Jean-Louis Trintignants Figuren wirkten auf den ersten Blick oft siegreich und selbstbewusst. Aber man musste genau hinschauen, dann wurde die Wahrheit offenbar.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Leute, denen das Leben zu früh viele Türen aufgemacht hat, traut man nicht. Jedenfalls nicht in einem Beruf, der Einfühlungsvermögen erfordert, in dem des Schauspielers. Jean-Louis Trintignant kam aus begütertem Hause, eine seiner ernsten Leidenschaften war das Fahren von Autorennen. So einen, hätte das gepflegte Vorurteil getippt, werde das französische Kino des erhöhten Welthungers, der Rüpelneugier, der Stressmachersympathie, das Kino der Nouvelle Vague, allerhöchstens in Laffenrollen besetzen. Aber als Trintignant im Jahr 1955 seine Kinokarriere begann, blies er dieses Vorurteil zur Tür hinaus wie Zugluft eine Staubfluse.

Der nun im Alter von 91 Jahren Gestorbene fand zwischen Frankreichs Kinostars, dem charismatischen, raumgreifenden Jean-Paul Belmondo, dem kühlen, mokanten Alain Delon, dem stillen, melancholischen Jean-Pierre Léaud etwa, seinen Platz als Zweifler. Dabei trat er oft eher als Zupackender ins Bild, als Jäger, als Verführer, aber dann sah man die Andeutung von Verwirrung im Gesicht. Trintignants Figuren konnten mittendrin stehen und doch ein wenig neben der Szene. In einem Liebesfilm wie Claude Lelouchs „Ein Mann und eine Frau“ von 1966 waren Dialoge nur das eine, das andere war diese Andeutung eines Stirnrunzelns über der Nase, das plötzliche Nach-innen-Gehen eines Blicks.

Schmerzhaft intensiv

Wenn Trintignants Männer Liebe erlebten, fragten sie sich, wie lange die halten würde. Wenn sie verführten, fragten sie sich, warum ihnen das gelang. Dieses Erschütterungssensorium war in allen Genres aufregend, aber in einem Politthriller wie „Z“ (1969) von Costa-Gavras besonders packend: wenn einem Mann klar wird, wie viel Illegales sich in der Legalität versteckt.

Im Alter lösten Trintignants Figuren den Zweifel ihrer jüngeren Vorgänger quasi ein. Der Schauspieler, der 2012 beim Stuttgarter Europa-Theater-Treffen französische Lyrik rezitiert hatte, spielte 2017 für Michael Haneke in „Happy End“ schmerzhaft intensiv den dement werdenden Alten, der aus dem Leben scheiden will. Lohnt sich das alles, fragten sich seine Figuren ja schon immer. Als Zuschauer tat man sich da leichter, weil man sich in Trintignants Kunst für den Moment stets geborgen fühlte.