Zum Tod von Jean-Jacques Sempé Der große Zeichner des kleinen Glücks
Der Franzose Jean-Jacques Sempé ist als Erfinder des kleinen Nick auch bei uns berühmt geworden. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist er gestorben. Ein Nachruf.
Der Franzose Jean-Jacques Sempé ist als Erfinder des kleinen Nick auch bei uns berühmt geworden. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist er gestorben. Ein Nachruf.
Egal, wie schwer die Sorgen drücken, es gibt diese leichten, zarten Linien, die aus dem Stift des französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé flossen. Die heften sich wie von selbst an jede Trübnis und lindern mit beharrlichem Zug nach oben alle Schwermut. Sempés farbige und schwarz-weiße Bilder sind keine Cartoons, sondern eine zuverlässige Hausapotheke voll Glück, Trost und Geborgenheit. Nachdem Jean-Jacques Sempé am Donnerstag kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben ist, kann man nur dankbar sein, wie gut gefüllt er uns sein Medizinschränkchen hinterlassen hat.
Am populärsten ist Sempé, der am 17. August 1932 in Bordeaux zur Welt kam, mit der Kinderbuchreihe um den kleinen Nick geworden. Diesen zunächst namenlosen Knirps hatte sich Sempé planlos ausgedacht, mit dem Zeichenstift herumprobiert und entschieden, dass man das Bürschchen mit der enormen, aber doch nie unproportioniert wirkenden Nase (diese wunderliche Eigenheit teilt Nick mit vielen Sempé-Figuren) wohl für eine kleine Comic-Reihe gebrauchen könne.
Aber dann traf Sempé auf den Autor René Goscinny, den Erfinder von Asterix dem Gallier. Auch Goscinny wurde vom Charme des freundlichen Lausbuben gepackt, der mittlerweile den Namen Nick trug – ein zufällig an Sempé vorbeifahrender Bus mit einer Werbeaufschrift für die Weinsorte Nicolas war der Taufpate. Goscinny dachte sich mit Begeisterung Geschichten für Nick aus, die über die ab 1956 erscheinenden Comics hinausgingen. Ab 1959 gab es von Sempé illustrierte Geschichten, die sich zu einem der ganz großen Klassikerbündel der Kinderliteratur auswuchsen. Also zu Büchern, mit deren Hilfe Erwachsene in jene Kindheit zurückkehren, die sie gerne gehabt hätten.
Die Abenteuer des kleinen Nick, die später auch als Animationsserie, als Hörbücher und als Kinofilme immer neue Generationen begeisterten, verklären eine Kindheit in kleinstädtischer und ländlicher Umgebung, mit ihren Freiräumen für Erkundungen, Schabernack und Trödeleien.
Die Zonen jenseits des wachsamen elterlichen Blicks werden nicht, wie heutzutage üblich, als Gefahrenzonen wahrgenommen. Sie bilden den Schutzraum vorübergehender kindlicher Unabhängigkeit. Und natürlich gibt es keine Daueranbindung via Smartphone an Erwachsene und keine beständig dahinbrausende Netzwerksphäre des Selbstinszenierungszwangs. Der kleine Nick sitzt fest im Hier und Jetzt, in genießender Konzentration auf das, was vor ihm liegt: ein Zug dieser Buchwelt, der erst den Bürgern der Cybermoderne so recht bewusst wird.
Nein, so nett und einfach war Kindheit nie. Der Erste, der das zugab, war Jean-Jacques Sempé selbst. Er hatte vielleicht keine ganz unglückliche, aber doch eine bedrängte Kindheit erlebt, geprägt von den ständigen Krächen zwischen seiner Mutter und seinem trinkenden Stiefvater. Schon damals hatte er damit begonnen, erzählt er etwa in dem Zeichnungsband „Kindheiten“, sich ein anderes Leben zu erfinden. Das sollte sich dann zu jenem virtuosen Gegenentwurf zum Schäbigen des Alltags auswachsen, der auf Deutsch Buch um Buch beim Diogenes-Verlag erschienen ist: zu Sammlungen von Bildern, auf denen die Menschen vor Liebe und Seligkeit strahlen, auf denen Streitereien bloß ulkig sind und auf denen die kleinsten Alltagsgesten eine Aura haben, als schauten wir den abgebildeten Figuren beim Genuss einer Köstlichkeit zu.
