er junge Leute in der Redaktion oft freundlich-verstehend mit Zuspruch (und Kritik) förderte, engagierte er sich gesamtgesellschaftlich gerne für jene, die, wie er in seinen früheren Jahren, ebenfalls noch nicht ganz angekommen waren. Eindrucksvoll und verbindend waren in Stuttgart seine Kontakte hinein in die türkische Gemeinschaft, deren Mitgliedern er wünschte, dass sie wirklich heimisch werden könnten in der Stadt. Dafür tat er viel.

Im Alter konservierte Adrian Zielcke, stolzer Vater zweier Söhne, großer Leser und Genießer auch, eine Freude an der Natur, die er von seiner Mutter geerbt haben musste. Ihrerseits war sie 101 Jahre geworden und hatte sich bis zuletzt über jede blühende Blume freuen können. Insofern war sie ihm Vorbild, und wenn er von der Schwäbischen Alb schwärmte (der er, wie der Arbeit der Robert-Bosch-Stiftung, ein Buch widmete), dann tat er das gründlich und klischeefern. Ein schwäbischer Ostpreuße, wenn man so will.

Wie in diesen Tagen bekannt wurde, ist Adrian Zielcke bereits am 27. Oktober nach schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.




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