Zum Tod von Javier Marías Der Meister der Zeitlupe

Computer waren ihm zeitlebens ein Graus: Javier Marías ( Foto: El País

In Deutschland ist er vor allem durch den Roman „Mein Herz so weiß“ bekannt geworden. Aber auch sonst hat der spanische Autor Javier Marías Literaturgeschichte geschrieben. Nachruf auf einen großen Dichter

Er sei in den letzten Jahrzehnten für die Literaturliebhaber in der ganzen Welt die Verkörperung des spanischen Romans gewesen, schrieb die spanischen Tageszeitung „El País“ in ihrer Montagsausgabe über den am Sonntag kurz vor seinem 71. Geburtstag verstorbenen Schriftsteller Javier Marías und widmete ihrem langjährigen Kolumnisten den Aufmacher auf der Titelseite und den Leitartikel. Der Spross einer bildungsbürgerlichen Familie aus dem Madrider Stadtteil Chamberí, der bereits im Alter von elf Jahren mit dem Schreiben begann, hat seit dem Jahr 1971 sechzehn Romane und mehrere Bände mit Kurzgeschichten und mit Sammlungen seiner Zeitungskolumnen veröffentlicht, war seit 2008 Mitglied in der elitären Real Academia Española und wurde auch immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

 

Die Handlung ist nicht Netflix-kompatibel

Seinen internationalen Durchbruch erreichte Marías mit dem 1992 publizierten Roman „Corazón tan blanco“, dessen 1996 unter dem Titel „Mein Herz so weiß“ (ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“) erschienene deutsche Übersetzung in der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ vom Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki enthusiastisch als Meisterwerk gefeiert wurde und sich daraufhin zum Bestseller entwickelte.

Dieser Erfolg war verdient, aber überraschend, denn Marías’ Erzählweise hat wenig gemein mit jenem „International Style“ der in den letzten Jahren auf dem Weltmarkt reüssierenden Romane, den der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler in seinem soeben erschienenen Buch „Populärer Realismus“ trefflich als „Murakami-Franzen-Schlink-Knausgård-Ferrante-Kehlmann-Komplex“ beschrieben hat. Marías’ Bücher sind nicht autobiografisch, ihr Personal kann keinen Anspruch auf Diversity und Wokeness anmelden, sondern entstammt der weißen gebildeten Mittelschicht, ihr Plot ist nicht Netflix-kompatibel, und ihre langen, oft über eine halbe Seite mäandernden Sätze erfordern eine konzentrierte Lektüre.

Im US-Exil

Eine jüngere Generation von spanischen Schriftstellern und Lesern hat Marías genau das zum Vorwurf gemacht, weil sie sich in den von ihm abgehandelten Problemen des Bildungsbürgertums nicht mehr wiederfinden konnte und seinen Schreibstil mit seinen vielen literarischen Anspielungen auf die Weltliteratur als manieristisch kritisiert. Die Abneigung, so konnte man zuletzt den Eindruck haben, beruhte auf Gegenseitigkeit, denn in seinen letzten Romanen und Zeitungskolumnen haderte Marías, der seine Texte noch auf der Schreibmaschine, nicht dem Computer schrieb, immer öfter mit dem aktuellen Zeitgeist.

Weil sein Vater, der Philosoph Julián Marías, als Republikaner nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg eine Zeit lang Berufsverbot hatte und mit seiner Familie für einige Jahre im Exil in den USA lebte, war der Sohn Javier quasi zweisprachig aufgewachsen. Als Angehöriger einer Generation, die noch unter der Franco-Diktatur erwachsen wurde, musste ihm das Streben nach politischer Korrektheit und moralischer Eindeutigkeit, das er zuletzt unter seinen jüngeren Zeitgenossen beobachtete, befremdlich vorkommen. Ein immer wiederkehrendes Thema seiner Romane sind denn auch Reflexionen über moralische Ambivalenzen, über Mord und Verrat, über Geheimnisse in der Vergangenheit, von denen sich nicht eindeutig sagen lässt, ob es besser wäre, sie aufzudecken oder doch lieber auf sich beruhen zu lassen.

Moralische Skrupel kommen dem Agenten in die Quere

War „Mein Herz so weiß“ der Roman, der Marías den internationalen Durchbruch brachte, so kann die Trilogie „Dein Gesicht morgen“, zwischen 2002 und 2007 erschienen, als sein Hauptwerk gelten, von dem aus sich Verbindungslinien zu früheren wie zu späteren Werken des Autors ziehen lassen. Die drei Romane dieser Trilogie spielen teils in London und Oxford, teils in Madrid und handeln von einem Spanier, der sich dazu überreden lässt, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten, so lange, bis ihm schließlich moralische Skrupel wegen dieser Tätigkeit kommen.

Die Trilogie stellt einerseits Bezüge her zu dem 1989 veröffentlichten Roman „Alle Seelen“, der im Oxforder Universitätsmilieu spielt, wo Marías selbst in den 1980er Jahren einige Jahre als Spanisch-Dozent gearbeitet hat. Und sie weist andererseits voraus auf die Romane „Berta Isla“ (deutsch 2019) und „Tomás Nevinson“ (erscheint auf Deutsch diesen Herbst), die wieder im Geheimdienstmilieu spielen.

Nicht ein Actionfilm, sondern eine philosophische Beobachtung

Javier Marías hat bekannte Genres wie den Universitätsroman, die Kriminalgeschichte oder den Agententhriller benutzt, aber unter seiner Hand haben sie sich verwandelt in Thriller, die nicht im Stil eines Actionfilms inszeniert werden, sondern im Zeitlupentempo beschrieben und mit einer philosophisch-moralischen Brille begutachtet werden.

Eine politische Ehrung und ein letzter Roman über die Politik

Ehre
 Ministerpräsident Pedro Sánchez würdigte Javier Marías als „einen der großen Schriftsteller unserer Zeit“ und sprach seiner Familie sein Mitgefühl aus. „Sein umfangreiches und talentiertes Werk wird für immer ein grundlegender Teil unserer Literatur sein“, schrieb er.

Bestseller
 Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki lobte 1996 in der TV-Sendung „Das literarische Quartett“ den Roman „Mein Herz so weiß“, nannte ihn ein „geniales Buch“ von dem „größten im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt“. Der Roman verkaufte sich auch daher allein in der deutschen Übersetzung über 1,2 Millionen Mal. 

Neuerscheinung
Pünktlich zum Länderschwerpunkt Spanien der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wird im Fischer-Verlag am 12. Oktober die deutsche Übersetzung des letzten Romans von Javier Marías erscheinen: „Tomás Nevinson“ (736 Seiten, 32 Euro) erzählt von einem Geheimdienstagenten in moralisch-politischen Konflikten.

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