Als Teenager flog Sempé von der Schule, und als Lehrling wollten ihn weder die Post noch die Eisenbahn haben, weil er schon die ersten Eignungsprüfungen vermasselte. Es muss also Momente der Verzweiflung gegeben haben. Letztlich schwindelte sich Sempé mit einer gefälschten Geburtsangabe in die Armee, um überhaupt mal Halt und Unterhalt zu finden. Nach seiner Entlassung aber wurde er dann Zeichner in der regen, talentreichen franko-belgischen Comic-Branche – eigentlich, hat er ironisch gesagt, habe er immer auf eine Festanstellung gewartet und nie eine bekommen.
Auch in den Nick-Geschichten spürt man, dass Sempé uns nicht überzeugen will, das Leben sei je so leicht gewesen. Sempé und Goscinny haben die Nick-Geschichten mitten in einem 20. Jahrhundert geschrieben, das schon zwei Weltkriege erlebt hatte. Die Frage stand im Raum, ob das so weitergehen und wie verheerend der nächste Krieg sein würde. Denkt man das mit, schwillt das Bittersüße an Nicks Welt noch einmal an.
Bitter oder zynisch aber wurde der im Pariser Bezirk Saint-Germain-des-Prés verwurzelte Zeichner nie. Der Mann, der gerne Jazzmusiker geworden wäre und der in seinen Bildern musizierende Menschen gerne als Kurzurlauber im Paradies zeigte, stellte sich aber auf seine Art einer der großen Herausforderungen der Moderne. In der durchindustrialisierten Massengesellschaft ist das Individuum, so befinden Soziologie, Philosophie und Literatur, eigentlich nur ein subatomares Stäubchen, ein winziger Teil der Statistik, kein heroisches Individuum. Sempé griff dieses Weltbild auf und transformierte es so, wie Märchenfeen ordinäre Kürbisse in prachtvolle Kutschen verwandeln.
In vielen von Sempés Zeichnungen sind die Menschen sehr klein, manchmal sind sie geradezu winzig. Sie müssten eigentlich erdrückt werden von enormen Stadtbauten, vom Gewimmel der anderen, ja, von ihren eigenen Wohnräumen. Die bürgerlichen Salons wachsen bei Sempé zu Minikathedralen empor, mit Bücherwänden oder Fensterfronten, die es darauf anzulegen scheinen, die Menschen davor klein wie Mäuse wirken zu lassen. Genau das aber geschieht dann doch nicht in Sempés Bildern.
Hier hat Größe nichts Einschüchterndes, hier strahlt das Wuchtige bloß Geborgenheit aus, und das Luxuriöse ist frei von Hohn gegen jene, die weniger haben. Wimmelbilder mit Massen kleiner Menschen erzählen nicht von der Wut auf die anderen, sondern von der Freude möglicher Begegnung, allenfalls von der heiteren Vorfreude auf Stille.
Sempés Figuren stehen vor den Steinmassen der Großstadt wie Kinder an der Hand ihrer Eltern, selig im Wissen ums Beschütztsein. Sie müssen sich auch nicht ums Heroische mühen. Im Winzigsten liegt bei Sempé Erfüllung, in einem Gruß über die Straße oder im Blick auf Vögel, während man eine Allee entlang radelt. Passionierter Radler war er selbst, den Pedaleuren galt wie den Musikern seine besondere Zuneigung. Im Radfahren steckt eine Grundzuversicht, die des Klarkommens aus eigener Kraft.
Keiner hat so oft wie er für das Magazin „The New Yorker“ – für die Champions League der Cartoonisten also – Titelbilder geliefert wie Sempé, über einhundert Mal. Ihm schien der Begriff Moloch fremd, er verwandelte auch New York in einen Ort des Lustwandelns und der Freundlichkeit. Wenn außerirdische Archäologen einmal den Nachlass der Menschheit sichten, dann werden Sempés Bilder sie zu dem Schluss verführen, dass es auf diesem Planeten einmal zwei Menschenarten gegeben haben muss, eine viel sympathischer und lebensklüger als die andere – kenntlich an ihrer großen Nase.