Zum Tod von Heiner Geißler Streitlustig um der Menschen willen

Von Norbert Wallet 

Der CDU-Politiker modernisierte seine Partei und ging zu seiner aktiven zeit keinem Streit aus dem Weg. Später polemisierte er gegen die Auswüchse des globalen Kapitalismus.

Ein streitlustiger Brückenbauer: Heiner Geißler. Foto: dpa 16 Bilder
Ein streitlustiger Brückenbauer: Heiner Geißler. Foto: dpa

Berlin - Manchmal schrieb sich eine feine Ironie in dieses Leben ein: Heiner Geißler, der am Dienstag im Alter von 87 Jahren verstarb, wird in Erinnerung bleiben – als Zuspitzer und Angreifer, als furchtloser Mahner und unermüdlicher Aufwiegler des Gewissens. Und doch war Heiner Geißler als Schlichter ein gefragter Mann. Nicht nur bei Stuttgart 21. Streit-Lust. Das Wort ist wie für ihn geschaffen, so leidenschaftlich und freudvoll warf er sich in die Kämpfe seiner Zeit. Und doch war er auch ein Brückenbauer.

Er wollte niemandem nach dem Mund reden

Es ist ja nur ein scheinbarer Widerspruch. Wer Ausgleich schaffen will zwischen sich widersprechenden Standpunkten, darf doch niemandem nach dem Munde reden. In einem späten Interview hatte er einmal erklärt: Seine erste Loyalität habe immer den Menschen gehört, die ihn gewählt hatten, sagte er. Die zweite habe den politischen Grundsätzen gehört. „Die dritte Loyalität gehörte den Personen in der Partei. Aber die machte ich davon abhängig, ob diese sich an der ersten und zweiten Priorität orientierten.“

Geißler wollte diese Arena eigentlich nicht, in der er dann Zeit seines Lebens stand. Nicht zum Meinungskampf, sondern zum Glaubenskampf zog es ihn. Er wurde in Oberndorf am Neckar geboren, lebte als Kind in Spaichingen, Landkreis Tuttlingen. Im Ort gab es kein Gymnasium. So kam er auf das von Jesuiten geleitete Kolleg Sankt Blasien. Mit 19 trat er als Novize dem Orden bei. Priester und Missionar wollte er werden. Er hatte die drei ewigen Gelübde abgelegt: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Mit 23 Jahren habe er gemerkt, dass er zwei davon nicht halten könnte, sagte er einmal. „Es war nicht die Armut.“

Er begann als Amtsrichter in Stuttgart

1956 gründete Geißler zusammen mit Erwin Teufel den Kreisverband Rottweil der Jungen Union. Fünf Jahre später war er schon Landesvorsitzender. In dieser Zeit etablierte er sich auch beruflich. Nach Philosophie- und Jurastudium war 1962 Richter am Amtsgericht Stuttgart, dann von 1962 bis 1965 Leiter des Ministerbüros von Arbeitsminister Josef Schüttler in der baden-württembergischen Landesregierung. 1965 zog er als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Reutlingen in den Deutschen Bundestag ein.

Er wechselte dann 1967 als Sozialminister in die Landesregierung nach Rheinland-Pfalz. Er behielt das Amt, als 1969 Helmut Kohl Regierungschef in Mainz wurde. Da entstand das zweite große Lebensthema. Dieses fast lebenslange Ringen mit Helmut Kohl, dieses Miteinander, Füreinander, Gegeneinander. 1977 machte ihn Kohl zum Generalsekretär der CDU. Ab 1980 saß Geißler wieder im Bundestag und blieb Abgeordneter bis 2002.

Kohl holte und verstieß ihn

Kohl hat Geißler entdeckt und gefördert. Da ist ewige Dankbarkeit Pflicht. So sah es Helmut Kohl. Heiner Geißler sah es nicht so. „Er hatte mich nicht geholt, ich war gekommen“, sagte er noch 2015. Geißler hatte eine klare Konzeption von der Arbeit des Generalsekretärs. Die Partei, genauer gesagt das Konrad-Adenauer-Haus, sollte das programmatische Herzstück der CDU sein, Ideenschmiede, Motor und Zukunftswerkstatt – und nicht blinde Gefolgschaft herstellen. Geißler hat der Partei das Diskutieren beigebracht. Er wurde ein Machtfaktor. Ein Mann neben Kohl, nicht unter ihm. Das war auf Bruch angelegt.

Im Tageskampf mit den politischen Konkurrenten war er gewiss nicht zimperlich. Seine Beschimpfungen sind legendär. Helmut Schmidt bezichtigte er des „Rentenbetrugs“. Und da war der bittere Kommentar, den er den Grünen 1983 vorhielt: Der Pazifismus der 30-er-Jahre, der sich nur wenig von dem heutigen unterscheide, habe Auschwitz erst möglich gemacht.

Später trat er "attac“ bei

Die politischen Gegner konnten ihm nicht gefährlich werden. Die Freunde schon. 1989 wollte Kohl keinen machtbewussten General mehr neben sich. Er schlug ihn dem Parteitag nicht mehr zur Wiederwahl vor. In der Partei begann es mächtig zu rumoren. Lothar Späth hatte Pläne, gegen Kohl um den Parteivorsitz zu kandidieren. Geißler, der tief getroffen war, unterstützte die Frondeure. Aber der Kohl überlebte den versuchten Putsch. Geißler blieb bis 2002 im Bundestag. Das Verhältnis zu Kohl blieb zerrüttet.

Geißlers Denken hat sich immer weiter entwickelt. Er trat „attac“ bei und attackierte das kapitalistische System, weil es „heute die Ursache für die Bürgerkriege, Armut und Hungersnöte, die wir auf der Erde haben“ sei. Und vor allem war die Sache mit der Kirche nicht abgetan. „Sie müsste Widerstand leisten gegen die Mächtigen dieser Erde“, forderte er. Er wünschte sich eine Kirche, die Konflikte anzettelt. Das nämlich ist die Summe seines Lebens: „Den Menschen zu helfen geht nur mit Streit, Auseinandersetzung, Kampf.“