Zum Tod von Dieter Gräfe Er trug das Erbe John Crankos in die ganze Ballettwelt – und war doch umstritten

Der Mann im Hintergrund: Dieter Gräfe (rechts) kümmerte sich als Alleinerbe um die Rechte John Crankos. Er war der Lebenspartner des langjährigen Stuttgarter Intendanten Reid Anderson. Foto: Li/chtgut/Julian Rettig

Als Verwalter von John Crankos Rechten stand Dieter Gräfe immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit – und auch der Kritik. Nun ist der Balletterbe am Samstag im Alter von 84 Jahren gestorben.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Vom Speditions- und Reederei-Kaufmann zum Millionär? So könnte man sehr verknappt den Lebensweg von Dieter Gräfe beschreiben. In Stuttgart arbeitete der 1939 in Königsberg Geborene als Versandleiter einer Nähmaschinenfabrik, als ihm Bekanntschaften im Umfeld des Stuttgarter Balletts die Tür zu einer neuen Welt öffneten. John Cranko schätzte den neugierigen, selbstbewussten jungen Mann, der ihm am Anfang bei Übersetzungen und Briefen half. Offiziell war Gräfe von 1965 an den Stuttgarter Staatstheatern als Ballettsekretär und Disponent angestellt; als Company Manager, wie man auf Englisch sagen würde, wurde er zur rechten Hand Crankos, der mit ihm das Kavaliershäuschen auf der Solitude geteilt und ihn vor seinem frühen Tod 1973 als Alleinerben eingesetzt hatte.

 

Ein Erbe als Druckmittel

Vor allem als Cranko-Erbe stand Dieter Gräfe, der am Samstag im Alter von 84 Jahren verstorben ist, im Fokus der Öffentlichkeit – und der Kritik. Mit Journalisten sprach Gräfe überhaupt nicht mehr. „Ich bin zu oft beschädigt worden“, sagte er. Vorgeworfen wurde dem Cranko-Erben, dass er die Einnahmen aus den Rechten an weltweit getanzten Balletthits wie „Onegin“ kassierte, aber keine Stiftung gründete, um Tanzschaffende zu fördern und vor allem Crankos Erbe für die Zukunft zu sichern. Doch Dieter Gräfe und sein Lebenspartner, der langjährige Ballettintendant Reid Anderson, wollten dieses Druckmittel nicht aus der Hand geben: Erst ein Neubau für die Cranko-Schule, dann die Stiftung – so kam es dann auch.

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Möglicherweise hat die Vermarktung der Cranko-Rechte außerhalb von Stuttgart und München Dieter Gräfe zum Millionär gemacht. Sicher ist jedoch auch, dass ohne seinen Einsatz Crankos Werk heute auf den internationalen Ballettbühnen nicht so präsent wäre, wie es ist. Die Liste der Kompanien, die „Romeo und Julia“ oder „Onegin“ im Repertoire haben, ist beeindruckend lang. Gräfe hat für die weltweiten Einstudierungen ein Team von ehemaligen Tänzerinnen und Tänzern beschäftigt, hatte bei den Besetzungen mitentschieden und die Qualität der Vorstellungen kontrolliert. Eine Arbeit, die auf die 2020 gegründete Stiftung überging und die Diskussion um Ungerechtigkeiten hoffentlich beendet: In der Vergangenheit waren die Entscheidungen, die manchen Tänzerinnen und Tänzern große Cranko-Rollen verwehrten, nicht immer nachvollziehbar.

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Crankos Ballette sind weltberühmt, die Cranko-Stiftung hat ihre Arbeit aufgenommen, die Cranko-Schule, die Gräfe im Hintergrund seit langem finanziell unterstützte, hat einen grandiosen Neubau bezogen: Mit der Entscheidung, Dieter Gräfe zu seinem Alleinerben einzusetzen, hat John Cranko Weitblick besessen. Nach Crankos Tod 1973 leitete Dieter Gräfe gemeinsam mit Anne Wooliams kommissarisch die Kompanie, aus seinem Amt als administrativer Direktor des Stuttgarter Balletts schied er 1985 aus. Mit Reid Anderson zog Gräfe nach Kanada und kehrte 1996 nach Stuttgart zurück, wo er 2020 mit der Gründung der Cranko-Stiftung in seinem Leben für das Ballett und das Werk John Crankos einen letzten, wichtigen Akzent setzte.

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