Zum Tod von Franziskus Franziskus war ein Papst der Widersprüche
Franziskus hat Bewegung in die römisch-katholische Kirche gebracht. Aber er hat zu wenig erreicht und zahlreiche Hoffnungen enttäuscht, kommentiert unser Autor Michael Trauthig.
Franziskus hat Bewegung in die römisch-katholische Kirche gebracht. Aber er hat zu wenig erreicht und zahlreiche Hoffnungen enttäuscht, kommentiert unser Autor Michael Trauthig.
Ist es ein Gesetz unserer Mediengesellschaft, dass neue Päpste rasch zur Projektionsfläche für Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche der Öffentlichkeit werden? Fast scheint es so. Denn was bereits bei Benedikt XVI. vor allem aus deutscher Sicht auf dem Stuhle Petri der Fall war, wiederholte sich nach der Wahl von Franziskus im Jahre 2013. Erneut galt der Neue als Hoffnungsträger für einen Wandel in der katholischen Kirche hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Demokratie und mehr Moderne.
Immerhin waren die Erwartungen diesmal – anders als bei Benedikt – nicht aus der Luft gegriffen. Sie hatten gute Gründe: Da kam ein Papst vom anderen Ende der Welt, erstmals ein Jesuit und erstmals einer, der mit der Namenswahl Franziskus die Hinwendung zu den Armen sowie die Sorge um die Umwelt zum Programm erhob.
Kein Wunder also, dass Franziskus die Herzen der Menschen eroberte. Er trat bescheiden auf, er war nahbar, hatte Charisma und nahm sich selbst nicht zu wichtig. Ein Papst zum Anfassen, ein menschlicher Seelsorger, kein strenger Dogmatiker wie zuvor. Armut hat er nicht nur gepredigt, sondern sie auch vorgelebt und dem eigenen Apparat verordnet. Sein unprätentiöses Wesen, seine persönliche Ansprache, seine Hinwendung zu den Schwachen, Ausgegrenzten, Geflüchteten brachten ihm viele Sympathien ein. Dass sich der Südamerikaner verbal manchmal verstolperte, sei ihm verziehen.
Er sandte jedenfalls wichtige Botschaften zum Klimawandel, der Umweltzerstörung, zu Hunger und Krieg aus, und er knüpfte mit seiner Kapitalismuskritik an die Tradition mancher seiner Vorgänger an. Ob solche Stellungnahmen freilich Wirkung entfaltet haben, ob sie weltliche Trends beeinflussten, steht dahin.
Mehr Macht als in der Politik hat der Papst in der römisch-katholischen Kirche. Da sorgte Jorge Mario Bergoglio ebenfalls für viel frischen Wind. Doch seine Bilanz fällt zwiespältig aus. Er schaffte einerseits die lang umstrittene Reform der Kurie, öffnete Leitungsämter in der römischen Verwaltungszentrale für Frauen und kappte alte Seilschaften.
Andererseits zementierte Franziskus die unumschränkte Herrschaft des Kirchenoberhaupts und installierte mit seinem informellen Beraterstab eine intransparente Nebenregierung.
Zudem enttäuschte er alle, die auf große Reformen von Lehre und Kirchenrecht hofften. Franziskus befeuerte zwar Debatten, indem er Synoden, Bischofstreffen und Missbrauchsgipfel einberief, die konkreten Folgen aber blieben überschaubar. Offiziell zumindest gibt es keine Lockerung des Zölibats, keine Weiheämter für Frauen und kein gemeinsames Abendmahl mit Protestanten.
Inoffiziell freilich ist unter Franziskus, der oft mit widersprüchlichen Äußerungen etwa zur Homosexualität irritierte und Barmherzigkeit auch gegenüber „Sündern“ anmahnte, viel mehr möglich gewesen als unter Benedikt. Das war ein Fortschritt, der allerdings den erbitterten Widerstand konservativer Kirchenfürsten auslöste.
Auch im Umgang mit sexueller Gewalt agierte der Papst unglücklich. Er verschärfte zwar einerseits die Vorschriften und betonte den Aufklärungswillen, andererseits traf er manchmal nicht den richtigen Ton und scheute unbequeme Personalentscheidungen wie im Fall des Kölner Erzbischofs Woelki, dessen Rücktrittsgesuch liegen blieb.
Mag sein, dass Franziskus mehr Erneuerung wollte. Mag sein, dass er an den Netzwerken der Traditionalisten scheiterte. Mag sein, dass er vor allem die Weltkirche zusammenhalten musste. Doch Franziskus hinterlässt seinem Nachfolger ein schwieriges Erbe. Überbordende Erwartungen an den künftigen Papst sind ganz sicher fehl am Platz.